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Tradition als Kraftquell

«Die ewige Supermacht» - eine chinesische Weltgeschichte von Michael Schuman

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 6 Min.
Wie ein Bandwurm schlängelt sich die chinesische Mauer über Gebirgsketten.
Wie ein Bandwurm schlängelt sich die chinesische Mauer über Gebirgsketten.

China ist nicht der einzige Staat, der sich gleichsam zum Mittelpunkt der Welt erklärt, man denke nur an Deutschlands Großmannssucht, an europäische Überheblichkeit und «America First». Aber es ist der bevölkerungsreichste Staat der Erde und auf dem Wege, zur ökonomischen Nummer eins zu werden. Und das unter Führung einer kommunistischen Partei, mit Misstrauen beäugt von den einen, mit Hoffnungen bedacht von den anderen. Wobei es vor allem die Verwunderung über diese Entwicklung ist, die Leserinteresse weckt. Vor dem Hintergrund fortwährender Diffamierungen durch Politik und Medien möchte man Genaueres wissen, am besten von Leuten, die persönlich mit dem Land vertraut sind.

Eine Entdeckung war da für mich «Das chinesische Jahrhundert» von Wolfram Elsner (Westend-Verlag), der als Professor für Volkswirtschaftslehre dort immer wieder als Hochschullehrer tätig ist, erfährt man aus seinem Band doch viel über Alltag und Stimmungen in der Bevölkerung. Auf andere Weise beeindruckte mich der Band «Alles unter einem Himmel. Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung» (Suhrkamp) des chinesischen Philosophen Zhao Tingyang, weil dort auf der Grundlage des alten chinesischen Prinzips des «Tianxia» die Vision eines gewaltfreien Miteinanders auf Erden entwickelt wird.

Es mag auch mit westlichen Versuchen zu tun haben, alles Kommunistische erst einmal links liegen zu lassen (schließlich soll es keine Vorbildwirkung entwickeln), wenn verstärkt nach den Traditionen gefragt wird, die dieses Riesenland so besonders machen. In der Tat wäre manches - zum Beispiel die schnelle Überwindung der Corona-Pandemie - nicht denkbar ohne eingeübte Verhaltensweisen, die uns im Westen fehlen. Die wir vielleicht so auch gar nicht haben wollen. Sagen wir es deutlich: Die Angst vor China gilt in den Machtetagen einer möglichen ökonomischen und politischen Überlegenheit. In der Bevölkerung gibt es vor allem ein Misstrauen gegen Kollektivismus und Autokratie, das, wie gesagt, lautstark medial unterstützt wird.

Michael Schuman hat in Pennsylvania Asienwissenschaften, Politik und Internationale Beziehungen studiert und 23 Jahre als Asien-Korrespondent für das «Wall Street Journal» und für «Time» geschrieben. Er lebt bis jetzt in Peking, kennt das Land genauestens. Was dem Text zudem zugutekommt: Als Journalist vermag er sehr lebendig, ja mitreißend zu schreiben, wobei die Geschichtslektionen über 512 Seiten durchaus anspruchsvoll genannt werden können. Hervorzuheben ist, wie anschaulich sie von Seite zu Seite vom Verlag und Autor aufbereitet worden sind.

Am Anfang gibt es eine Zeittafel chinesischer Dynastien, beginnend mit den Zhang 1545-1045 v. Chr. und endend mit den Quing 1644-1912, als der letzte Kaiser abdankte. Danach werden auf mehreren Seiten wichtige historische Persönlichkeiten charakterisiert. Auch eine China-Karte fehlt nicht. Am Schluss ist ein zwölfseitiges eng gedrucktes Personen- und Sachregister von «Abbasiden» bis «Zweiter Weltkrieg» angefügt.

Wer im «Westen», in Europa oder den Vereinigten Staaten von Amerika aufwächst, für den beginne die eigene Version der Weltgeschichte üblicherweise im antiken Griechenland mit seinen Philosophen, Dramatikern und Dichtern, schreibt Schuman. Aber die Chinesen folgten einem anderen Strang der Weltgeschichte, der viel, viel früher wurzelt. Ohne Kenntnis dieser Vergangenheit, in der China auf eine selbstverständliche Weise Supermacht war, können wir Heutiges nicht verstehen. Darum geht es.

Wenn Schuman 3000 Jahre Geschichte betrachtet, sieht er nicht nur eine Abfolge von Ereignissen, von Kämpfen, Erfolgen und Niederlagen, sondern sucht auch nach Prägungen für das Weltbild heute. Damit ist er in gewisser Weise im Einklang mit derzeitiger Politik und Ideologie, die sich nach den Brüchen durch die Kulturrevolution verstärkt wieder auf Traditionen beruft. Konfuzianismus und Daoismus gehen ja schon auf die Zhou-Ära zurück. Wobei auch China keine durchweg friedliche Geschichte hatte. Kriege tobten, mit harten Maßnahmen wurde gegen Widersacher vorgegangen.

Das spektakulärste Projekt der folgenden Quin-Dynastie (221-206 v. Chr.) war der Bau der ersten Großen Mauer, die später unter den Ming (1368-1644) so errichtet wurde, wie wir sie heute kennen. Unter den Han (206 v. Chr.-220 n. Chr.) dehnte sich China über ganz Ost- und Zentralasien aus. Es folgten über drei Jahrhunderte, in denen sich mehrere Königreiche um die Vorherrschaft stritten.

In der relativ kurzen Regierungszeit der Sui (581-618) wurden die strengen Prüfungen für den Staatsdienst eingeführt, die bis heute etwas Vorbildhaftes haben, weil sie auch armen Familien Aufstiegsmöglichkeiten boten. Unter den Tang (618-907) und den Song (960-1279) kam China zu immensem kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Einfluss, unterlag aber am Ende den mongolischen Yuan, was als diskriminierend empfunden wurde, aber dennoch einen kulturübergreifenden Austausch zur Folge hatte. Schließlich die Ming, die China zu einer Seefahrernation machten, und die Quing (1644-1912), in deren Zeit die Opiumkriege und der Boxer-Aufstand fielen und die letztlich dem westlichen Imperialismus unterlagen.

Bislang hatte es selbst unter den Kritikern der jeweiligen Kaiser keinen Zweifel am System an sich gegeben. Das änderte sich nun. Teile des Adels und der Intellektuellen wollten «modern» sein, und es wimmelte in ihren Köpfen «von neuen Ideen zu Verfassungen, Demokratien, Rasse und Nationalismus», wie Schuman schreibt, der im Folgenden diese Strömungen, die Modernisierungsversuche und ihre Protagonisten erläutert. Studentenproteste hat es, wie man sieht, schon 1919 gegeben. 1921 wurde die Kommunistische Partei Chinas gegründet.

Die Jahre bis 1979, als Deng Xiaoping sich mit Jimmy Carter traf, kommen im Buch etwas zu kurz weg. Mit dem Jahr 1921 war der Autor schon auf Seite 425 angelangt. Bei der Public Afairs/Hachette Book Group, wo die Originalausgabe 2012 erschien, könnte es durchaus ein Seitenlimit gegeben haben. Aber die Antwort auf die eingangs gestellte Frage «Was will China?» scheint Schuman dann vor allem in Bezug auf Xi Jinping wichtig, der konsequent dem «chinesischen Traum» von einer «Wiederherstellung des Imperiums» folgt. Ob es angemessen ist, in ihm einen «Seelenverwandten» des Kaisers Hongwu zu sehen, des Gründers der Ming-Dynastie, sei dahingestellt.

Jedenfalls sieht Schuman eine Verbindung zur Handels- und Tributdiplomatie von einst, die auch zu Konflikten mit Nachbarstaaten führte. Nach seiner Ansicht bleibt der Westen, wie seit mehr als zwei Jahrhunderten, eine große zivilisatorische Herausforderung«; Xi weiß das wohl. Wenn neue Kapitel der chinesischen Weltgeschichte auch erst noch geschrieben werden müssen, eines ist sicher: Wir müssen umdenken. »Wenn wir im Westen die Welt betrachten, neigen wir dazu zu vergessen, dass andere Völker nicht unsere politische, soziale und wirtschaftliche Entwicklung durchlaufen haben und deshalb möglicherweise nicht unsere Ideale und Prioritäten teilen.«

In einer multipolaren Welt bedarf es einer viel größeren Offenheit und Toleranz, als wir es bisher gelernt haben. Die Neugier, mehr über andere Kulturen zu erfahren, wird wohl immer wieder mit eigenen Wertungen zu kämpfen haben. Auch deutsche Überheblichkeit hat ja historische Wurzeln. Umso wichtiger, jener polemischen Herablassung entgegenzutreten, mit der bundesdeutsche Politik gerade den aufstrebenden Ländern im Osten begegnet.

Michael Schuman: Die ewige Supermacht. Eine chinesische Weltgeschichte. Propyläen, 512 S., geb., 26 €.

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