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Hitze, Hunger, Aufstand

In einer heftigen Diskussion mit Olaf Scholz kündigen Klima-Aktive Blockaden an

  • Von Louisa Theresa Braun
  • Lesedauer: 4 Min.
Auf die Klima-Aktivist*innen Henning Jeschke und Lea Bonasera wirkt Olaf Scholz »fern der klimawissenschaftlichen Realität«.
Auf die Klima-Aktivist*innen Henning Jeschke und Lea Bonasera wirkt Olaf Scholz »fern der klimawissenschaftlichen Realität«.

Sieben Stunden verbrachten Henning Jeschke und Lea Bonasera im September im Durststreik, saßen eingepackt in Decken und Schlafsack in ihrem Camp im Berliner Regierungsviertel, solange, bis der wohl zukünftige Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) sich bereit erklärte, mit ihnen über den Klimanotstand zu sprechen. Jeschke hatte zuvor knapp 30 Tage, Bonasera fast eine Woche nichts gegessen. Am Freitagnachmittag trafen sie nun in der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin aufeinander. Moderiert wurde das Gespräch von der freien Journalistin Sara Schurmann, doch schnell uferte es in eine hitzige, emotionale Debatte aus.

»Ich bin verzweifelt. Wir befinden uns in einer tödlichen Klimakrise, aber die Politik ergreift immer nur Maßnahmen, die uns weiter in die Krise hineinführen.« Mit diesen Worten eröffnet die 24-jährige Lea Bonasera die Diskussion. Die Politik steuere auf eine zwei Grad wärmere Welt zu, auf »Flut, Hunger, Dürre und Ernteausfälle«. Die Wissenschaft prognostiziere, dass in drei bis vier Jahren Kipppunkte überschritten werden. »Dann können wir nicht mehr zurück. Das heißt, wir sprechen über eine Frage von Leben und Tod«, erklärt sie.

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Der designierte Kanzler Scholz verweist auf Deutschlands Vorreiterrolle hinsichtlich einer klimafreundlichen Wirtschaft, doch die Antwort lassen die beiden Aktivist*innen nicht gelten. Bei einer Erderwärmung von zwei Grad werden »eine Milliarde Menschen fliehen müssen, Millionen droht der Hungertod«, sagt Henning Jeschke. »Können Sie das anerkennen?«, will der 21-Jährige wissen. Er wolle keine »fatalistische Antwort« geben, kontert Scholz, sondern sagen, »was ich ändern möchte. Dass es eine Perspektive gibt, um die man sich bemühen kann.«

Bonasera bescheinigt der Politik »eine große Doppelmoral«, indem in Deutschland immer noch auf umweltschädliches Gas gesetzt werde. Scholz widerspricht: Bis 2045 solle Strom nur noch aus erneuerbaren Energien bezogen werden, »aber in der Zwischenzeit wird es für industrielle Prozesse erforderlich sein, dass wir noch Gas einsetzen«. In diesen 25 Jahren würden auf der Erde jedoch »Todeszonen« entstehen, wendet Jeschke ein. »Wenn das Haus brennt, arbeiten wir weiter mit Wasserpistolen, statt die Feuerwehr zu rufen.«

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Unterstützt werden die beiden von Moderatorin Sara Schurmann: »Wir sehen hier ein klassisches Missverständnis. Es macht einen Unterschied, ob wir anerkennen, dass wir bis 2030 den Großteil der Transformation geschafft haben müssen, oder ob wir noch Zeit haben, 25 Jahre zu planen«, sagt sie. Scholz macht darauf aufmerksam, dass die Aktivist*innen »keinen einzigen konkreten Vorschlag« hätten, während er die Industrie klimaneutral umgestalten wolle, ohne die er keine Chance sehe, zehn Milliarde Menschen zu ernähren.

Doch Bonasera und Jeschke lassen ihn nicht ausreden. Sie wollen »ein ehrliches Gespräch«, auch über Gefühle, darüber, dass es »unglaublich erschöpfend ist, die eigenen Träume aufzugeben und sein Leben dem Klimaschutz zu widmen, weil die Politik das nicht hinkriegt«, wie Bonasera sagt. Jeschke wird laut, als er Scholz schließlich fragt: »Lässt sie das ganz kalt, dass Millionen Menschen sterben? Können sie das nicht aussprechen?« Scholz bleibt ihm die Antwort schuldig, doch der junge Aktivist hat sich in Fahrt geredet, verweist auf die Hungerkatastrophe in Madagaskar, während Milliardäre um die Welt flögen. »Viele junge Menschen haben täglich Angstzustände. Es gibt keine Hoffnung«, erklärt er.

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Auch Esteban Servat, der als Klimageflüchteter und Gründer einer argentinischen Protestbewegung sowie der Anti-Fracking-Plattform Ecoleaks als Gast zum Gespräch geladen ist, erhebt schwere Vorwürfe: »Ihre Unternehmen aus Deutschland verursachen einen Genozid im Globalen Süden – und das schon heute«, sagt er.

Schließlich kommen Bonasera und Jeschke zu den Forderungen des selbsternannten »Aufstands der letzten Generation«: Noch in diesem Jahr solle die neue Bundesregierung ein Wegwerf-Verbot für Lebensmittel sowie, gemäß eines Beschlusses des Klima-Bürger*innenrats, eine Agrarwende hin zu einer regenerativen Landwirtschaft bis 2030 beschließen. Bei Nicht-Erfüllung kündigt die Gruppe an, die Bundesrepublik im neuen Jahr mit wiederholten Autobahn-Blockaden zum Stillstand zu bringen, solange bis die Forderungen erfüllt sind.

Scholz verspricht, dass Landwirtschaft für die zukünftige Koalition eine Rolle spielen wird, dennoch wirke er »fern der klimawissenschaftlichen Realität«, so das Fazit von Lea Bonasera.

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