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Filme gegen das Vergessen

Am 7. Dezember beginnt im Kino »Toni« die Jüdische Filmwoche

  • Von Olaf Koppe
  • Lesedauer: 5 Min.

Anfang Dezember ist es endlich so weit: Am 7. Dezember wird die Jüdische Filmwoche, die sich dem Schwerpunkt Jüdische Lebenswelten widmet, im Kino »Toni« mit dem Defa-Film »Levins Mühle« von 1980 eröffnet. Eigentlich sollte sie bereits im Januar anlässlich des Holocaust-Gedenktages stattfinden, musste wegen der Corona-Pandemie jedoch abgesagt werden. Kurator und Moderator der Filmwoche, Paul Werner Wagner, ist sehr froh, dass diese von der Friedrich-Wolf-Stiftung, dem Kino »Toni« und dem »nd« mit Unterstützung der Bauwert AG, von Sruel Prajs sowie der Rosa-Luxemburg-Stiftung organisierte Veranstaltung doch noch in diesem Jahr stattfinden kann.

»Wir wollen zeigen, wie der Antisemitismus aufkam und sich zu einer Ideologie entwickelte, die den Völkermord an den europäischen Juden rechtfertigte, von breiten Teilen der Bevölkerung akzeptiert oder sogar begrüßt wurde«, so Paul Werner Wagner. »Und wir wollen die Schicksale von Überlebenden vorstellen und ihren Umgang mit der schrecklichen Vergangenheit.« Er hat bewusst deutsche Filme aus mehreren Entstehungsjahren ausgewählt, um das Thema aus möglichst unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten. Wie auch von der nd-Filmclubreihe bekannt, wird das Thema des jeweiligen Films mit Filmschaffenden und Experten in anschließenden Gesprächen vertieft.

Los geht es am 7. Dezember um 18 Uhr mit dem bereits erwähnten Defa-Film »Levins Mühle« von Horst Seemann, der nach dem gleichnamigen Roman von Johannes Bobrowski auch das Drehbuch geschrieben hat. Zudem steuerte Seemann die Filmmusik bei und schrieb auch das im Film leitmotivisch genutzte Lied über das große Wasser. Der Film erzählt vom Leben und den Konflikten in einem Dorf in Westpreußen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sowie vom Schicksal des jüdischen Bootsmüllers Levin. Dieser wird gespielt von Christian Grashof, und der ist auch Gast der Aufführung und gemeinsam mit dem Historiker Prof. Dr. Andreas F. Kelletat Gesprächspartner an diesem Abend.

Am Tag darauf läuft der 2017 von Claus Räfle geschriebene und inszenierte Film »Die Unsichtbaren - wir wollen leben«. Der Film spielt im Berlin des Jahres 1943. Die Stadt ist von den Nazis als »judenfrei« eingestuft worden. Aber tatsächlich halten sich noch 7000 Juden in Berlin auf. Auf unterschiedliche Weise versuchen sie, den Alltag zu meistern und der Entdeckung zu entgehen. Viele verstecken sich, andere gehen in den Untergrund, wieder andere tarnen sich als »Arier«. Dramaturgisch geschickt verknüpft der Film Zeitzeugen-Interviews mit spannend umgesetzten Nachinszenierungen, wobei sich die Überlebenden als begnadete Erzähler entpuppen, deren Erinnerungen szenisch umgesetzt werden. Gesprächspartner des Abends ist der Regisseur Claus Räfle.

Der von Pepe Danquart 2013 nach einem Drehbuch von Heinrich Hadding inszenierte und auf dem Cottbuser Filmfestival mit dem Publikumspreis ausgezeichnete Film »Lauf, Junge, lauf« steht am 9. Dezember auf dem Programm. Der Regisseur wird auch zu Gast sein. Der Film basiert auf dem Roman von Uri Orlev, der darin die authentische Geschichte des Holocaust-Überlebenden Yoram Fridman verarbeitete. In einer damaligen Rezension zum Film heißt es: »Ohne Pessimismus und Schönfärberei, aber mit großer erzählerischer Kraft und tiefer emotionaler Grundierung zeichnet dieses erschütternde wie lebensbejahende Drama ein Kinderschicksal in einer unmenschlichen Zeit, weckt Gefühle, ohne in Gefühligkeit abzudriften.«

Am Freitag, den 10. Dezember, spricht Paul Werner Wagner mit der Dokumentarfilmerin Britta Wauer über ihren 2016 uraufgeführten und jetzt im Rahmen der Filmwoche laufenden Film »Rabbi Wolff«. Der Film zeigt den turbulenten Alltag des liberalen Rabbiners, der in seinem Glaubensauftrag zwischen London und seinen Gemeinden in Schwerin und Rostock pendelt. Neben seinem abwechslungsreichen Leben auf Reisen beleuchtet die Regisseurin die bewegte Vergangenheit William Wolffs sowie Begegnungen mit seinen orthodoxen Verwandten in Jerusalem. Wolff wurde 1927 in Berlin geboren und floh 1933 mit seinen Eltern und Geschwistern vor den Nationalsozialisten nach Amsterdam und von dort sechs Jahre später nach London.

»Die Grünsteinvariante« von Bernhard Wicki aus dem Jahr 1985 läuft am Samstag, den 11. Dezember. Er bringt ein Wiedersehen mit dem unvergessenen Fred Düren. Neben Jörg Gudzuhn, einem der Hauptdarsteller, wird auch Wolfgang Kohlhaase zu Gast sein, der seinerzeit das Drehbuch schrieb. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Hörspiel von Wolfgang Kohlhaase. Regisseur Bernhard Wicki erhielt 1985 das Filmband in Gold für die beste Regie sowie den Kritikerpreis des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden der DDR. Im Filmdienst hieß es damals: »Eine atmosphärisch dichte, spannende und humorvolle Parabel über die Macht des Vergessens, praktizierte Solidarität unter Extrembedingungen und die Suche nach Lebenssinn; ausgezeichnet gespielt, mit hervorragender Kameraarbeit und intelligent-prägnanten Dialogen.«

Beschlossen wird die Filmwoche am Sonntag, 12. Dezember, mit dem Dokumentarfilm von Volker Koepp »Herr Zwilling und Frau Zuckermann« aus dem Jahr 1999. Volker Koepp, der im Anschluss an die Aufführung Rede und Antwort stehen wird, führt die Zuschauer in den Westen der Ukraine, unweit der Grenze zu Rumänien, in die entlegene europäische Stadt Czernowitz, einst Zentrum jüdischer Kultur in der Bukowina, einer Grenzlandschaft, die vom Vielvölkergemisch geprägt war. Es war eine Gegend, in der Menschen und Bücher lebten, sagte der Dichter Paul Celan über die versunkene Welt seiner Jugend. Im Mittelpunkt des Films stehen Herr Zwilling und Frau Zuckermann, die zu den letzten noch im alten Czernowitz geborenen Juden gehören. Beide verbindet neben ihrer Freundschaft nicht zuletzt die deutsche Sprache. Täglich besucht Herr Zwilling in den Abendstunden die 90-jährige Frau Zuckermann. Man spricht über frühere Zeiten, das gemeinsam Erlebte, über Politik und Literatur und die alltäglichen Sorgen.

Ausführliche Informationen zur Filmwoche und den Filmen finden Sie auch im Internet: dasND.de/Jued-Filmwoche

Tickets können direkt im Kino oder online unter www.kino-toni.de erworben werden.

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