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»Die Plattform, die wir brauchen«

Moi Guiquita war als indigener Delegierter aus Ecuador bei der Weltklimakonferenz in Glasgow

  • Von Clara Thompson
  • Lesedauer: 5 Min.
Eine Gasfackel spiegelt sich in einer Ölabfallgrube im Regenwald von Ecuador.
Eine Gasfackel spiegelt sich in einer Ölabfallgrube im Regenwald von Ecuador.

Mit welchem Gefühl fahren Sie nach der COP 26 nach Hause?
Gerade fühle ich mich sehr entspannt, denn dies ist die erste COP, bei der so viele Menschen wie noch nie zuvor aus so vielen verschiedenen Regionen gekommen sind. Indigene haben jetzt eine Stimme. Vielleicht ist es keine sehr professionelle Stimme, weil sie noch sehr unerfahren ist. Aber ich denke, dass unsere Stimmen in Zukunft stärker werden, weil wir mit jeder Erfahrung dazulernen. In unserem eigenen Land wird uns nicht zugehört, aber wenn wir hierherkommen und sprechen, wird es in die ganze Welt übertragen. Allein die Tatsache, dass es Räume wie diesen gibt, bedeutet, dass es in der Zukunft einen Wandel geben kann. Ich weiß nicht, wie, ich weiß nicht, wann, aber so fühlt es sich an.

Was hat sich in Ihrer Heimat Ecuador getan, seitdem Sie zur Klimakonferenz gefahren sind?
Im Moment gibt es riesige Proteste, weil der neue Präsident Guillermo Lasso Erdölfirmen und landwirtschaftliche Betriebe ohne die Erlaubnis der Bevölkerung in den Wald lassen will. Unsere Gemeinschaften sind sehr weit voneinander entfernt, circa 30, 40 Kilometer. Insgesamt gibt es etwa 45 Gemeinschaften. Davon werden vor allem die, die am Rande liegen, von den Ölfirmen angegriffen, und dort wird auch der Wald zerstört. Es gibt andere, die überhaupt keinen Kontakt zur Außenwelt haben und denen es sehr gut geht. Ich befinde mich in einem Gebiet, in dem keine Gefahr besteht, es ist sehr friedlich.

Wie lange kämpft Ihre Gemeinschaft schon gegen diese Unternehmen?
Meine Großeltern haben schon lange vor meiner Zeit versucht, die Natur zu verteidigen, denn die Ankunft dieser Ölkonzerne ist nichts Neues. Wir kämpfen schon seit fast hundert Jahren für den Erhalt der Natur. Damals vielleicht nicht mit ausreichenden Mitteln, aber mit dem, was meinen Großeltern zur Verfügung stand. Heutzutage versuchen wir, uns neue Mittel anzueignen, um uns zu verteidigen. Daran arbeiten wir jetzt.

Welche Mittel meinen Sie?
Jetzt gibt es neue Kommunikationsmethoden und neue Plattformen, die wir nutzen können. Mithilfe von Social Media können wir uns ausdrücken und erzählen, was bei uns passiert. Aber auch diese Konferenzen auf internationaler Ebene geben uns eine kleine Plattform, mit deren Hilfe wir unsere Stimme stärken können.

Sie haben selbst einen sehr beliebten Instagram-Account ... Der Account läuft wirklich gut – die meisten meiner Follower kommen aus der ganzen Welt. Ich versuche, vor allem die Schönheit des Amazonas zu zeigen. Aber ich zeige auch problematische Dinge, und so versuche ich immer, ein Gleichgewicht herzustellen, um zu sagen: »Seht her, das ist alles wirklich schön, aber es passiert auch etwas. Hier gibt es Zerstörung, dort ist alles in Ordnung.« Das mache ich so, damit die Menschen verstehen, dass diese beiden Seiten miteinander verbunden sind und dass sie uns nur helfen können, wenn sie uns zuhören.

Sie sind eine von drei Personen, die von den Waorani studiert haben. Hat das Ihre Sicht auf Ihren Kampf verändert?
Nur sehr wenige Menschen aus unseren Gemeinschaften gehen zur Universität. Die meisten Leute wollen nicht aufs College oder auf die Universität gehen, sie wollen in der Wildnis sein. Die Universität hat mich ein bisschen kritischer gemacht. Ich verstehe jetzt viel mehr. Durch das Studium ist mir klar geworden, dass das Verstehen der Wurzel eines Problems die Lösung für alles ist. Es ist wichtig zu wissen, woher wir kommen und was wir getan haben und die Geschichte unseres Kampfes zu kennen.

Wie haben Sie das erkannt? Haben Sie ein Beispiel?
Die Tatsache ist, dass die ganze Welt in einer Blase lebt. Man kann der reichste Mensch der Welt sein und in einer Blase leben. Man kann der ärmste Mensch sein und in dieser Blase leben. Aber wenn man sieht, dass es verschiedene Arten von Blasen gibt, kann man erkennen, was die eigene Position in all dem ist und was man tun kann.

Nächstes Jahr findet in New York die UN-Weltkonferenz der indigenen Völker statt – was erwarten Sie sich davon?
Diese Konferenz ist sehr wichtig, weil wir dort Verbindungen zu anderen indigenen Völkern herstellen können. Bei der COP 26 zum Beispiel haben wir viele Bündnisse und Verbindungen mit indigenen Völkern aus verschiedenen Teilen der Welt geschlossen. Gelegenheiten wie die UN-Konferenz in New York können dazu beitragen, die Bündnisse zu stärken, weil wir alle das gleiche Problem haben. Ich glaube, dass die Stärke indigener Völker in ihrem Zusammenschluss liegt.

Haben Sie konkrete Forderungen für die COP 27 in Kairo?
Viele unserer Organisationen setzen sich für die Rechte der Indigenen ein, das heißt, für den Respekt vor den Menschen. Das bedeutet, dass Unternehmen oder die Regierung nicht einfach ohne unsere Erlaubnis kommen können, um unseren Grund und Boden zu zerstören. Unser Ziel ist, dass indigene Völker respektiert werden. Die Rechte der Indigenen umfassen alles – das ganze Land, alle Tiere und alle Menschen.

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