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»Uuuuuu« war sein letzter Schrei

Ein literarisches Experiment für die Schublade: Wsewolod Iwanows unbekannter philosophischer Roman

  • Von Karlheinz Kasper
  • Lesedauer: 7 Min.
An der Stelle der Christ-Erlöser-Kathedrale plante Stalin in den 1930ern den gigantischen
An der Stelle der Christ-Erlöser-Kathedrale plante Stalin in den 1930ern den gigantischen "Palast der Sowjets", 415 Meter hoch!

Als 1982 in Lausanne der Roman »U« von Wsewolod Iwanow in russischer Sprache erschien, wusste selbst die slawistische Fachwelt nichts von der Existenz dieses Buches. Erst während der Perestroika wurde bekannt, dass der prominente Sowjetschriftsteller nach der Zurückweisung eines Romanentwurfs durch die Kritiker der RAPP, der Russischen Vereinigung proletarischer Schriftsteller, zwei voluminöse Bände »für die Schublade« geschrieben hat - den historischen Roman »Der Kampf um den Kreml« (1929) und den philosophischen Roman »U« (1932). In »U« verband Iwanow die Frage nach den Bedingungen für die Formierung des »neuen Menschen«, die die sowjetische Gesellschaft damals stark bewegte, mit gedanklichen Anleihen bei der Lebensphilosophie des französischen Literaturnobelpreisträgers Henri Bergson und der Psychoanalyse von Sigmund Freud. Zudem ersetzte er die realistische Darstellungsweise seiner frühen Prosa durch einen stark verfremdeten, vor Absurditäten strotzenden Erzählstil.

Listig verbaut Iwanow bereits den Einstieg in den Roman mit allerlei Kuriositäten. So beziehen sich Erläuterungen, die Philosophen, Schriftstellern, Psychologen und Psychoanalytikern mit genauen Seitenangaben in den Mund gelegt werden, auf Textstellen, die es im Roman gar nicht gibt. Spontan verkündet ein »Autor«, dass »Wjatscheslaw« zur Welt gekommen sei, und meint damit Iwanows Sohn Wjatscheslaw, der 1929 geboren wurde.

Eine erste Orientierung findet der Leser bei der Erwähnung des Jahres 1929 und der Zerstörung der Christ-Erlöser-Kathedrale. Jenes Jahr galt in der Sowjetunion als das Jahr des großen Umschwungs. Stalin hatte durch gezielten Terror seine Macht gefestigt, der erste Fünfjahresplan den Ausbau der Industrie und die Kollektivierung beschlossen. In Moskau wurde der Abriss der Christ-Erlöser-Kathedrale in Angriff genommen, an deren Stelle ein monumentaler Palast der Sowjets gebaut werden sollte. Der 26-jährige Psychoanalytiker Matwej Andrejschin, die Hauptgestalt des Romans, hat die zerstörte Kathedrale vor Augen, als er die Holzvilla mit der Nummer 42 aufsucht, in der lauter Aussteiger leben, für Andrejschin »Grenzfälle der kleinen Psychiatrie«. Zu ihnen gehört auch die schöne und bösartige Susanna, in die sich der Doktor hoffnungslos verliebt, so dass er den Zug nach Berlin zum Psychologenkongress verpasst.

Andrejschins Sekretär Jegor Jegorytsch übernimmt die Funktion des Ich-Erzählers. Allerdings wirkt das, was er erzählt, in den meisten Fällen unglaubwürdig, Manchmal macht Jegor Anspielungen auf Texte bekannter Autoren, zu denen Größen wie Cervantes, Sterne, Poe oder Proust, russische Philosophen, sowjetische Schriftsteller und Psychologen gehören. In anderen Fällen greift Jegor auf Latrinenparolen und Mystifikationen zurück, die aus der Gerüchteküche stammen. So verbreitet er verschiedene anekdotenhafte »Geschichtchen«, ausufernde unterhaltsame Elemente, die zum Grundanliegen des Romans keinen Bezug aufweisen.

Dies wird eher in Andrejschins Suche nach dem »neuen Menschen« sichtbar. Der fanatische Anhänger Freuds und Alfred Adlers, des Pioniers der Tiefenpsychologie, ist wortgewaltig, ein Träumer und Fantast, aber kein Mann der Tat. In seinen Dialogen mit Jegor Jegorytsch stellt er gern provozierende Hypothesen auf: »Die Bourgeoisie hat immer seltsame Auffassungen vom Kommunismus, sie sind allerdings nicht seltsamer als die, die die Aristokratie vom Kapitalismus hat, trotzdem ist das kein Hindernis für sie unterzugehen, genau wie für die Aristokratie, die sie ins Verderben gestürzt hat.«

Andrejschin will eine »Lehranstalt der Liebe« mit praxisnahen Kursen gründen, weil er in der Liebe eine Kraft sieht, die den Menschen verändern kann. Mit Susanna diskutiert er über »Methoden« des Umgangs mit der Liebe, mit Leon Tscherpanow, einem rätselhaften Mann aus dem Ural mit drei gefälschten Lebensläufen, über die »Umerziehung« des Menschen. Tscherpanow will »Ehemalige« und »Überflüssige«, die nicht in das Fortschrittskonzept der Sowjetideologie passen, in seinem Industriekombinat »von Grund auf umwandeln«, gar »im Handumdrehen umschmelzen« und zu »neuen Menschen« machen, die für den Fünfjahresplan und die klassenlose Gesellschaft taugen.

Mit ihren irrealen Plänen erleiden sowohl Andrejschin als auch Tscherpanow ein Fiasko. Damit wird die Idee vom »neuen Menschen«, die in Russland während des »Silbernen Zeitalters« von den linken Intellektuellen, den Religionsphilosophen, den radikalen Marxisten und den Dichtern des Symbolismus getragen wurde, ironisch unterlaufen und ad absurdum geführt.

Es war Iwanows Wille, dass seine »Hoffmanniade« unter den Bedingungen der RAPP-Zensur nicht erschien. Das unterscheidet »U« von anderen »für die Schublade« geschriebenen Werken dieser Zeit, wie »Der Meister und Margarita« von Michail Bulgakow oder »Die glückliche Moskwa« von Andrej Platonow. Erst 1988 wurde in Moskau eine von Iwanows Frau Tamara Iwanowa aus dem Familienarchiv zur Verfügung gestellte Fassung von »U« veröffentlicht. Aus ihr erfuhr man, dass der seltsame Titel auf Lomonossows »Rhetorik« anspielt, die besagt, dass die russischen Vokale o, u und ui schreckliche Emotionen ausdrücken. Einen weiteren Anstoß habe Lew Tolstois Roman »Der Tod des Iwan Iljitsch« geliefert, dessen Held mit dem grauenhaften Schrei »uuuuuu« stirbt. 1990 wurde die russische Ausgabe vervollständigt, für die vorliegende Übersetzung durch weitere Materialien aus dem Nachlass des Schriftstellers ergänzt.

Wie aber ist zu erklären, dass nicht nur Autoren wie Bulgakow oder Platonow seit dem Beginn der 1930er Jahre »für die Schublade« schrieben, sondern auch ein prominenter Sowjetschriftsteller wie Iwanow? Die Antwort auf diese Frage hängt mit Iwanows Weg als Schriftsteller zusammen.

Iwanow kam 1921 aus dem Bürgerkrieg in das Petrograder »Haus der Künste«, wo die Schriftstellergruppe der »Serapionsbrüder« tagte. Er setzte sich an den kalten Ofen, schlug ein Heft auf und las die erste Zeile einer Erzählung: »In Sibirien wachsen keine Palmen...« Das machte auf die künstlerisch ambitionierten »Serapionen« einen gewaltigen Eindruck. Viktor Schklowski, neben Gorki und Samjatin einer ihrer Stammväter, erinnert sich: »Wsewolod Iwanows Erzählungen wirkten, als hätte ein Soldat Handgranaten in einen Fluss geworden und die Fische wären an die Oberfläche gekommen und ließen ihre weißen Bäuche blitzen. Und die nicht betäubten zappelten vor Erstaunen.« Bildstarke Erzählungen wie »Panzerzug 14-69« und »Farbige Winde« machten den »Bruder Aleut« bei der russischen Leserschaft schlagartig berühmt. Die Übersetzungen der genannten Erzählungen fanden auch bei progressiven deutschen Lesern große Resonanz.

Iwanow war seit seinem 14. Lebensjahr Verkäufer, Matrose, Schriftsetzer, Fakir in einem Zirkus und Rotarmist. Während des Bürgerkriegs begann er zu schreiben, stellte die wilde Schönheit Sibiriens und der Mongolei und den Zusammenprall der alten und neuen, von der Revolution freigesetzten sozialen Kräfte in grellen realistischen Bildern und Szenen dar. Schnell galt er neben Babel und Pilnjak als Pionier der Sowjetprosa. Trotzki sah in ihm einen der populärsten »Weggefährten« und Kenner der bäuerlichen und provinziellen Revolution.

Mit dem Band »Das Geheime der Geheimnisse« (1927) veränderte sich Iwanows Image. Er hatte den Fokus jetzt stärker auf das Triebhafte und Unbewusste der Figuren, die schmerzhaften Geburtswehen des »neuen Menschen« gerichtet und das ornamentale Erzählen weiterentwickelt, bei dem das narrative Substrat mit einem Netzwerk poetischer Verfahren überzogen wird. Während die neuen Erzählungen nach Gorkis Ansicht stärker waren als die besten Werke Iwan Bunins, warfen ihm die Kritiker der RAPP vor, dem »Freudismus« und »Bergsonismus« zu huldigen und dem »Klassenfeind« in die Hände zu arbeiten. Iwanow fühlte sich falsch verstanden und verstummte. Obwohl er nach dem Schriftstellerkongress 1934 zu einem der Sekretäre der Leitung des neuen Verbandes und zum Vorsitzenden der Leitung des Literaturfonds gewählt wurde, im Moskauer »Haus der Schriftsteller« wohnen durfte und eine Datsche in Peredelkino bekam, schrieb er nur noch »für die Schublade«. Dabei gehörte er zu den sowjetischen Schriftstellern, die im Oktober 1932 in der Moskauer Villa Gorkis gemeinsam mit Stalin die Geburtsstunde des sozialistischen Realismus feierten, im August 1933 an der Propagandareise zum Weißmeer-Ostseekanal teilnahmen, ab 1934 verantwortliche Funktionen im Schriftstellerverband bekleideten und mit hohen staatlichen Orden und Preisen ausgezeichnet wurden. Nicht selten durchlebten aber auch diese Autoren Phasen der Resignation und des Zweifels, litten unter den Eingriffen der Parteibürokratie in den Schaffensprozess und reagierten darauf mit Werken, die entweder gar nicht an die Öffentlichkeit gelangten oder von der offiziellen Kritik unterschlagen, heruntergespielt oder falsch interpretiert wurden.

Die Übersetzung des anspruchsvollen Textes durch Regine Kühn ist eine Meisterleistung. Der 1990 aus der Sowjetunion emigrierte Psychologe und Kulturwissenschaftler Alexander Etkind liefert ein Nachwort unter dem Titel »Das letzte Rätsel der Sowjetliteratur«. Lesenswert sind vor allem seine Ausführungen zu den psychologischen und psychiatrischen Themensträngen des Romans. Er sieht Iwanow als einen der »Literaturchefs der Stalinzeit«, dessen Werk ein »hochinteressantes Dokument seiner Zeit« sei, das die Epoche »von einer für den Historiker überraschenden und für den Literaturwissenschaftler völlig unbekannten Seite« erschließe.

Wsewolod Iwanow: U. Roman in zwei Teilen. Zusammengestellt nach den Aufzeichnungen von Jegor Jegorytsch. A. d, Russ. v. Regine Kühn. Mit einem Nachwort von Alexander Etkind. Friedenauer Presse, 560 S., geb., 28 €.

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