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Land der Ungleichheit

Die Organisation »Voice Up Japan« kämpft für Gleichberechtigung. Keine leichte Aufgabe in einem Land, in dem das Hausfrauenideal so präsent ist

  • Von Eva Casper
  • Lesedauer: 7 Min.
Nach einem Boulevard-Artikel über »leicht verfügbare« Studentinnen gründete Kazuna Yamamoto die Organisation »Voice Up Japan«.
Nach einem Boulevard-Artikel über »leicht verfügbare« Studentinnen gründete Kazuna Yamamoto die Organisation »Voice Up Japan«.

Es war ein Artikel Anfang 2019 in dem Boulevardblatt »Spa!«, der Kazuna Yamamotos ganzen Frust explodieren ließ. Dort war eine Liste mit japanischen Universitäten aufgeführt, deren Studentinnen angeblich »sexuell leicht verfügbar« waren. Mit einer Onlinepetition sammelt Yamamoto innerhalb kürzester Zeit Zehntausende Unterschriften. Das Magazin druckt eine Entschuldigung und Yamamoto steht plötzlich im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit. Viele Menschen schreiben sie an, wollen sie unterstützen.

Gemeinsam starten sie die Organisation »Voice Up Japan«, die seitdem für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung kämpft. Sexistische Entgleisungen sind in Japan keine Seltenheit. Zuletzt machte Olympia-Organisationschef Yoshiro Mori weltweit Schlagzeilen, als er sich darüber beschwerte, dass Konferenzen sich in die Länge ziehen würden, wenn Frauen daran beteiligt sein. Nach lang anhaltender Kritik aus den Medien, der Politik und aus der Bevölkerung trat Mori schließlich von seinem Posten zurück.

Viele feierten dies als Erfolg für die Frauenbewegung. Allerdings: Es war eine seltene Ausnahme, dass eine sexistische Äußerung Konsequenzen hatte. Auch Yamamoto sagt, sie sei überrascht gewesen. Doch das könne nur der Anfang sein. Es brauche mehr Transparenz und eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Sexismus. Auch die Entschuldigung des Boulevardblatts empfand die 24-Jährige als Standardprozedur, die Medien häufig abspulten, sobald es Kritik gebe.

Doch Yamamoto und ihre Mitstreiter*innen ließen nicht locker, und sie schafften es, mit den Blattmacher*innen darüber zu sprechen, warum Artikel wie das Studentinnen-Ranking falsch sind. Schließlich veröffentlichte das Magazin einen Artikel über das Prinzip »Sexual Consent«: Wer Sex haben möchte, muss sich immer wieder vergewissern, dass der Partner oder die Partnerin das auch will - nur dann gilt der Sex als einvernehmlich. Ein Prinzip, das in Japan noch zu wenig bekannt sei, finden die Aktivist*innen.

Inzwischen zählt »Voice Up Japan« etwa 200 Mitglieder und wächst kontinuierlich. 15 bis 20 Prozent der Mitglieder seien Männer, erklärt Yamamoto. Die Organisation setzt sich inzwischen auch für die Rechte von LGBTQ-Personen ein.

Dabei hat sich Yamamoto in Japan selbst oft als Außenseiterin gefühlt. Geboren in Hongkong, verbrachte sie ihre frühe Kindheit in Singapur, bevor sie nach Japan kam. Wenn sie Dinge infrage stellte, hieß es oft, sie würde das nicht verstehen, weil sie keine richtige Japanerin sei, erzählt sie. Als sie in einem Restaurant als Kellnerin jobbte und belästigt wurde, entgegnete ihr Chef nur, der Gast sei eben betrunken. Ganz nach dem Credo: lächeln, wegstecken, sich nicht beschweren.

Ungleiche Verteilung von Macht und Geld

Doch Yamamoto will nicht mehr schweigen. Die Menschen seien abgestumpft, was sexistische Entgleisungen betrifft. Es sei eine »Art Gehirnwäsche«. Wenn sie weiter schweigen, werde es immer schlimmer. Doch Yamamoto weiß auch, dass das Problem nicht nur in den Köpfen einzelner Männer liegt, sondern im System verwurzelt ist. »Voice Up Japan« kämpft daher für eine Reform des Sexualstrafrechts und für die Einführung eines umfassenden Antidiskriminierungsgesetzes.

Aktivist*innen kritisieren seit Langem, Japans Sexualstrafrecht fuße zu sehr auf dem Prinzip der Gewaltanwendung. Sei das Opfer etwa bewusstlos oder wehre sich aus Angst nicht, werde die Tat oft nicht als Vergewaltigung anerkannt. Opfer würden stigmatisiert und nicht ernst genommen, was dazu führe, dass nur sehr wenige von ihnen überhaupt zur Polizei gingen.

Gleichzeitig hat Japan bis heute kein bundesweites Gesetz, dass LGBTQ-Personen vor Diskriminierung schützt. Erst kürzlich wurde ein entsprechender Gesetzesentwurf von der Regierungspartei blockiert. Gleichgeschlechtliche Liebe ist in Japan nicht verboten - heiraten können Paare aber nicht. Eine Studie des US-Meinungsforschungsinstituts »Pew Research Center« von 2019 hat ergeben, dass 68 Prozent der Bevölkerung in Japan der Meinung sind, Homosexualität sollte in der Gesellschaft akzeptiert sein. Dennoch erfahren viele queere Menschen im Alltag Mobbing und Übergriffe.

Was Gleichberechtigung betrifft, hinkt Japan seit Langem hinterher. Im »Global-Gender-Gap«-Bericht des Weltwirtschaftsforums landet es auf Platz 120 von insgesamt 156 Ländern. Deutschland liegt auf Platz 11. Grund für Japans schlechtes Abschneiden ist vor allem die ungleiche Verteilung von Macht und Geld. Frauen verdienen im Schnitt 43,7 Prozent weniger als Männer. Untersuchungen zufolge sind nur knapp zehn Prozent Frauen im japanischen Unterhaus vertreten.

Der Druck, nach der Geburt des ersten Kindes den Job zu kündigen, sei für Frauen groß, sagt Ayako Kano, Professorin an der University of Pennsylvania, die sich mit Feminismus in Japan beschäftigt. Der Anspruch sei, 24 / 7 für sein Unternehmen da zu sein und 24 / 7 für die Kinder. Unzumutbar sei das, so Kano. Das System könne sich ihrer Meinung nach nur ändern, wenn »etwas Drastisches« passiere. Vielleicht sei die Pandemie so etwas, doch das habe man 2011 bei der Reaktorkatastrophe in Fukushima auch gedacht - und dann habe Japan sich einfach »weiter durchgewurschtelt«.

»Voice Up Japan«, der Fall Mori und auch der Hashtag KuToo, unter dem Frauen sich 2019 in den sozialen Medien dagegen wehrten, dass viele japanische Unternehmen von ihren Mitarbeiterinnen verlangen, Schuhe mit Absatz zu tragen, sahen vor allem die internationale Presse als Anzeichen für den Beginn einer neuen Frauenbewegung. So schrieb etwa das englischsprachige Lifestyle-Magazin »Tokyo Weekender«, Japaner*innen würden nun »mutiger« gegen Frauenhass vorgehen.

Die ebenfalls englischsprachige Onlinezeitung »Japan Today« fragte sogar, ob »Voice Up Japan« die Japanerinnen nun »endlich« dazu ermutige, gegen Ungleichheit aufzubegehren. Doch scheint in dieser Sichtweise auch Rassismus durch - das Bild der unterwürfigen Asiatin, die scheinbar alles mit sich machen lässt und sich erst jetzt traut, zu protestieren?

Doch der Eindruck, Japan habe keine feministischen Bewegungen, täuscht. Organisationen wie beispielsweise das »Women’s Action Network«, angeführt von Chizuko Ueno, eine der bekanntesten Feministinnen des Landes, kämpfen seit Jahren für mehr Gleichberechtigung. »Es ist nun mal schwer, das ganze System zu ändern«, meint Professorin Kano. Japans Bevölkerung altert rasant, und den Älteren sei vor allem Stabilität wichtig - nicht Veränderung. Wo sie aber durchaus Potenzial für schnelle Veränderungen sieht, ist bei lokalen Gruppen und Kampagnen.

Studierende engagieren sich

Auch »Voice Up Japan« hat inzwischen Ableger an 26 Universitäten und einem Gymnasium über das ganze Land verteilt. Alle lokalen Gruppen organisieren und entscheiden über ihre Projekte selbst - so wie an der Ritsumeikan University in Kyoto. Keizo Ozaki studiert Internationale Beziehungen und möchte sich für die Rechte von LGBTQ-Personen einsetzen. »Ich identifiziere mich selbst als homosexuell, aber auch als nicht-binär«, sagt er.

Seine Gruppe habe bereits ein Projekt für Gratis-Tampons auf Toiletten umgesetzt. Aber es gebe zum Beispiel keine Unisex-Toiletten. Und auch das stereotypische Denken, wie Frauen und Männer zu sein haben, sei noch sehr stark. »Ich hoffe, dass Japan toleranter gegenüber LGBTQ wird«, so Ozaki. Auch an der renommierten Kyoto University haben sich Gleichgesinnte zusammengefunden, darunter die 20-jährige Hinaha Fukao. Dass sie studiert, ist keine Selbstverständlichkeit. Mädchen werde immer noch gesagt, sie bräuchten nicht so viel zu lernen, erzählt sie. Einen Mann finden, heiraten, Kinder kriegen: Für viele Japaner*innen ist das immer noch der Standard-Lebenslauf einer Frau. Eine höhere Bildung störe da im schlimmsten Fall nur. Männer wollen keine Frau, die schlauer ist als sie selber, glaubt Fukao. Sie selber besuchte - anders als die meisten Schüler*innen in Japan - eine Mädchenschule, und die Lehrer*innen dort hätten sie im Unterricht über Gleichberechtigung aufgeklärt und sie sehr ermutigt, weiterzulernen.

An Japans Universitäten ist die Aufnahmeprüfung oft der schwierigste Teil des gesamten Studiums. Fukao sagt, sie habe sich ein Jahr lang darauf vorbereitet, dank finanzieller Unterstützung ihrer Eltern. Nun studiert sie im zweiten Jahr »Gender Studies« und Flüchtlingspolitik. Gleichzeitig sind Frauen an den prestigeträchtigen Universitäten in Japan noch immer in der Minderheit: 75 Prozent der Studierenden an der Kyoto University sind Männer. An der Tokio University sind es sogar 80 Prozent. In Deutschland ist das Verhältnis, im Gegensatz dazu, nahezu ausgeglichen.

Das Problem: Die Ungleichheit wird von vielen Schulen und Universitäten gefördert. Erst kürzlich berichtete die japanische Zeitung »Mainichi«, dass bei 80 Prozent der Gymnasien in Tokio, Frauen in der Aufnahmeprüfung eine höhere Punktzahl erreichen müssen, um zu bestehen, als Männer. Ein ähnlicher Fall machte vor drei Jahren Schlagzeilen, als öffentlich wurde, dass Testergebnisse von Frauen, die Medizin studieren wollten, manipuliert worden waren. Der Gedanke dahinter war offenbar, dass Frauen ohnehin Kinder kriegen und dann nicht mehr weiterarbeiten würden.

Um solche klischeehaften Denkweisen zu ändern, möchte Fukao an weiterführenden Schulen mit Schüler*innen über Gleichberechtigung diskutieren. Das Ziel: Sie sollen in Zukunft anders denken und handeln. Fukao selbst möchte gerne Pilotin werden. Ein Job, in dem es nur wenige Frauen gibt. Anders als in Deutschland legen Unternehmen in Japan weniger Wert darauf, was Bewerber*innen studiert haben. Sehr viel wichtiger ist das Prestige der Universität. Viele bilden Neueinsteiger*innen selbst aus. Unmöglich ist Fukaos Traum also nicht.

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