Werbung

Wo Nobelpreisträger nächtigten

Das Hotel »Friedenau« ist Familienhotel und Hommage an das literarische Friedenau. Geführt wird es von der Schriftstellerin Christa Moog. Ein Bildband porträtiert ähnliche Hotels in aller Welt

  • Von Wolfgang Scherreiks
  • Lesedauer: 7 Min.

Eine Geschichte über Hotels kann natürlich nur in einem Hotel geschrieben werden», schrieb der Reiseschriftsteller Cees Nooteboom. So tippe ich die ersten Notizen über das Literaturhotel Berlin auf dem Biedermeier-Sofa im Dachapartment des Hauses. An der Wand gegenüber verschwimmt der Winter im Norden, in Monets «Raureif in Giverny», 1885. Hinterm Sofa flimmert die südliche «Landschaft bei Collioure» von Matisse. Gemalt 1905. Aber die Tür mit Glaseinsatz und trüber Gardine ist wie ein Link zur Nachkriegszeit, als eine Friedenauer Witwe hier die ersten Zimmer vermietete. Über Dekaden ging es von einer Pension über in einen Hotelbetrieb. Hinter der Glastür gelange ich über einen Flur ins Treppenhaus.

Das ist mal eng, mal weit. Denn in der Gründerzeitvilla aus dem Jahre 1889 spielen Lichtprismen der Kristallkronleuchter mit dem Tageslicht. Es ist ein Haus der roten Teppiche. Besonders ein Ort unendlicher Spiegel in goldfarbenen Rahmen. «Aus tausend grünen Spiegeln», hieß der Roman von Christa Moog, «scheint zu gehen vergangne Zeit, die lächelnd mich verwirrt», geht der Mörike-Vers weiter. Das Hotel als «unbegrenztes Territorium» (Nooteboom) ist zeitlich auch ein Ort des Gestern. Schon im Roman reist die Autorin und heutige Inhaberin des Hotels autobiografisch auf den Spuren ihres Jugendideals, der neuseeländischen Schriftstellerin Katherine Mansfield. Doch davon später mehr.

Zuerst endet der Gang die Treppe hinunter vor der Rezeption. Spätestens wenn von der Wand die Schriftstellerinnen und Schriftsteller herunterblicken, vergegenwärtigen Gäste, dass sie im Herzen eines historischen Literaturviertels nächtigen. Die Porträts entstammen dem Literaturarchiv Marburg und dem Literarischen Colloquium Berlin. Die Porträtierten wohnten in der Nachbarschaft: Rosa Luxemburg in der Cranachstraße, Erich Kästner und später Uwe Johnson in der Niedstraße, Max Frisch neben Günter Grass in der Sarrazinstraße, Hans-Magnus Enzensberger in der Fregestraße und Herta Müller bis vor Kurzem in der Menzelstraße.

Erinnerungsfetzen aus dieser Friedenauer Literaturszene anno 1973 leuchten zum Beispiel auf im «Berliner Journal» von Max Frisch: «Übernahme der Wohnung (Sarrazin Strasse 8) und Abend bei Grass. Nieren.» Oder: «Gestern mit Uwe und Elisabeth Johnson in einem italienischen Restaurant hier in Friedenau. Es stimmt nicht, dass im Alter keine neue Freundschaft mehr entstehe.» Und an anderer Stelle: «Erste Einkäufe auf dem Wochenmarkt, der in Zukunft unser Markt sein soll, Breslauer Platz, eingeführt durch Günter Grass; Fischkunde.»

Christa Moog erinnert sich an eine viel jüngere Dekade: «Die spätere Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch besuchte uns regelmäßig, als sie ein DAAD-Stipendium hatte. Über längere Zeit hat sie immer wieder hier gewohnt. Wir sind uns sehr nahe gekommen, führten gute Gespräche. Ich kann ja auch ein bisschen Russisch.»

Nicht alle logierten im Hotel. «Wer hier gewohnt hat und vielleicht einen Roman fertiggestellt hat, das weiß man ja oft erst hinterher», sagt sie. Und zuerst handelt es sich um ein Familienhotel. Oft werden die Gäste von der Literatur überrascht. Manchmal ist es umgekehrt: «Einmal kam eine Familie. Der Vater sah aus wie ein Lkw-Fahrer, holte ein paar Flaschen Bier raus, zündete sich eine Zigarette an. Aber als er Rilke an der Wand entdeckte, zitierte er umgehend »der weiche Gang geschmeidig starker Schritte …« und alle drei Strophen von »Der Panther« von Rilke. »So etwas vergisst man nicht«, sagte er.

Vor der Rezeption öffnet sich der Uwe-Johnson-Salon. Der Namensgeber mietete sich ab Ende der 70er Jahre regelmäßig im zweiten Stock ein. Der Salon hält ein Bücherregal mit den »Friedenauer« Autoren vor. Das Mobiliar setzt den Biedermeierstil mit seinen unaufdringlichen Formen fort: edle Kirsche, Kastanie, geflammte Birke. Scheint die Sonne hinein, leuchten die Maserungen. Darauf liegen Richelieustickereien. Im Schrank schichtet sich Goldrandgeschirr. In den Schubladen der Kommode geputztes Silberbesteck mit Monogrammen.

In diesem Salon las 2007 der Schriftsteller und Grafiker Christoph Meckel. »Die Friedenauer kamen in Scharen«, sagt Moog. »Er hat Gedichte gelesen, so leise, man hätte eine Stecknadel fallen hören können.« Christa Wolf, Clemens Meyer, Peter Schneider, Judith Hermann und viele andere hielten Lesungen.

Durch die Fenster des Salons blickt man auf die roten Chinarosen im Garten. Daneben verbreiten sich Quitte, Rhododendron, Blauregen und Lorbeerkirsche. Weiße Tische und Stühle stehen bereit. Dort nehmen wir Platz und kommen auf den Anfang zurück. Am Anfang war das Buch.

»Ich war Mitte 20, lebte in der DDR und las gerne Kurzgeschichten«, verrät die Dame des Hauses. »Von Hemingway, Henry Miller, E. A. Poe. Natürlich auch Turgenjew und Tschechow. Aber Katherine Mansfield wurde mein großes Vorbild. Ich habe sie in einer Bibliothek in Eisenach entdeckt. Sie hat mich auf besondere Weise berührt. Ich habe mich gefragt: Wie hat sie das jetzt gemacht?«

Nach ihrer Auswanderung 1984 reiste sie auf ihren Spuren nach Paris, London und Italien bis nach Neuseeland. Heraus kam Ende der 80er besagter Roman »Aus tausend grünen Spiegeln«. Ein Text mosaikhaft gesetzt wie Spiegel-Splitter aus Augenblick, Memoire und Mansfield-Zitaten. Er wurde ein Erfolg. Marcel Reich-Ranicki lobte, es regnete Preise.»Ich hatte den Roman veröffentlicht. Der Verlag wollte in absehbarer Zeit den nächsten. Der Druck war sehr groß. Aber man kann nicht arbeiten, wenn man zu müde ist und gestört wird, weil die Probleme rundherum zwingend sind.«

Thomas Mann verbat sich bekanntlich strikt jede Störung durch Familienmitglieder. Als schreibende Mutter ist das eine ganz andere Sache. »Sie können zwei kleinen Kindern nicht entfliehen«, sagt Christa Moog. »Die Kinder haben mich oft geweckt. Über Wochen litt ich unter Schlafproblemen. Man kann dann nicht schreiben. Aber ein Hotel führen, das kann man immer noch.«

Hoher Besuch unterbricht das Gespräch: Die wahre Chefin des Hauses und Literaturliebhaberin streift durch den Garten. Geduldig hält sie jede Lesung bis zum Ende aus: die Hauskatze Mary. »Viele Gäste behaupten, sie kommen nur wieder, um die hinreißende Mary zu sehen«, sagt Moog. »Sie kennt jede Stelle im Hotel. Hat viel erlebt und drei Söhne hier bekommen.«

Doch wie kam die Schriftstellerin nun zum Hotel? Schon in der DDR besaß sie eine Verbindung zur Branche. In den 70er Jahren machte sie einen Facharbeiterbrief. »So konnte ich mit 16, 17 in Eisenach im Hotel auf der Wartburg oder im Parkhotel kellnern. Es kamen viele Leute aus dem westlichen Ausland. Und wir waren wie die Chefs, haben die Plätze vergeben und viel Trinkgeld erhalten.« Die Begegnung mit Reisegruppen aus Japan, USA oder England öffneten ein Tor zur Welt. »Wir kamen mit Leuten zusammen, die man sonst nie getroffen hätte. Mir hat das ganz gut gefallen.«

Auch nach ihrem Bucherfolg arbeitete sie in Schweden mit ihrem Mann in der Hotelbranche. »Es war eine Möglichkeit zu arbeiten und Geld zu verdienen, ohne den Druck, gute Literatur produzieren zu müssen.« Als sie 2003 nach Berlin zurückkehrte, las sie eine Annonce für das Hotel in der Fregestraße. »Da habe ich gesagt, ich mache das jetzt.«

Über die Jahre hat sich die Schriftstellerin Notizen gemacht. Weiter an Themen gedacht. Ob die Besitzerin des Literaturhotels selbst an den Schreibtisch zurückehren wird, weiß sie nicht. Der Ablauf im Hotel steht jetzt im Vordergrund. Die Zimmer und das Frühstück müssen gemacht werden. Sie sagt: »Selbst das ist literarisch. Manchmal literarischer als das Literarische.«

Das Hotel findet Erwähnung in dem Bildband »Literaturhotels« von Barbara Schäfer. Er zeigt, wo teils arme Mieter auf Zeit literarischen Reichtum für später produzierten. Agatha Christie schrieb im Istanbuler »Pera Palace« den »Mord im Orientexpress«. Hermann Hesse und Thomas Mann residierten im Waldhaus »Sils Maria« im Engadin. Manch Aufenthalt nahm ein böses Ende. James Joyce flog mittellos aus dem heutigen »Victoria Hotel Letterario« in Triest. Und Oscar Wilde wurde im Londoner »Carogan« wegen »Sodomie« verhaftet. Nicht alle Anekdoten sind taufrisch. Der Band bietet ein bilderreiches Sammelsurium und erste Orientierung, um demnächst einmal auf literarischer Spurensuche einzuchecken - wenn man es sich denn leisten kann.

Barbara Schäfer: Literaturhotels. Lifestyle BusseSeewald. 176 S., geb., 25 €.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung