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Jeder sorgt für sich allein

Die Pandemie hat gezeigt, wie prekär das Leben im Neoliberalismus schon vorher war. Man soll überall für sich selbst verantwortlich sein. Doch wir müssen lernen, mit Unplanbarkeiten anders umzugehen

  • Von Isabell Lorey
  • Lesedauer: 15 Min.
Mein Balkon ist meine Burg: Rückzug ins Homeoffice-Biedermeier
Mein Balkon ist meine Burg: Rückzug ins Homeoffice-Biedermeier

Nichts längerfristig planen zu können, ist für viele Menschen keine neue Erfahrung. Nicht erst die Corona-Pandemie macht den Alltag unkalkulierbar. Prekarität und Prekarisierung sind längst normal geworden - nicht nur als Unsicherheit von Arbeitsverhältnissen, sondern als Verunsicherung des ganzen Lebens. Seit den 1990er Jahren werden Finanz- und Arbeitsmärkte auch in Europa dereguliert: Arbeitsschutz und sichere Arbeitsplätze werden zugunsten befristeter Verträge und Projektarbeiten abgebaut, die europäischen Sozialstaaten wurden umgebaut, die Gesundheitssysteme nach Profit umorganisiert.

In der Prekarisierung verläuft die Zeit nicht linear. Die Zukunft ist nicht berechenbar. Prekarisierung bedeutet improvisieren, gezwungen zu sein, das Unvorhersehbare zu ertragen; ein Leben nicht im Moment, sondern im ausgedehnten Jetzt. Angesichts der Prekarisierung gibt es ein Begehren nach Prävention, nach Vorhersage und Vorsorge. Man agiert zur Abschwächung oder Verhinderung eines unerwünschten, bedrohlichen Ereignisses. Staatliche Behörden praktizieren das, wenn es um Umweltkatastrophen, Terroranschläge, Kriminalität oder auch Pandemien geht. Präventives Handeln basiert auf Berechnungen einer möglichen Zukunft, mit denen die Gegenwart unter Kontrolle gehalten werden kann und durch die Sicherheitstechnologien legitimiert werden können.

Prävention und Neoliberalismus

Prävention beeinflusst aber auch das alltägliche Verhalten und ist dermaßen Teil neoliberaler Subjektivierung geworden, dass man von einem »präventiven Selbst« (Martin Lengwiler und Jeanette Madarász) sprechen kann. Sport und gesunde Ernährung gehören ebenso dazu wie regelmäßige medizinische Vorsorgeuntersuchungen. Prävention braucht die Einzelnen, ihre Selbstdisziplin und Eigenverantwortung sowie ihr vorsorgendes Verhalten und ihre Ängste. Prävention stützt sich auf Befürchtungen, ein negatives Ereignis könnte eintreten, sie hat die Risikominimierung zum Ziel. Damit eine derartige Selbstregierung für viele zur Normalität werden kann, müssen sich die Menschen als immer gefährdeter wahrnehmen und immer besorgter werden. Angetrieben durch Befürchtungen und Ängste werden so kontrollierende und disziplinierende Eingriffe in der Gegenwart legitimiert. Jede Risikoermittlung basiert auf Zahlen, auf Statistiken und Berechnungen und damit auf einer Wissensproduktion von Wahrscheinlichkeiten und Prognosen. Modelle, die Risiken konstruieren und bearbeiten, greifen massiv in Alltag und Selbstverhältnisse ein. Und doch gibt es, trotz aller Anstrengung der Risikominimierung, keine Sicherheit, dass Dinge nicht passieren. Prävention bringt keine Sicherheit.

Bereits in den 1990er Jahren wurde bei der Gesundheitspolitik im Rahmen der Aids-Krise deutlich, dass Maßnahmen im Dienste der öffentlichen Gesundheit vor allem auf die individualisierte Kompetenz und Verantwortung abzielten, die Risiken der Ansteckung zu verringern. In dieser Zeit fand ein biopolitischer Wandel in der Logik von Gefahrenabwehr statt: Eine Gefahr, die von außen kommt und der die Einzelnen ausgesetzt sind, wird zu einem Risiko, das sie selbst durch ihr Verhalten zu verantworten haben, wenn sie den behördlichen Maßnahmen und medizinischen Empfehlungen nicht folgen. Die neoliberale Kehrtwende zum individuellen eigenverantwortlichen Risikoverhalten ist eng verwoben mit der Zuschreibung von individueller Schuld, wenn die Risikominimierung nicht gelingt. Öffentlichkeit beginnt an den »Öffnungen des Körpers« (Brigitte Weingart), die zur Vermeidung der Ansteckung geschlossen werden müssen - mit Kondomen oder mit Masken. Im Neoliberalismus ist das Denken in Risiken untrennbar mit staatlicher Anrufung zur Selbstverantwortung verbunden.

Risikofaktoren wurden in den 1950er Jahren in den USA im Rahmen einer neu entstehenden Forschungsrichtung in der Medizin erfunden, genau gesagt in der Epidemiologie chronischer Krankheiten. Eigentlich ist die Epidemiologie die Lehre vom Verlauf ansteckender Krankheiten, doch nach dem Zweiten Weltkrieg konzentrierte sich die medizinische Forschung verstärkt auf die zunehmenden chronischen Herzkreislauferkrankungen. Die Perspektive auf Risikofaktoren ist medizinpolitisch konservativ, weil in die Faktoren keine Ungleichheitsverhältnisse wie Wohnsituation oder Armut einbezogen werden, sondern nur das Verhalten der Einzelnen. Die Zuschreibung individueller Verantwortung lässt sich schlicht einfacher mit medizinischen Behandlungen und Präventionsanforderungen verbinden. Soziale, ökonomische und ökologische Zusammenhänge galten als zu komplex für einheitliche gesundheitspolitische Maßnahmen. Der individualisierende kontextlose Ansatz setzte sich gesundheitspolitisch durch, obwohl er seit den 1970er Jahren im Rahmen einer linken Sozialmedizin viel Kritik erfahren hat.

Vereinzelte Einzelne

In der auf selbstverantwortlicher Vorsorge basierenden neoliberalen Gesundheitspolitik der vergangenen Jahrzehnte gelangte die Logik von Prävention und Risiko schließlich zur Blüte: Der verknappte und profitorientierte Sozialstaat verfolgt die individualisierende Strategie von »Fördern und Fordern«, von Belohnen und Strafen und richtet sich direkt an das selbstverantwortliche Verhalten der Individuen. Das Paradigma der Prävention ist in Europa, vor allem auch aus Kostengründen, tief in den neoliberalen Um- und Abbau der Sozialstaaten eingeschrieben und längst zu einer normalisierten Selbstdisziplinierung und Selbstkontrolle geworden: zum normalisierten Teil von gouvernementaler Subjektivierung. Wer sich nicht ausreichend um sich selbst sorgt und vorsorgt, ist selbst schuld. Das schlechte Gewissen und die Unzufriedenheit über die ungenügende Selbstregulierung sind grenzenlos.

Gouvernementale Gesundheitspolitik, die dermaßen am autonomen, für sich selbst verantwortlichen Individuum ausgerichtet ist, verhindert solidarisches Verhalten. Es geht dieser Gesundheitspolitik auch nicht darum, dass sich alle schützen können oder geschützt werden, sondern darum, mittels Statistiken und Wahrscheinlichkeiten die Kosten für die Sozialkassen und Verwaltungen so zu berechnen, dass die Ausgaben profitabel bleiben. Solche ökonomisierten Gesundheitspolitiken produzieren bereits allein durch den Risikodiskurs der angstgetriebenen Prävention Verunsicherungen und Prekarisierungen. Anhand der gouvernementalen Selbstverantwortlichkeit zeigt sich inmitten der mutierenden Seuche die Unmöglichkeit von Autonomie und Abgrenzung: Wenn an den Öffnungen des Körpers die Öffentlichkeit beginnt, dann sind Körper gerade nicht als isolierte, abgeschlossene Individuen zu verstehen. Körper entstehen überhaupt erst in der Affizierung mit sozialen und ökologischen Umwelten.

Vor diesem Hintergrund der unvermeidbaren Verletzbarkeit und des Prekärseins sind die genealogischen Linien bemerkenswert, die sich zu den im Zuge der Pandemie durchgesetzten Strategien des »social distancing«, der Kontaktvermeidung und des Aufrufs zur Selbstvereinzelung ziehen lassen. Seit Jahrhunderten träumen die Herrschenden von der Separierung der Einzelnen und der Aufteilung des Raums, um den Austausch und die Zusammenrottung der Vielen nicht einfach nur zur Bekämpfung einer Seuche zu kontrollieren, sondern um Unruhen und Proteste zu verhindern. Seuchen- und Aufstandsbekämpfung sind alte »zivilisatorische« Verbündete.

Die Bekämpfung von Verseuchungen ordnet den Raum neu, um Distanz durchzusetzen. Sie verändert das Verhalten und lässt neue Körper entstehen, die auf verschiedene Weisen empfindsamer werden - sei es hinsichtlich der Wahrnehmung von übelriechenden Düften wie im 19. Jahrhundert oder des aktuell zunehmenden unangenehmen Gefühls bei ungenügendem Abstand zu anderen Menschen. Seuchenbekämpfung produziert aufgrund von Unvorhersehbarkeit und Unkontrollierbarkeit enorme Sensibilität und hohen Stress. Infektiöse Aerosole können in jedem Raum, in jedem Bereich der Gesellschaft, an jedem Ort in der Luft »schweben«. Trotz Impfung bleibt ein Risiko der Ansteckung. Es gibt keine absoluten Sicherheiten. Grenzziehungen zwischen innen und außen, zwischen mobilen potenziellen Virenträger*innen und virenfreien immobilen Geschützten sind Illusion. Sie führen zu Einsamkeit, geschlossenen Gemeinschaftsbildungen und machen Autoritarismus zunehmend akzeptabel.

Kein Staat und keine Wirtschaft waren im März vergangenen Jahres vorbereitet - nicht mit Intensivbetten, nicht mit Masken und Desinfektionsmitteln, nicht mit Wissen, wie mit einem solchen Ausbruch umzugehen ist. Das Regierungshandeln in einer Pandemie wird notwendig experimentell, Entscheidungen müssen auf der Grundlage nicht eindeutiger Fakten getroffen werden. Neue epidemiologische Erkenntnisse erfordern ein permanentes Nachjustieren. Das experimentelle Regieren verweist aber noch auf mehr: Es verschränkt sich in der Pandemie mit ökonomischen Dynamiken und psychosozialen Zeiterfahrungen der Intensivierung des Jetzt. Es ist ein schnelles und wendiges Regieren, das über die Exekutive funktioniert und genau mit dieser Wendigkeit - schnell auf neue Ereignisse wie neue Mutationen oder Risikogebiete reagieren zu müssen - die parlamentarische Legislative tendenziell marginalisiert.

Experimentelles Regieren und Logistik

Auch wenn das experimentelle Regieren wie Staatshandeln erscheint, das Maßnahmen nicht immer und zwangsläufig im Namen der Wirtschaft durchsetzt, ist es doch mit einer sich transformierenden und dominant werdenden ökonomischen Wachstumsdynamik kompatibel. Inmitten der pandemischen Phase wird offensichtlich, dass Unplanbarkeit für manche Wirtschaftsbereiche keineswegs ein Hemmnis darstellt. Im Gegenteil werden Unvorhersehbarkeit und Kontingenz gerade für eine mit und nach der Krise erstarkende kapitalistische Wirtschaft maßgebend. Die zunehmende Kalkulation mit Unsicherheit zeichnet sich bereits deutlich in einer Verschärfung von prekären Lebens- und Arbeitsverhältnissen ab. In einer extremen Verdichtung und Beschleunigung erfahren wir mit der Corona-Pandemie, was »normal« wird. Nicht vorbereitet zu sein, ist seit Jahrzehnten Teil neoliberaler Ökonomie und Politik, in der die Versorgung des öffentlichen Gesundheitswesens abgebaut, im Sinne privatwirtschaftlicher Profitlogiken umgebaut und die Vorsorge in der Verantwortung der Einzelnen gelegt wurde.

Es war weder von staatlicher noch von ökonomischer Seite von Interesse, vorbereitet (gewesen) zu sein: zu viele Kosten, zu viel Stillstand der Zirkulation, zu viel Lagerung. Das Risiko einer Just-in-time-Bekämpfung der Epidemie wurde und wird in Kauf genommen. Das ist einer der zentralen Gründe, weshalb wir es im Umgang mit Covid-19 mit einer »individualisierten just-in-time-Epidemiologie« zu tun haben, wie unter anderem Rob Wallace sagt, und mit einer Politik, die in experimentierender Weise »auf Sicht« fährt. Das Virus ist Teil globaler Versorgungsströme, von Lieferketten und Logistik, die Waren immer weniger lagern, sondern auf Nachfrage produzieren, transportieren und distribuieren. An die Stelle des Lagers ist die ständige Bewegung und Verzahnung von Lieferketten getreten, damit Produktion und Verteilung zeitlich immer näher an die Wünsche der Konsumierenden rücken. Bestellt und schnellstmöglich geliefert: just-in-time.

Wachstum an Finanzmärkten

Der extreme Zuwachs von Online-Bestellungen seit Ausbruch der Pandemie ist nur ein weiterer Boom der seit längerem hegemonial werdenden logistischen Ökonomie. Die Ströme, die unter anderem die Lebensmittelversorgung sicherstellen, sollen nicht unterbrochen werden. Auch wenn die Grenzen in der Pandemie in einem alten nationalistischen Reflex zunächst dichtgemacht wurden, sind die transnationalen logistischen Bewegungen »systemrelevant«. Mehr noch: Die Entgrenzung logistischer Räume ist fundamental für die Dynamik dieser globalen Ökonomie und muss nicht zuletzt von nationalen Regierungen sichergestellt werden.

Bedrohungen der Zirkulation durch Blockaden oder Arbeitsstreiks werden wiederholt als kriminelle Akte behandelt. Immer wieder werden entlang von Logistikketten Arbeits- und Lebensrechte massiv verletzt und extreme Ausbeutung praktiziert. Flexibel regulierte temporäre Jobs sind nicht selten mit einer entsprechend temporären Arbeitsmigration verbunden und inhärenter Bestandteil der Just-in-time-Produktion von Waren wie auch von Pflege- und Reinigungsdienstleistungen. Logistik ist keine straff organisierte Produktionsmaschinerie, sondern ein Management von »Kontingenz, Experimenten, Verhandlung und instabilen Verpflichtungen« (Anna Tsing). Logistik ist das Management des Unvorhersehbaren mit den entsprechenden unkalkulierbaren prekären Jobs.

Die sonst so hochsensibel emotionalisierten Aktienmärkte sind interessanterweise weitgehend immun gegen negative Nachrichten im Kontext der Corona-Pandemie. Nach einem blitzschnellen Börsencrash im März 2020 erholten sich die Märkte schnell wieder. Es handelte sich nicht um einen länger andauernden Prozess wie beim Platzen der Internetblase 2000-2003 oder beim Immobiliencrash von 2006-2008, der zur globalen Finanz- und Wirtschaftskrise führte. Der abrupte erste weltweite Lockdown aufgrund der pandemischen Ausbreitung des Coronavirus dauerte viele Wochen und hat die »Realwirtschaft« massiv und nachhaltig einbrechen lassen. An den Finanzmärkten löste er allerdings nur einen punktuellen, momenthaften Absturz aus.

Die Pandemie bietet auch Raum für Wachstum: für Pharmaunternehmen, vor allem wenn sie in die Entwicklung des Impfstoffs involviert sind; für Unternehmen, die im großen Ausmaß Schutzkleidung herstellen wie Masken, Einmalhandschuhe und Schutzkittel; für Automobilhersteller, denn der Verkauf von Autos steigt wieder in Zeiten privatisierter und individualisierter Mobilität; für Onlinehändler und Paket- und Lieferdienste, denn der Einkauf besteht zunehmend aus Online- und Telefonbestellungen; sowie für Wohnmobilhersteller, Möbel- und Energieunternehmen, allen voran natürlich für die Technologiebranche.

In den Dienstleistungsbereichen, die von körperlicher Präsenz und Kontakt leben - wie in der Gastronomie, im Tourismus- oder im Veranstaltungssektor - besteht hingegen die Gefahr von endgültigen Schließungen und Pleiten, was sich nicht nur als Jobverlust vor allem auf Frauen sowie prekär und geringfügig Beschäftigte auswirkt. Auch im Dienstleistungsbereich nehmen Just-in-time-Jobs zu: Jobs on demand, je nach Bedarf, je nach Anzahl der Bestellungen. Die Deregulierung des Arbeitsmarktes erfährt durch die Pandemie einen massiven Schub, prekäre Jobs, auch für diejenigen mit höheren Bildungsgraden, gehören schon jetzt zur Normalität.

Digitale Massenüberwachung

Weltweit haben viele Regierungen, Verwaltungen und Epidemiolog*innen große Hoffnungen in automatisierte Entscheidungsfindungssysteme gesetzt, um die Ausbreitung der Krankheit zu überwachen. Corona-Warn-Apps, QR-Codes, Thermoscanner, teilweise ausgestattet mit Gesichtserkennungstechnologie, wurden angewandt, um Quarantäneverordnungen umzusetzen oder den Zugang zu verschiedenen Orten wie Restaurants, Supermärkten, Stadien und Museen zu kontrollieren, ebenso die Ankunft an Flughäfen und Bahnhöfen. »Künstliche Intelligenz« wird in großem Ausmaß zur Verarbeitung von anonymisierten Bevölkerungsdaten eingesetzt, um in Echtzeit das Verhalten und den Gesundheitszustand von vielen Einzelnen im Blick zu haben, Risikoorte und -gebiete zu markieren und schnelle gesundheitspolitische Interventionen zu ermöglichen - teilweise mit erheblichen Folgen für Grundrechte, Gesundheitspolitik und Demokratie.

Die digitale Massenüberwachung wird im Rahmen der Pandemiebekämpfung zur »neuen Normalität«. Es handelt sich um eine restriktive und ausgesprochen fehleranfällige Strategie, da viele Technologien nicht nur falsche Informationen über den Gesundheitszustand Einzelner liefern, sondern auch eine Infizierung mit dem Zwang zur Quarantäne melden können, obwohl keine Ansteckung vorliegt. Durch Sicherheitsmängel entstehen zudem massive Datenschutzprobleme. Wichtig sind hier vielmehr weit verbreitete Testmöglichkeiten, Impfungen, manuelle Kontaktverfolgungen - und zudem das Recht, solche Technologien nicht zu benutzen.

Denn worum es auch geht: Den Austausch und den Kontakt mit anderen Menschen digital zu verfolgen, bleibt nicht bei der Ermittlung von möglichen Erkrankungen stehen. Seuchen- und Aufstandsbekämpfung können sich auch heute verschränken. Wenn viele Leute zusammenkommen und Kontakt im öffentlichen oder im privaten Raum haben, wird das in der Risikoermittlung von Ansteckungen als Clusterermittlung verstanden. Es kann sich aber auch um Zusammenkünfte des Protests handeln, um Demonstrationen.

Die auf »Künstlicher Intelligenz« basierende Massenüberwachung geschieht nicht zu besonderen Anlässen, sondern ununterbrochen. Wie in der epidemiologischen Präventionsforschung geht es nicht um die konkrete Person, sondern zunächst um ihre (vermeintliche) Zugehörigkeit zu einer Gruppe aufgrund von Alter, Geschlecht, Physiognomie, Hautfarbe - das heißt um die automatisierte Identifizierung, Zuordnung und Kontextualisierung durch sogenannte Mustererkennung. Die Gerasterten haben keine Kontrolle über die Klassifizierungen, vor allem dann nicht, wenn sie mit Datenströmen aus verschiedenen Quellen kombiniert und abgeglichen werden. Es ist die »Künstliche Intelligenz«, die entsprechend der Datensätze, mit denen der jeweilige Algorithmus gefüttert wurde, automatisiert entscheidet.

Im Zuge der Pandemie hat sich rasant verändert, wie wir arbeiten, wohnen, einkaufen und uns fortbewegen. Nicht nur über Corona-Warn-App und Gesichtserkennungskameras bestimmt Digitalisierung immer deutlicher den Alltag. Das Arbeiten von Zuhause - das Homeoffice - war auf einmal möglich und von vielen gewollt: ein globales Digitalisierungsexperiment. »Nine-to-five« hat endgültig als Norm von Arbeitszeit ausgedient. Eine weitere Zuspitzung neoliberalen Arbeitens findet damit statt. Nun wird die gesamte Person mitsamt ihrem sozialen Umfeld im eigenen Zuhause kapitalisiert. Klare Grenzen zwischen Arbeit und Reproduktion sind nicht mehr zu ziehen. Prekarisierung nimmt weiter zu, Freizeit wird zu einem Relikt aus fordistischen Zeiten. Auf einmal werden durch Telekommunikation Einblicke in Intimsphären möglich, die nie gestaltet waren, um von Arbeitskolleg*innen gesehen zu werden.

Neues Biedermeier im Homeoffice

Der neue Rückzug ins Private der Arbeit, zu dem nur noch Familie und ausgesuchte Freund*innen Zugang haben, ist prädestiniert dafür, alte Geschlechtermodelle ebenso zu verfestigen wie traditionelle Ideen von Familie, Gemeinschaft und Zugehörigkeit. Die anderen sind in erster Linie eine mögliche Bedrohung, und wenn sie feiern und ausgelassene Kontakte haben, gibt es wieder und wieder Beschwerden darüber, dass sie sich nicht um das Wohl der immer kleiner und immer geschlossener werdenden Gemeinschaft(en) kümmern. Sie werden als Ausbrecher*innen und Gefährder*innen behandelt, und es wird gefragt, wie man sie »zurück« in die Gemeinschaft holen kann - und die Antwort lautet schnell: mit Disziplin, Strafe und Autorität.

Bei anhaltendem Kontrollverlust verändern sich angesichts ständig steigender Infektionszahlen auch Sprache und Denken. Die Konzentration auf das Zuhause und die Nation spielt dem erstarkenden autoritären Populismus und seinen Allianzen massiv in die Hände. Autoritäres Regieren auf staatlicher wie institutioneller Ebene ist vor allem der Versuch, in unkontrollierbaren, unplanbaren, radikal kontingenten Zeiten wieder Kontrolle zu gewinnen. Zur Disziplinierung der Bevölkerung werden Ängste geschürt, die Kontakte und Mobilität einschränken und die Selbstbeschränkung auf das Zuhause fördern sollen.

Im digitalisierten privaten Bereich haben wir es gerade mit der Wiederkehr einer Art Biedermeier zu tun, die - gepaart mit zunehmendem Autoritarismus und sich ausweitender Phobien vor Kontakten mit denjenigen, die man nicht kennt, und seien es die Nachbarn eine Straße weiter - ein bedenkliches Gemisch entstehen lässt. Für alles, was sich außerhalb der eigenen Blase bewegt, schwindet das Verständnis. Diese biedermeierliche Sehnsucht, die Welt und das Andere auszusperren, grassiert in allen gesellschaftlichen Schichten und allen politischen Lagern. Es ist eine Sehnsucht, die von Krise zu Krise stärker zu werden scheint.

In der Pandemie werden in einer enormen Verdichtung und Geschwindigkeit Verhalten und Sehnsüchte für eine neue kapitalistische Phase eingeübt, die wesentlich davon abhängt, dass die Einzelnen lernen, mit extremer Unplanbarkeit und steigender Unsicherheit umzugehen. Wachstumsprognosen haben am ehesten noch die Unternehmen, die vom aktuellen Wandel profitieren. Gerade diese Logistik- und Technologieunternehmen treiben die Normalisierung von extrem prekären Just-in-time-Jobs weiter voran. Und auch wenn es in der Hochzeit der Pandemie immer wieder gute Gründe für Isolierung und Kontaktvermeidung gab, darf gerade diese Praxis langfristig nicht lebensbestimmend werden. Es braucht noch viel mehr Verständnis globaler Zusammenhänge und Verflechtungen, um radikal andere Lebens- und Arbeitsweisen dominant werden zu lassen, in denen die (über)lebenswichtigen Abhängigkeiten von Nähe, Austausch und Ökologien im Zentrum stehen.

Längst ist klar, dass das Virus nicht von außen kommt, nicht externalisiert werden kann, sondern sich mit Sozialitäten verbreitet und uns auf das Jetzt fokussieren lässt. Das ist eine gute Nachricht, denn nur die Zeit des Jetzt können wir gestalten - nicht die Zukunft. Sie ist nur eine fantasierte Krücke, um die Unberechenbarkeit des Lebens in eine fortschreitende Linie zu biegen und vermeintlich kontrollierbar zu machen. Die alte Orientierung zu verlieren ist notwendig, um diese Zeit des Fortschritts und des Wachstums radikal zu beenden. Den Umgang mit Unplanbarkeit und Prekarisierung sollten wir nutzen, um »vor die Welle« kapitalistischer Transformation zu gelangen und ohne präventives Denken, Überwachung und Kontrolle endlich Ökologie, Gesundheit und Sorge zusammen zu denken.

Eine Langfassung des Texts ist zuerst auf Transversal mit dem Titel »Logistifizierungen. Pandemie und Unplanbarkeit« erschienen.

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