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Verzweifeltes Lückenfüllen

Erzieherverband fordert 12.000 zusätzliche Fachkräfte für die Berliner Kitas

  • Von Rainer Rutz
  • Lesedauer: 3 Min.
Hände hoch, die Kita ist voll: In Berlin kommen über sieben Kinder auf eine sozialpädagogische Fachkraft.
Hände hoch, die Kita ist voll: In Berlin kommen über sieben Kinder auf eine sozialpädagogische Fachkraft.

Der Landesverband sozialpädagogischer Fachkräfte Berlin (LaPäd) schlägt Alarm. Jüngst veröffentlichten Zahlen der Bertelsmann-Stiftung zufolge fehlen in den Kitas der Hauptstadt rund 12.000 Fachkräfte, um eine »kindgerechte Fachkraft-Kind-Relation« zu gewährleisten. »Berlin bildet zwar ausreichend Erzieherinnen und Erzieher aus, das hat aber die Kehrseite, dass sich in den letzten Jahren die Personalstruktur stark verändert hat«, sagt Pascal Kaiser, der die Netzwerkarbeit des LaPäd koordiniert, zu »nd«.

Nach Kaisers Berechnungen habe sich der Anteil von Hochschulabsolventinnen und -absolventen sowie von Beschäftigten mit einschlägigem Fachschulabschluss am gesamten Kitapersonal seit 2012 von 86 auf 75 Prozent verringert, während parallel dazu der Anteil der Auszubildenden und Quereinsteigenden immer stärker zunimmt. »Die einen verdrängen die anderen, damit haben wir ein Qualitätsproblem«, sagt Volkswirt Kaiser.

Die LaPäd-Vorsitzende Kerstin Schönherr-Faust ergänzt, dass sich die Senatsbildungsverwaltung endlich ehrlich machen müsse: »Der Senat kann mit Blick auf den Kitaausbau nicht kommunizieren, man halte den Qualitätsstandard, und gleichzeitig die so entstehenden Lücken mit Nicht-Fachkräften stopfen«, sagt die Leiterin einer Kita in Moabit zu »nd«. Dass in Berlin rein rechnerisch 7,2 Kinder auf eine pädagogische Fachkraft kommen, sei ein Unding, so Schönherr-Faust. Tatsächlich empfiehlt die Bertelsmann-Stiftung beispielsweise einen Schlüssel von 3,75 zu 1. Der LaPäd fordert daher in einem aktuellen Positionspapier, dass der weitere Ausbau der Kitaangebote in Berlin »mit einer qualitativen Verbesserung zugunsten der pädagogischen Fachkräfte verbunden sein« müsse, »indem deren Anteil in den nächsten fünf Jahren wieder auf das alte Niveau von 86 Prozent angehoben wird«.

Unterstützung für die Forderung des Verbands kommt von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). »Es gibt einen erheblichen Bedarf an sozialpädagogischen Fachkräften in Berlin«, sagt Berlins GEW-Chef Tom Erdmann zu »nd«. Zumal der Personalmangel in den Kitas durch die in diesem Jahr von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) angekündigte Schaffung zusätzlicher Stellen im Bereich der schulischen Sozialarbeit verschärft werde. Erdmann kritisiert dabei, dass bei den freien Trägern - die den überwiegenden Teil der Kitaplätze in der Stadt anbieten - vom Senat viel zu wenig auf den Personalschlüssel geachtet werde.

Roland Kern vom Dachverband der Kinder- und Schülerläden, in dem knapp 700 kleine freie Träger mit rund 900 Kitas organisiert sind, sieht zwar auch, »dass der Personalschlüssel vielerorts nicht so ist, wie er aus Sicht einer guten Betreuungsrelation sein müsste«. Zugleich hält er wenig davon, die Arbeit von Quereinsteigenden kleinzureden. »Das teilen wir ausdrücklich nicht. Im Gegenteil, wir finden es überhaupt nicht schlecht, dass ein paar fachfremde Leute in die Kitas kommen, die nicht den klassischen Ausbildungsweg gegangen sind«, sagt Kern zu »nd«. Überdies mahnt er »etwas mehr Realismus« an. »Der DaKS würde sich natürlich nicht von der Bettkante schubsen lassen, wenn es mehr Personal gibt.« Klar sei aber auch, dass der vom LaPäd geforderte Personalaufwuchs um 12.000 Fachkräfte nicht umsonst zu haben ist.

Ebenfalls unter Berufung auf die Bertelsmann-Stiftung beziffert der Verband den finanziellen Mehrbedarf auf rund 500 Millionen Euro pro Jahr. Verbandschefin Kerstin Schönherr-Faust sagt denn auch, dass ihr bewusst sei, dass sich die Forderungen an die alten und wohl auch neuen Berliner Koalitionspartner SPD, Grüne und Linke »nicht von heute auf morgen« realisieren lassen. »Aber es wäre immerhin ein guter erster Schritt, wenn der Senat endlich anerkennen würde, dass wir hier ein Problem haben.«

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