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Die einmilliardste Impfdose

In Indien geht es im Kampf gegen Covid-19 schnell voran, doch das Tempo ist nicht überall gleich hoch

  • Von Thomas Berger
  • Lesedauer: 4 Min.

Der 21. Oktober hat sich in die Annalen der indischen Corona-Bekämpfung eingetragen: Es ist der Tag, für den die Statistiken die einmilliardste Impfdosis ausweisen. Seit im Januar mit den Impfungen begonnen wurde, feiert die Regierung von Premierminister Narendra Modi dies als markanten Erfolg. Und auch für die Bevölkerung ist es ein gutes Gefühl, dass vergangenes Wochenende nun 300 Millionen Menschen einen vollen Impfschutz hatten und bereits zur Wochenmitte die Marke von 700 Millionen mindestens Erstgeimpften überschritten wurde. Nur ein anderes Land kann noch mehr aufbieten: Die Volksrepublik China weist schon 2,2 Milliarden Impfungen aus.

Der Fortschritt der Impfkampagne in Indien ist jedoch von Region zu Region sehr unterschiedlich ausgeprägt. Die interaktive Karte der Harvard-Universität, die aus den regierungsamtlichen Zahlen gespeist wird, ist beim Blick auf die einzelnen Distrikte sehr verschieden eingefärbt. So liegt nach wie vor West Siang im Bundesstaat Arunachal Pradesh an der Spitze. Dort haben inzwischen über 72 Prozent der Bevölkerung die zweite Dosis erhalten. Auch der städtische Distrikt Kamrup in Assam hat die Marke von 70 Prozent knapp überschritten. Als vorbildlich dürfen zudem Kinnaur (Himachal Pradesh) mit über 65 Prozent und Gurgaon, ein moderner Vorort Delhis, mit 62 Prozent gelten. Als Bundesstaat am weitesten ist das kleine Sikkim an der Südflanke des Himalaya. Die lediglich vier Distrikte dort bringen es auf 57 bis knapp 70 Prozent Einwohner mit vollem Impfschutz. Dafür fallen aber auch Gegenden auf, die eine sehr geringe Impfquote haben. Das betrifft viele Distrikte im bevölkerungsreichsten Bundesstaat Uttar Pradesh ebenso wie das im Süden gelegene Tamil Nadu. In beiden Unionsstaaten gibt es diverse Gebiete, in denen noch nicht einmal zehn Prozent der Bevölkerung voll geimpft sind. Gleiches gilt für Manipur im Nordosten – während nebenan in Mizoram die Werte zwischen gut 30 und über 50 Prozent schwanken.

Verimpft wird übrigens seit Anbeginn zu etwa 88 Prozent Covishield, die indische Version des Präparats von AstraZeneca, mit gleichbleibend gut elf Prozent ist das einheimische Vakzin Covaxin im Einsatz. Die paar Sputnik-Dosen sind mit 0,1 Prozent vernachlässigbar.

Nicht überall ist es leicht, die Impfkampagne durchzuführen. Gerade abgelegene Gebiete werden von den Impfteams schwer erreicht. Geografische Schwierigkeiten sind aber kaum die Erklärung, warum gerade Sikkim und andere Hochgebirgsregionen wie im nunmehr zentral verwalteten Jammu und Kaschmir ebenso eine sehr gute Impfquote aufweisen wie die Andamanen und Nikobaren, eine abgelegene Inselgruppe im Golf von Bengalen. Vielmehr ist es die mehr oder weniger gute Effizienz der örtlichen Verwaltung, die auf diese Weise sichtbar wird. Manche District Collectors, wie die dortigen höchsten Beamten genannt werden, haben große Mühe in der Organisation, während es bei anderen vorbildlich läuft.

Bis in den Juli hinein hatten die Tageswerte grob um etwa drei Millionen verabreichte Impfdosen geschwankt, über den August hinweg stieg der Schnitt auf mehr als das Doppelte.

Es gab punktuelle Ausreißer, die im Vergleich in vielen anderen Ländern eine Mischung aus Neid und Bewunderung auslösen: Jeweils über zehn Millionen Impfdosen wurden am 30. August und 5. September verteilt, sogar über 18 Millionen waren es am 16. September. Gegenüber den Ende des Vormonats erreichten bisherigen Wochen-Höchstständen sind die Quoten im Oktober aber nun deutlich bescheidener. Und nicht nur die eher regierungsnahe Zeitung »Hindustan Times« merkte in einem Beitrag an, dass es mit dem aktuellen Tempo nicht gelingen werde, das Ziel zu erreichen, bis Jahresende alle Erwachsenen geimpft zu haben.

Immerhin kam nunmehr die Meldung, dass Indien seine Impf-Exporte wieder aufnehme: Zunächst mit bilateralen Lieferungen in die Nachbarstaaten wie schon im zeitigen Frühjahr. Eine gute Nachricht ist das aber vor allem für die globale Covax-Initiative, die wesentlich auf die weltweit größten Produktionskapazitäten auf dem Gelände des Serum Institute of India (SII) in Pune angewiesen ist. Da im eigenen Land die Infektionsquoten Ende April explodiert waren und Anfang Mai Rekordwerte von über 400 000 Neuinfizierten pro Tag erreichten, hatte die Regierung in Delhi einen vorläufigen Exportstopp verhängt, da zunächst jede Impfdosis selbst gebraucht wurde. Aktuell werden in Indien täglich um die 16 000 Neuinfektionen gemeldet. Bei den Gesamtinfektionen liegt Indien mit gut 34 Millionen seit Beginn der Pandemie weltweit auf Rang zwei, 453 000 Todesopfer stehen in der Statistik.

»Die Situation hat sich entspannt«, sagt Ramaswamy Ranganathen, der mit seiner Organisation CTRD in der Nilgiris-Bergregion im südlichsten Bundesstaat Tamil Nadu seit 30 Jahren vor allem Adivasis, also Angehörige der benachteiligten indigenen Gemeinschaften, mit diversen Projekten unterstützt. Dank Spenden hat CTRD zuletzt besonders bedürftigen Familien Pakete mit Nahrungsgütern zukommen lassen, weil die gar kein Einkommen mehr hatten.

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