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Im »Warmen Otto« gehen die Lichter aus

Überraschend schließen der Bezirk Mitte und die Stadtmission eine der ältesten Tagesstätten für Obdachlose

  • Von Claudia Krieg und Jörg Meyer
  • Lesedauer: 4 Min.
Helfer*innen von der Stadtmission im kalten Februar 2021 fragen Obdachlose, ob sie Hilfe benötigen.
Helfer*innen von der Stadtmission im kalten Februar 2021 fragen Obdachlose, ob sie Hilfe benötigen.

Es ist kalt in der Stadt, der erste Nachtfrost war schon da. Und die Tagesstätte für Wohnungslose »Warmer Otto« im Stadtteil Moabit in Mitte soll an diesem Freitag endgültig ihre Türen schließen. Seit 38 Jahren ist die Einrichtung der Berliner Stadtmission ein täglich und ganztägig geöffneter Treffpunkt für mittellose und wohnungslose Menschen - aus Berlin und wegen der sprachlichen Kompetenzen der dort Arbeitenden auch für viele aus anderen Ländern. Der »Warme Otto« ist dabei nicht nur ein Ort zum Aufwärmen. »Hier werden neben wichtigen Versorgungs-, auch Beratungs-, Vermittlungs-, Unterstützungsleistungen und Postadressen angeboten. Selbst in Corona-Zeiten war die Einrichtung nie geschlossen«, heißt es in einer Erklärung der Arbeitsgemeinschaft der Berliner Wohnungslosentagesstätten (AGBW).

»Die bisherigen Räumlichkeiten werden den gewachsenen fachlichen und rechtlichen Anforderungen nicht mehr gerecht und stellen keine zukunftsfähige Basis dar«, hieß es am 5. November in einer Mitteilung der Stadtmission, die zur evangelischen Kirche gehört. Es werde nach einem neuen Standort gesucht. Dem Vernehmen nach sind Räumlichkeiten am Alexanderplatz im Gespräch.

Die Nutzer*innen und Besucher*innen sind wütend. Sie seien wenige Tage vor der nun drohenden Schließung vor vollendete Tatsachen gestellt worden. Die Argumente der Stadtmission seien an den Haaren herbeigezogen, erklärt Kai Oeynhausen stellvertretend für diejenigen, für die der »Warme Otto« ein Zuhause ist. »Weder wurden die Zuwendungen vom Bezirksamt Mitte gestrichen noch der Mietvertrag gekündigt. Genauso wenig fehlt es an Personal, es wurde vor Kurzem sogar Personal abgezogen.« Die Räumlichkeiten seien nicht »super optimal«, befänden sich aber seit Jahren im gleichen Zustand, so Oeynhausen. Niemand hätte etwas gegen einen Umzug an einen neuen Standort mit besseren Räumlichkeiten. Zum Alex wollen aber viele nicht, weil der zum einen weit weg und zum anderen ein »aggressiver Ort« sei.

Die Nutzer*innen haben Hunderte Unterschriften gesammelt und fordern den Weiterbetrieb und dass dieser bis zu einem Umzug aufrechterhalten wird. Gerade für diejenigen, die ihre Postadresse im »Warmen Otto« haben, könnte eine Schließung gravierende Folgen haben. Wenn sie ihre Post etwa vom Sozialamt oder Jobcenter nicht erreicht und sie deshalb Termine verpassen, drohen Sanktionen. Grundsicherungsleistungen in Form von Schecks könnten nicht mehr ankommen, schrieb die ABGW an den Senat und das zuständige Bezirksamt Mitte. Kurzum: »Die kurzfristige Schließung wäre für die Klient*innen eine Katastrophe«. Die Arbeitsgemeinschaft fordert seit Langem eine qualitative und quantitative Verbesserung des Angebots an Tagesstätten für Wohnungslose in der Stadt. Der Bedarf ist da. Eine Schließung würde bedeuten, dass viele der Nutzer*innen auf andere bereits überlastete Einrichtungen verschoben werden müssen.

Es habe in den vergangenen zwei Jahren sehr starke und intensive Bemühungen gegeben, einen Generationenwechsel beim Personal und eine fachliche Neukonzeption zu vollziehen, erklärt Ellen Eidt, Dienstbereichsleiterin der Diakonie zu »nd«. Es sei letztlich unter den räumlichen Bedingungen nicht gelungen. »Wo früher vor allem die niedrigschwellige Versorgung im Mittelpunkt stand, sind heute hohe Anforderungen an Datenschutz in der Sozialberatung und Arbeitsschutz für Mitarbeitende wichtiger geworden«, sagt Eidt. Vor allem unter den Bedingungen der Pandemie könne man in den kleinen Räumen dauerhaft keinen ausreichenden Infektionsschutz gewährleisten. »Auf den haben aber obdachlose Menschen genauso einen Anspruch, wie auf die Vertraulichkeit ihrer Beratungsgespräche«, so Eidt. Es habe die ganze Zeit Bemühungen um neue Räume gegeben, manche liefen noch. Man freue sich über jede Form der Unterstützung bei der Suche nach neuen Räumen. »Am alten Standort werden die Postfächer für die obdachlosen Menschen weiterhin zugänglich sein und für Menschen aus EU-Ländern wird es dort auch weiterhin Sozialberatung geben.«

Die Linksfraktion und die CDU-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung Mitte (BVV) hatten kurz nach Bekanntwerden der Schließungspläne Anfragen an das Bezirksamt gerichtet. Darin wollten die Abgeordneten unter anderem wissen, seit wann das Bezirksamt von den Plänen der Stadtmission wusste und was es seitdem unternommen habe, um die Schließung noch abzuwenden. Bis Redaktionsschluss stand nicht fest, ob, wann und was das Bezirksamt darauf geantwortet hatte. Überdies steht der Antrag »Warmen Otto offenhalten!« aus der CDU-Fraktion für den 18. November auf der Tagesordnung der BVV. Darin fordern die Abgeordneten das Bezirksamt auf, »alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel auszuschöpfen«, dass die Einrichtung mit dem gleichen Personal weiterbetrieben wird – notfalls unter anderer Trägerschaft.

»Es ist sehr bedauerlich, dass der «Warme Otto» gerade jetzt schließen muss, wenn es draußen immer kälter wird«, sagt Stefan Strauss, Sprecher der Sozialverwaltung, zu »nd«. Die Senatssozialverwaltung und die Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) würden unterstützen und versuchen, zu helfen, »wenn wir darum gebeten werden«, so Strauss weiter.

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