Werbung

Einer der Letzten

Résistancekämpfer Erhard Stenzel gestorben

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 3 Min.
Einer der Letzten, die noch authentisch Zeugnis von der Barbarei des Nazi-Regimes ablegen konnten: Wehrmachtsdeserteur und Résistancekämpfer Erhard Stenzel
Einer der Letzten, die noch authentisch Zeugnis von der Barbarei des Nazi-Regimes ablegen konnten: Wehrmachtsdeserteur und Résistancekämpfer Erhard Stenzel

Über die Jahre hat er mich jeden Freitag, punkt 14 Uhr, angerufen. Seine letzten Anrufe wollten vor allem sagen: Ich lebe noch. In jüngster Zeit sprachen wir auch über seine gesundheitlichen Probleme, Tribute des Alterns. Wichtiger jedoch war für ihn stets, die großen Probleme der Weltpolitik und die Zustände in Deutschland zu bereden. Zunehmender Hass in der Gesellschaft, wachsende Gewaltbereitschaft, beängstigend ansteigende Zahl rechtsextremer Straftaten und die unverfrorene Demagogie der Rechtspopulisten sorgten ihn.

Kennengelernt hatten wir uns, nachdem ich in dieser Zeitung ein Porträt von Hans Heisel veröffentlicht hatte, einem ehemaligen Obermaat beim Marinestab der deutsch-faschistischen Wehrmacht in Paris, der dem französischen Widerstand geheime Informationen zukommen ließ. Den in Frankfurt am Main lebenden Veteranen hatte ich als letzten noch lebenden deutschen Résistancekämpfer vorgestellt. Da meldete sich Erhard Stenzel bei mir: »Ich war auch dabei, und ich lebe auch noch.«

Der am 5. Februar 1925 in Freiberg, einer Bergarbeiterstadt in Sachsen, geborene Sohn einer Textilarbeiterin und eines Metallarbeiters wurde früh politisch sensibilisiert. Als achtjähriger Knabe muss er miterleben, wie in der Nacht vom 2. Mai 1933, dem Tag, als Gewerkschaftshäuser überfallen und Gewerkschaftsfunktionäre verhaftet wurden, die SA auch seinen Vater brutal fortschleifte. Der IG Metaller und Kommunist wurde zunächst in der Festung Hohenstein und dann im Zuchthaus Bautzen inhaftiert; von dessen Ermordung im KZ Buchenwald im Oktober 1944 erfährt der Sohn erst nach seiner Heimkehr in das in Trümmern liegende Deutschland. Er hätte dem Vater gern von seinen Erlebnissen in einer bewaffneten Einheit des französischen Untergrunds berichtet, ihm erzählt, wie er am 3. Januar 1944 nächtens bei einem Streifengang desertierte, ein befreundeter Schuster aus dem Elsass ihn zum Maquis brachte, wie er Gleise in die Luft sprengte, um die Logistik der Wehrmacht zu stören, wie er mit seinen Mitkämpfern auf einen Streich sieben KPF-Funktionäre auf deren Transport zur Hinrichtungsstätte befreite und wie er sich abgrundtief schämte, ein Deutscher zu sein, als er mit seiner Einheit nach Oradour-sur-Glane kam und die Leichen der von der SS erschossenen, erschlagenen, verbrannten Frauen, Männer und Kinder des Dorfes sah. »Wir kamen zwei Tage zu spät«, bedauerte Erhard Stenzel in einem nd-Interview. Der Sohn hätte dem Vater auch gern erzählt, dass er am Aufstand von Paris am 19. August 1944 beteiligt war und hernach die NS-Okkupanten aus Rouen und Le Havre vertrieb. Und ihm geschildert, wie er den Jour de la Victoire (Tag des Sieges), den 8. Mai 1945, mit seinen Freunden in der französischen Hauptstadt feierte - und General Charles de Gaulle hoch zu Roß auf dem Champs Élysées an ihm, dem jungen deutschen Résistancekämpfer, vorbeitrabte. Es war Erhard Stenzel nicht vergönnt, den Vater mit all diesem, mit seinem Stolz zu beglücken.

Nach dem Krieg arbeitete Erhard Stenzel zunächst als Schriftsetzer, dann im Druckerei- und Verlagswesen, bei der Reichsbahn und beim FDGB, dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund. Da war er wieder ganz der Sohn des gewerkschaftlich aktiven Vaters. »Ich hatte viele Jobs«, erinnert sich der Veteran. »Ich durfte aber immer nur Stellvertreter sein.« In der DDR galten jene, die auf westalliierter Seite gegen Hitlerdeutschland kämpften, einige Zeit lang als suspekt. Ende der 70er Jahre fand Erhard Stenzel mit Familie seinen Lebensmittelpunkt in Falkensee, unweit von Berlin. Als Stadtverordneter und stellvertretender Stadtpräsident stritt er für soziale Rechte, aber auch stetige Aufklärung über NS-Verbrechen und setzte sich ein für die Errichtung einer Gedenkstätte auf dem Gebiet eines Außenlagers des KZ Sachsenhausen in Falkensee als authentischen Schreckens- und Lernort. Er brachte sich in der Brandenburger Linken ein, die stolz auf ihn, einen der letzten Zeugen und Widerstandskämpfer, ausgezeichnet als Held der französischen Republik, waren. Erhard Stenzel starb am 18. November.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung