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Was abgeschrieben wird, bleibt

Dr. Schmidt erklärt wird: Braucht es einen Kanon?

  • Von Christof Meueler / Steffen Schmidt
  • Lesedauer: 3 Min.
Was abgeschrieben wird, bleibt

Immer wieder ist vom sogenannten Kanon der Literatur die Rede. Braucht man so was überhaupt?

Vermutlich nicht, viele Menschen kommen überhaupt ohne Lesen aus, außer von Bedienungsanleitungen. Aber wer sich mit Lesen beschäftigt, für den ist es wahrscheinlich nicht von Schaden, ein bisschen davon gelesen zu haben.

Und wer hat damit angefangen?

Das Wort stammt von den alten Griechen, meinte da aber ganz allgemein einen Maßstab. Die Römer haben dann einen Kanon der griechischen Philosophen entwickelt.

Der macht uns heute noch zu schaffen - Platon, Aristoteles, Epikur usw.

Eigentlich mehr wegen all der Texte, die nicht oder kaum überliefert worden sind. Also alles, was vor Sokrates war, scheint offenbar bei den Römern und vielleicht auch schon bei den späten alten Griechen nicht des Kopierens, also des Abschreibens, für würdig befunden worden zu sein. Und was nicht immer wieder abgeschrieben worden ist, kam nicht bis ins Zeitalter des Buchdrucks.

Jedenfalls gibt es keinen Ausschuss bei der Uno, der einen Kanon der Weltliteratur festlegt.

Was vielleicht auch besser ist. So gibt es eine gewisse Pluralität.

Jedes Land hat seinen eigenen Kanon. Aus dem Stegreif: Was wäre für dich denn der deutsche Kanon - die Top Fünf?

Ich glaube, um Goethe kommt man nicht drumrum. Goethes »Faust« ist immerhin das einzige Buch, was mir durch den Literaturunterricht in der 11. und 12. Klasse nicht verleidet wurde.

Wo Goethe ist, ist auch Schiller, oder?

Ja, also Schiller lässt sich wahrscheinlich ebenfalls nicht vermeiden. Mir hat er nur als Dramatiker zugesagt. Seine Balladen gingen mir ziemlich auf den Nerv, muss ich sagen, die waren mir zu heroisch. Wer noch dazugehört, ist Grimmelshausen mit seinem »Simplicissimus«. Auch wenn es da eine in neueres Deutsch übersetzte Fassung braucht. In der damaligen Sprache ist das ziemlich unlesbar. Dann würde ich ins 20. Jahrhundert gehen und Thomas Mann dazu zählen. Und natürlich noch Brecht.

Bei mir wären es nur Goethe, Schiller und Brecht, sonst fällt mir niemand ein.

Und Böll und Grass, die Nobelpreisträger?

Nein, dann schon eher Jelinek.

Es gibt ja auch Konjunkturen in der Kanonbildung. Das ist wie in der Popmusik.

Die »Rolling Stone«-Liste der besten Gitarristen scheint mir allerdings in Stein gemeißelt. Und auch besonders ungerecht. Es ist ein Unding, dass da Keith Richards vor seinem Vorbild Chuck Berry rangiert.

Es gibt ja einen Konzertfilm der Rolling Stones, da sagt Keith in einem Interview, er und Ron Wood seien zwar zwei lausige Gitarristen, aber zusammen besser als die meisten.

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