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»Oft fällt den Leuten erst mal die Klappe runter«

Didi Resch spielt Schlagzeug in einer Rockband, hat als Kaufmann, Kulturmanager und Schauspieler gearbeitet. Das alles schafft er ohne Arme

  • Von Inga Dreyer
  • Lesedauer: 7 Min.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Schlagzeug zu spielen?

Ich mache viel mit dem Fuß. Als ich zwölf war, hab ich mir beim Schlittenfahren das Sprunggelenk meines Schreibfußes gebrochen. Meine Englischlehrerin akzeptierte nicht, dass ich nun monatelang nicht mitschreibe, und hat mir aus Leder so ein Halfter genäht, in das man einen Stift stecken konnte. Dann musste ich anfangen, mit dem Arm zu schreiben. Das war für mich sehr anstrengend.

Später bin ich an ein musikbetontes Internat gekommen. Ich bin ein extrovertierter Typ und wollte irgendetwas Solomäßiges machen - Gitarre oder Saxofon. Ich habe alles Mögliche mit den Füßen ausprobiert, aber das war nicht so der Hit. Ich hab dann diese alte Schreibhilfe rausgeholt und einen Stick reingesteckt. In unserer Percussiongruppe habe ich damit voller Elan getrommelt, aber fürs Schlagzeugspielen braucht man schon zwei Sticks. Deshalb hat mir meine Mutter, die Schneiderin war, auch für den zweiten Arm eine Hilfe genäht. Mein Musiklehrer, der mich sehr unterstützt hat, brachte mir die ersten Rhythmen bei, den Rest habe ich autodidaktisch gelernt.

Sie sind ohne Arme aufgewachsen?

Ja, als ich auf die Welt kam, hatte ich gar keine Arme, und meine Füße sind sozusagen direkt aus meinem Unterleib rausgewachsen. Das war sehr niedlich, aber für Fremde etwas befremdlich. Meine Mutter hat erzählt, dass manchmal andere Mütter kamen, in den Kinderwagen guckten und sagten: Der ist ja süß! Kann ich den mal nehmen? Meine Mutter sagte: »Klar« und nahm die Decke weg. Da waren die Leute erst mal erschrocken. Die Beine sind dann noch ein bisschen gewachsen und einen Armansatz habe ich auch.

Trotz meiner Behinderung hatte ich wirklich Glück. Ich hatte tolle Freunde und eine tolle Mama. Wenn ich blöd war, hat sie mich genauso behandelt wie meine Geschwister. Es war natürlich nicht immer leicht. In den 70er Jahren hatte es ein behinderter Mensch schwerer als heute. Aber dadurch, dass ich nichts anderes kannte, war es sicher einfacher, damit umzugehen. Ich habe bis heute großartige Menschen um mich, die mir nicht das Gefühl vermittelten, anders zu sein, und mir so die Möglichkeit geben, Dinge zu tun, die ich sonst eventuell nicht versucht hätte.

Haben Sie spezielle Schulen besucht?

Ja, erst war ich in Stuttgart auf einer Schule für körperbehinderte Kinder, bis ich 1980 nach Neckargemünd in ein großes Rehabilitationszentrum gekommen bin, ein Internat mit Schule und Ausbildungsangeboten.

Am Anfang war es sehr hart: mit 13 Jahren plötzlich weg von zu Hause. Rückblickend war es allerdings sehr gut, da ich in dieser Zeit gelernt habe, mich durchzusetzen und unabhängig zu werden. Denn es war wie bei jedem anderen Internat: Untereinander wurde wenig Rücksicht genommen. In dieser Zeit habe ich auch gelernt, mich so zu akzeptieren, wie ich bin.

Was halten Sie von inklusiven Konzepten, bei denen alle Kinder gemeinsam lernen?

Das ist eine schwierige Frage. Bevor ich ins Internat kam, war die Überlegung, zu meinen Freunden in die Regelschule zu gehen. Aber die Schulleitung war strikt dagegen. Ich habe keine Ahnung, was passiert wäre, wenn ich dorthin gegangen wäre. Zumindest hätte ich kein Schlagzeug gespielt.

Es wäre mit Sicherheit ein wesentlich schöneres Miteinander, wenn alle Kinder, mit oder ohne Handicap, zusammen lernen könnten und es nichts Besonderes mehr wäre, einen Menschen zu sehen, der anders aussieht. Ich kenne ein paar Schulen, die sich die Bezeichnung Integrationsschule auf die Fahne geschrieben haben - bei den meisten war es das aber auch schon. Guter Wille ist nicht genug. Es kostet auch Geld, das keiner geben möchte. Das ist eben nicht wirtschaftlich.

Was wären Verbesserungen im Alltag, die sich vielleicht leichter realisieren ließen?

Man könnte einfach damit anfangen, im alltäglichen Leben zu berücksichtigen, dass es auch Menschen gibt, die mit den üblichen Gegebenheiten nicht oder nur schlecht zurechtkommen. So wäre es zum Beispiel kein großes Ding, Zugänge zu Gebäuden und U-Bahnhöfen rollstuhlgerecht zu gestalten und Absenkungen an Fußwegen zu bauen. Aber dafür gibt es eben auch kein Geld. Es werden Milliarden verschwendet, da bleibt für sinnvolle Aktionen nichts übrig. Menschen wie wir haben leider keine Lobby. Traurig, aber wahr.

Wie sah Ihr beruflicher Weg bisher aus?

Ich habe mittlere Reife gemacht, dann eine Ausbildung zum Bürokaufmann und zum Verwaltungsfachangestellten. Danach habe ich in diversen Unternehmen und Einrichtungen gearbeitet. Über die Arbeit beim Heidelberger Rollstuhlmarathon bin ich dann zu einem Sanitätshaus in Berlin gekommen, bei dem ich in die Event- und Marketingabteilung eingestiegen bin. Durch diverse Fortbildungen habe ich mich bis zum Eventmanager nach oben gearbeitet.

Vor zehn Jahren hatte ich dann eine Verletzung und konnte meinen damaligen Job nicht weitermachen. Deshalb habe ich meinen Schwerpunkt auf die Musik verlegt. Ich hatte auch schon die ein oder andere Rolle als Schauspieler, zum Beispiel im Heidelberger Stadttheater, wo ich bei »Warten auf Godot« den Boten gespielt habe. Anfang der 90er war ich Hauptdarsteller in dem Spielfilm »Langer Gang«, der in einem Rehazentrum für behinderte Jugendliche spielt. Der Film hat beim Festival in San Sebastián den ersten Preis gemacht, da waren wir sehr stolz.

Und wie soll es weitergehen?

Ich würde gerne zurück ins Arbeitsleben. Beim letzten Versuch hat mir der Rententräger mitgeteilt, man könne mir einen Platz in einer Behindertenwerkstatt besorgen, mehr gehe nicht. Da war ich ziemlich sauer. Bei meiner Qualifikation? Das ist doch beleidigend. Ich bin gut in dem, was ich mache, und würde dann gerne etwas Sinnvolles tun.

Wie hat sich Ihre Band Aliens Incognito zusammengefunden?

Die Aliens Incognito gibt es ungefähr seit 2007. Ich habe sie mit der Sängerin Mata Jo O’Sullivan gegründet. Wir waren anfangs eher so liedermachermäßig unterwegs, aber haben dann überlegt, das etwas rockiger zu gestalten. Jetzt sind wir seit acht Jahren mit Andy Baron am Bass und Kai Heiliger an der Gitarre zusammen. Unseren Stil würde ich am ehesten als Indie-Rock einordnen.

Es lief sehr gut, aber meine OP und die Pandemie haben uns etwas zurückgeworfen. Wir möchten gerne wieder Konzerte geben und auch den Verein Handiclapped, der barrierefreie Konzerte organisiert, bei seinen Vorhaben unterstützen. Es wäre schön, wenn wir etwas in Sachen Inklusion erreichen können, auch wenn wir uns selbst nicht als Inklusionsband verstehen. Wir spielen zusammen, weil wir uns gut leiden können und weil wir gut zusammenpassen. Dass die Band aus behinderten und nicht behinderten Menschen besteht, ist eher Zufall.

Wie reagiert das Publikum auf Ihre Auftritte?

Wenn ich anfange zu spielen, fällt den Leuten oft die Klappe runter. Ich kriege häufig ein dickes Lob. Aber ich denke, manche Leute trauen sich auch nicht, mich als Behinderten besonders zu bejubeln. Es ist nicht so, dass man mit einem Behindertenbonus zugeschissen wird. Einmal ist es mir sogar passiert, dass mich ein Türsteher nicht zu einem unserer Konzerte lassen wollte. Ich habe ihm gesagt: »Ich bin der Schlagzeuger.« Darauf er: »Und ich bin der Kaiser von China.«

Das klingt, als seien viele Menschen unsicher, wie sie mit Ihnen umgehen sollen?

Ja. Es gibt das Vorurteil, dass behinderte Menschen es nicht mögen, wenn man sie fragt, ob man ihnen helfen kann. So ist es aber nicht. Ich denke, das ist durch Situationen entstanden, in denen Leute ungefragt »geholfen« haben. Das ist in meiner Jugendzeit oft passiert - und das kann gefährlich werden. Zum Beispiel, wenn Menschen im Rollstuhl am Bürgersteig stehen, vielleicht noch nicht mal die Straße überqueren wollen, und jemand schiebt sie einfach von hinten an. Dann liegen die Leute auf der Fresse. Mir selbst ist das auch einmal passiert, als ich vom Internat heimgefahren bin. Da meinte eine ältere Frau, sie müsse mich mit meiner schweren Tasche in die Straßenbahn heben. Ich bin gefallen, habe mir wehgetan und geschimpft. Das Resultat war, dass ich mir den Unmut der anderen Fahrgäste zugezogen habe, weil ich so »undankbar« war. Ich sage immer: Man darf helfen, man sollte nur vorher fragen.

Sie sprechen selbst von Behinderung. Manche Menschen finden den Begriff diskriminierend. Was denken Sie?

Ich bin kein Freund von Wortklauberei. Ich weiß nicht, was gerade die politisch korrekte Bezeichnung für Menschen wie mich ist. Solange mich niemand Krüppel oder Zwerg nennt, gehe ich locker damit mit um. Aber das muss jeder Mensch für sich selbst entscheiden. Ich fühle mich nicht beleidigt, wenn mich jemand einen behinderten Menschen nennt. Dass ich keine Arme und kurze Beine habe, behindert mich definitiv in meinem Dasein.

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