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»Wahnsinn« auf der Bahn

Die deutschen Radsportlerinnen dominieren mit sechs Goldmedaillen die WM in Roubaix

  • Von Tom Mustroph
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Maske rutscht beim Überstreifen des Regenbogentrikots kurz von der Nase herunter. Das kleine Missgeschick bei der Siegerehrung im Velodrom von Roubaix war aber auch das einzige Detail, was bei Lisa Brennauers Auftritt bei diesen Weltmeisterschaften auf der Bahn nicht gepasst hatte. Nach Gold in der Teamverfolgung fügte sie am Sonnabend auch Gold in der Einzelverfolgung hinzu. Den tollen Auftritt der deutschen Ausdauer-Frauen veredelten Brennauers Kolleginnen Franziska Brauße mit Silber und Mieke Kröger, ebenfalls Olympiasiegerin von Tokio und Teamweltmeisterin von Roubaix, mit Bronze. »Letztes Endes ist es wieder eine große Teammedaille mit drei verschiedenen Farben«, kommentierte Brauße die Besetzung des Siegerpodiums. Diese mannschaftliche Stärke ist für sie auch Ursache der Erfolge. »Es macht super viel Spaß, so viel Konkurrenz in der eigenen Nation zu haben. Das ist ein bisschen unser Geheimrezept. Das pusht uns als Mannschaft enorm«, sagte sie und fügte noch hinzu:. »Ich bin hochzufrieden mit Silber.«

Noch zufriedener war selbstverständlich Lisa Brennauer. »Der Fokus lag hier auf dem Vierer. Trotzdem war die Einerverfolgung für uns ein Ziel«, meinte sie. Und angesichts der Protagonistinnen bei der Siegerehrung geriet sie ins Schwärmen: »Jetzt zu dritt auf dem Podium zu stehen ist Wahnsinn.«

Diese Art Wahnsinn brach für den Bund Deutscher Radfahrer (BDR) auch bei den Kurzzeitdisziplinen aus. Nach dem Regenbogentrikot im Teamsprint erweiterten Emma Hinze und Lea Sophie Friedrich ihre jeweiligen Kollektionen mit der gestreiften Kleidung. Am Freitag verteidigte Hinze im Sprint ihren im Vorjahr in Berlin errungen Titel. Sie wirkte selbst ein bisschen überrascht. »Ich habe im Vorfeld nicht dran geglaubt, weil ich mich nicht so gut gefühlt habe wie vor Berlin«, sagte sie. Der Titel im Teamzeitfahren gab ihr aber die Gewissheit, zum Saisonende doch wieder eine exzellente Formkurve erwischt zu haben. Jetzt freut sie sich auf ein Jahr mit Wettkämpfen, in denen sie ihr Trikot auch zeigen kann. Nach den Berliner Triumphen - sie wurde dort dreifache Weltmeisterin - führte die Pandemie zu einer ganzen Serie von Rennabsagen. Jetzt ist Hinze optimistischer und hofft auf einen normalen Wettkampfkalender. Allerdings ist auch der nicht in Stein gemeißelt.

Bei der neuen Champions League im Bahnradsport, für die Hinze schon qualifiziert ist, gab es bereits eine Absage. Die zweite Station der am 6. November auf Mallorca beginnenden neuen Rennserie wird wegen Corona ausfallen. Denn das Velodrom in Saint-Quentin-en-Yvelines bei Paris wird bis mindestens Ende des Jahres als Impfzentrum genutzt. Warum es keine Alternative gab, etwa das jetzt die WM beherbergende Velodrom in Roubaix, muss der Weltverband noch erklären.

Neben Hinze ist auch der Cottbusser Max Levy qualifiziert. Der war nicht bei dieser WM dabei, wird noch in diesem Jahr seine großartige Karriere beenden, nimmt aber die Premiere der Champions League mit. Lea Sophie Friedrich startet dort ebenfalls. Am Sonntag aber setzte sie erstmal den goldenen Schlusspunkt: Mit dem Sieg im Keirin gewann sie ihren dritten WM-Titel.

Zuvor hatte sie in Roubaix Hinze im rein deutschen Sprintfinale herausgefordert, erkannte dann aber den Sieg der Besseren an. »Ich bin zufrieden mit meinem Resultat. Emma ist in dieser Form einfach unschlagbar. Ich freue mich für sie. Sie hat sich das wirklich verdient«, meinte sie mit Blick auf die Teamkollegin. Selbst holte sie aber noch ein weiteres Regenbogentrikot im Zeitfahren. Die Umstände dabei waren durchaus kurios: »Eigentlich wollte ich die 500 Meter gar nicht fahren. Das kann man jetzt eigentlich gar nicht erzählen. Man konnte mich nicht abmelden. Da hab ich gesagt: Scheiß drauf, Lea, dann verteidige ich einfach meinen Titel«, sagte sie - und staunte immer noch. Denn in der Woche zuvor hatte sie noch mit einer Erkältung im Bett gelegen.

Die Männer konnten mit dem Auftritt der Frauen nicht mithalten. Joachim Eilers holte nach Bronze im Teamsprint eine Medaille aus dem gleichen Metall im Zeitfahren über 1000 Meter. Sein Teamsprint-Bronzekollege Stefan Bötticher qualifizierte sich dank zweier cleverer Läufe gegen den eigentlich explosiveren Nicholas Paul aus Trinidad und Tobago immerhin fürs Sprinthalbfinale am Sonntag - und wurde am Ende Vierter.

In absoluten Zahlen stellt diese WM die beste für den BDR seit 1991 dar. Ein schönes Abschiedsgeschenk für Detlef Uibel, den scheidenden Cheftrainer Kurzzeit. Der 62-Jährige, einst selbst erfolgreicher Bahnsprinter, will nach drei Jahrzehnten im Trainerstab des BDR »Platz für Jüngere und Raum für neue Impulse« schaffen, wie er selbst sagte. Dass mit ihm auch der mit 36 Jahren noch sehr junge Ausdauertrainer und Technikexperte Sven Meyer den BDR verlässt, deutet allerdings trotz aller Erfolge auf Reibungen hin. Als Grund für sein Ausscheiden nannte Meyer, der Verband habe sich trotz immer komplexerer Aufgaben personell kaum entwickelt. Bleibt zu hoffen, dass der aktuelle Erfolg nicht vorhandene Baustellen übertüncht, sondern von grundlegend guten personellen Entscheidungen begleitet wird.

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