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Das Kreuz mit dem Kommunismus

Wolf Biermann hat sich selbst ein Geschenk zum Geburtstag gedichtet. Doch wen meint er mit »Mensch Gott«?

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: 6 Min.
Ein bisschen unscharf zwar, aber: Der einzig wahre Kommunist unter vielen falschen. So jedenfalls hat es Biermanns Mutter gewollt.
Ein bisschen unscharf zwar, aber: Der einzig wahre Kommunist unter vielen falschen. So jedenfalls hat es Biermanns Mutter gewollt.

Wenn Biermann Gott sagt, wen meint er dann? Sein Glaubensbekenntnis in »Mensch Gott«, das er rechtzeitig zu seinem 85. Geburtstag am 15. November auf den Buchmarkt brachte, klingt so: »Ich wurde in einem roten Nest ausgebrütet, wurde flügge auf einem brennenden Bolschewisten-Baum mitten in der braunen Nazi-Zeit. Noch prekärer: in einer jüdischen Kommunistenfamilie. Unsere gottlose Religion trank ich mit der Muttermilch. Nach dem Kriege wurde ich in der kommunistischen Kirche konfirmiert. Der heilige Marx war unser lieber Gott. Und Stalin war sein Prophet.«

Später dann, das sei 1983 gewesen, habe er mit dem »eingeborenen Kinderglauben« gebrochen, dank Manès Sperber in Paris, und sei ein »guter Renegat« geworden. Ich glaube ja, dass das so nicht stimmt: Wenn seine Mutter Emma noch leben würde, dann liefe Biermann bis heute als der einzig wahre Kommunist unter lauter falschen herum. Denn das war die Rolle, in der sie ihn sehen wollte und er spielte sie, als treuer Sohn, der er war. Emma Biermann, das wusste er, hätte ihm den Bruch mit dem Kommunismus nie verziehen. Denn wofür war sein jüdischer Vater, der kommunistische Widerstanskämpfer Dagobert Biermann, in Auschwitz gestorben? Seiner Mutter Emma (sie wurde 90 Jahre alt) konnte er nicht sagen, dass er ein Abtrünniger der kommunistischen Kirche war.

Biermann, dem politischen Pamphletisten von Naturell, wurde poetische Feinsinnigkeit zur Herausforderung, und ist sie bis heute. Mal besteht er sie, mal gleitet er in bloße Polemik ab. Dieses Zugleich zieht sich auch durch »Mensch Gott«, das viele lyrische Texte aus den letzten 50 Jahren und einige essayistische Annäherungen an die Themen Glaube, Zweifel und Verrat enthält. Er ist hier wie immer auf konsequente Weise inkonsequent.

Doch da es dabei nicht um Gott, auch nicht um Biermann allein, sondern um Fragen der politischen Kultur in diesem Land geht, klingen Sätze wie dieser so überflüssig-beliebig wie der Leitartikel einer Zeitung, die man nicht lesen will: »Zynische Putinversteher und chronische Judenfresser und panische Islam-Feinde kämpfen Seite an Seite für ihre hysterischen Haß-Freiheiten.« Das klingt wie Stochern im Nebel: Wer hat einen würdigen Feind für mich? Denn ohne Feind, darin ahmt er den Klassenkämpfer, der er mal war, immer noch nach, mag er gar nicht erst anfangen zu schreiben.

Aber Gedichte sind das Gegenteil von Kampf. Wenn er Gedichte schreibt, die dann oft zu Liedern werden, wird dies häufig die Bitte an sich selbst, innerlich abzurüsten. Manchmal gelingt es sogar, wie in der Peter Huchel gewidmeten »Ermutigung« von 1966: »Du, lass dich nicht verhärten / In dieser harten Zeit / Die zu hart sind, brechen / Die all zu spitz sind, stechen / Und brechen ab sogleich«.

Der Poet in Biermann kämpft mit dem Pamphletisten. Die Wirkung ist jederzeit pointiert. Wer aber das Geheimnis in der Sprache sucht, wird hier wenig finden. Nein, ein raunender Wortbeschwörer ist er nicht, will es auch gar nicht sein. Die Dialektik ist jedoch immer ein willkommener Nothelfer, gibt jedem Bekenntnis die höhere Weihe der Reflexion, demonstriert permanent: Wo ich bin, ist keine Banalität.

In Paris trifft er auch einen der großartigsten Pessimisten der Weltliteratur, dessen schillernde Sentenzen sich jeder schlichten Handhabung entziehen: den Rumänen E. M. Cioran. Biermann, unbefangen wie er ist, singt diesem zur mitgeführten Gitarre sofort sein neues Lied über die Hoffnung vor, wohl wissend, dass sein Gegenüber jede Rede über Hoffnung für Lüge hält: »Wer Hoffnung predigt, tja, der lügt ...« Über das Gesicht seines Gegenübers fliegt ein mattes Lächeln: »Das hieß: Na endlich! hat›s dieser linksromantische Schwärmer aus Deutschland begriffen – sehr gut!« Aber so geht das Lied weiter: »Doch wer die Hoffnung tötet, ist ein Schweinehund ...« Hier habe sich Ciorans Gesicht wieder verdunkelt, bis es plötzlich aufblitzte und er dazwischenrief: »C‹est vrai, salaud!« (»Stimmt, du Mistkerl!«)

Natürlich stimmt das, ist ja auch eine Binsenwahrheit, aber wichtiger scheint, dass Cioran Biermann umstandslos als »Mistkerl« antitelt. Der spontane Beifall für einen gelungenen Taschenspielertrick. Biermann versteht zu überrumpeln, weiß, wie er aus dem Stand heraus Widerspruch provoziert.

Manchmal aber misslingt die allzu klare Absicht und das rettet dann das Gedicht. So im »Barlach-Lied« von 1963. Im wiederkehrenden Refrain heißt es: »Was soll aus uns noch werden / Uns droht so große Not / Vom Himmel auf die Erden / Falln sich die Engel tot.« Absturz und Apokalypse. Sogar die himmlischen Flugobjekte, die zwischen Erde und Himmel gute Nachrichten übermitteln sollen, stürzen ab, entweder aus Schwäche oder weil sie abgeschossen wurden. Ein düsteres, suggestives Bild – aber hat dies etwas mit Barlachs schwebendem Engel zu tun?

Nein, dieser schwebt in einer genau definierten Flughöhe zwischen Himmel und Erde. Barlach lässt seinen Engel eben nicht abstürzen. Aber gerade diese falsche Anmutung, um nicht gleich von Fehler zu reden, macht Biermanns Barlach-Gedicht stark. Es operiert mit einer Unstimmigkeit, die dem Leser einen unerwarteten Bedeutungsraum öffnet. Immer, wenn das gelingt, bekommen die Texte Tiefe.

Es lohnt, durch dieses Almanach von 50 Jahren lyrischer und essayistischer Produktion zu wandern. Der vom Autor klug platzierte Affekt wird dabei zur oft erprobten Einstiegsszenerie. In »Wendungen« von 2005 heißt es: »Ach, immerzu muß wohl der Welt ein Weiser / den Narren machen.« Wen meint er da? Ein kluger Narr tritt kaum derart besserwisserisch aus der selbstgewählten Rolle heraus. So steht der Aufklärer, der Biermann sein will, dem selbstgenügsamen Narren (der eben darum weise ist) immer im Wege.

Aber gelobt seien die Hindernisse, die wir nicht bewältigen. Sie lassen uns Mensch sein sogar in schwierigen Zeiten. Ohne seine Oma Meume und Mutter Emma wäre es wohl zu schwer geworden für Wolf Biermann, ihr Herzenskind des Kommunismus, allein im real existierenden DDR-Sozialismus. Aber mit ihnen im Herzen war es dort für ihn keinesfalls leichter.

1939 hatten die beiden ihren Wolf zum protestantischen Pfarrer in die Kirche um die Ecke geschleppt. Der Dreijährige sollte getauft werden, damit aus dem halben Juden, so Biermann, ein halber Arier würde. Das würde seine Überlebenschancen verbessern. Der Pfarrer tat, wie ihm die beiden Kommunistenweiber geheißen hatten, schließlich saß der jüdische Mann im KZ.

Ein solidarischer Akt eines Christen, der heimlich mit ihnen sympathisierte? Nein, sehr viel später, so Biermann, habe er erfahren, dass dieser Pfarrer ein überzeugter Nazi gewesen sei und den »Deutschen Christen« angehörte – aber offenbar hatte er nicht aufgehört, Mensch in seinem Widerspruch zu sein.

Hoffnung also ist selbst dort, wo sie aller Voraussicht nach nicht sein dürfte. Biermanns Leben, aus dem er schreibend, singend und schimpfend schöpft, führt uns immer wieder an überraschende Punkte, wie jenen widerständigen, den er schon 1969 in seinem »Selbstporträt für Reiner Kunze«beschwor: »Ach du, ach das ist dumm! / Wer sich nicht in Gefahr begibt, / der kommt darin um.«

Wolf Biermann: Mensch Gott. Suhrkamp, 192 S., geb., 22 €.

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