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Revolution in der Manege

Mit den Mitteln von Zirkus, Oper und Theater blickt die Performance »Wendecircus« auf 31 Jahre Wiedervereinigung zurück

  • Von Tom Mustroph
  • Lesedauer: 4 Min.
Hier gehen Hoch- und Trivialkultur Hand in Hand: die Theaterperformance »Wendecircus«
Hier gehen Hoch- und Trivialkultur Hand in Hand: die Theaterperformance »Wendecircus«

Politik ist wie Artistik. In beiden Bereichen geht es darum, Balance zu finden und für Kräfteausgleiche zu sorgen. Selbst im Falle des Misslingens muss immer ein strahlendes Lächeln produziert werden. Unterschiede gibt es natürlich auch. In der Artistik fallen Fehler sofort auf: Der jonglierte Ball landet in den Sägespänen, der Trapezartist stürzt ab. Misslingen in der Politik gibt sich hingegen eher schleichend zu erkennen. Das Personal jedenfalls fällt, wenn es überhaupt fällt, weicher als jeder Akrobat. Und die Folgen politischer Fehlentscheidungen tragen meist die anderen, oft Jahre später, und dann millionenfach, mit zunehmender Entrechtung und Ausschluss vom gesellschaftlichen Wohlstand.

Angesichts solcher Zeitverläufe ergibt es wieder Sinn, dass sich nun 31 Jahre nach der Wiedervereinigung ein »Wendecircus« auf seine Tournee begibt. Die erste Station befand sich inmitten des rauen, von Punkbands beherrschten Geländes am Berliner S-Bahnring in der Nähe des Bahnhofs Greifswalder Straße. Aktuelle Station ist das Kleist Forum in Frankfurt an der Oder. Im nächsten Jahr soll wieder in Berlin, dieses Mal im Humboldt Forum, gespielt werden.

Zu diesem Zwecke haben sich ein echter Zirkus, das in siebter Generation betriebene Familienunternehmen Circus Magic, die freie Musiktheatergruppe Glanz & Krawall und das Performancekollektiv KGI zusammengefunden. Sie alle wollen künstliche Trennungen zwischen Trivial- und Hochkultur aufheben und Kopf und Körper wieder zusammenbringen.

Bevor man das Einlösen all dieser großherzigen Vorhaben am ersten Berliner Standort überprüfen konnte, musste man allerdings einen Orientierungslauf absolvieren. Kaum zu finden war der Eingang aufs Gelände. Man steckte in einem Skatepark fest, der für Punkkonzerte geöffnet war. Erst mit viel Glück entdeckte man den Pfad, der zum Zirkus Mond führt, einem charmant unfertig wirkenden Spielort des Neuen Zirkus, unter dessen Chapiteau der »Wendecircus« zu Gast war.

Dort war man schnell im Thema Wende drin. Gitarrist und KGI-Regisseur Simon Kubisch intonierte auf einer Akustikgitarre ein paar Takte der Nationalhymne der DDR. In manchen Köpfen schossen Bilder von Siegerehrungen bei Olympia hoch, dem wohl häufigsten Aufführungsort des »Auferstanden aus Ruinen«-Songs jenseits der Grenzen seines Entstehungsgebiets. Bevor sich zu viel Nostalgie breitmachte, fegte die E-Gitarre des Glanz & Krawall-Dramaturgen Dennis Depta mit rockig verzerrten Rhythmen der bundesrepublikanischen Hymne in die unplugged gegebenen Konkurrenzklänge. Schnell war der Sieger in diesem Duell ermittelt.

Die verschenkten Möglichkeiten nach dem Mauerfall, der Konsum, der die Hirne vernebelte, und die Existenzängste, die nach dem Befreiungsjubel die Kehlen verschnürten, waren die folgenden Themen. Die erwartbare Erzählung des vom Westen vereinnahmten Ostens wurde dankenswerterweise aber von immer wieder neuen Mustern und Gegensatzpaaren durchbrochen. Sopranistin Vera Maria Kremers berichtete etwa, warum sie aus dem großen und entfremdeten Opernbetrieb ausgestiegen ist und welches Abenteuer ein Familienzirkus doch darstellen kann. Der Gegensatz von Theater und Oper auf der einen und Zirkus auf der anderen Seite, von Staatskunst und Volkskunst, von geförderter und privatwirtschaftlicher Spektakelarbeit prägte auch weitere Szenen. Drollig wirkte, wie die Schauspieler*innen Tiere mimten, die der Peitsche der echten Dompteurin Anjali Endres meist willig folgten. Wer mochte, konnte darin aber auch die Anpassungsleistung der Deutschen Ost an die neue Ordnung West widergespiegelt erkennen.
Endres’ Bruder Jesse sorgte für Momente angehaltenen Atems, als er in einer Trapeznummer über den Köpfen des Publikums durch die Luft flog. Wegen der geringen Höhe des Chapiteaus zog der Luftstrom seiner Füße gelegentlich Scheitel durch die Haare der in den ersten Reihen Sitzenden. Da war die Gefahr spürbar. Das Risiko, von dem oft gesprochen wird, war mit den Händen zu greifen. Und die Bewunderung für die athletischen Fertigkeiten war ganz vorbehaltlos.

Nach weiteren Szenen, in denen Ich-Bezogenheit, Konsumorientierung, Abstiegsängste und permanente Verunsicherung als Phänomene der Gegenwart theatral, musikalisch und artistisch bearbeitet wurden, erfolgte ein überraschender Umschwung. Frei nach Georg Büchners »Dantons Tod« wurde zur Revolution, zum Blutvergießen aufgerufen – zum Vergießen des Bluts der alten Generation selbstverständlich. Da konnte man sich an den Terror der Französischen Revolution, aber auch den des 20. Jahrhunderts erinnert fühlen. Oder auch an den Terror von Taliban und Islamisten, der im Kern auch eine Mobilisierung frustrierter Jugendlicher durch Ideologien darstellt, die Erlösung in der Zukunft versprechen.

Gangbare Lösungen bot dieser Wendecircus nicht an. Wer erwartet dies auch von einem Zirkus? Assoziationsräume aber öffneten sich. Und Zirkus, Theater und Oper möchte man auch in Zukunft gern mal wieder derart ineinander verschlungen sehen wie an diesem Abend.

Nächste Vorstellungen: 29. und 30.10. im Kleist Forum in Frankfurt/Oder
www.kleistforum.de

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