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Testen, testen, testen

Eine HIV-Infektion ist heute nicht mehr tödlich. Wichtig ist, sie frühzeitig zu erkennen, erklärt Holger Wicht von der Deutschen Aidshilfe

  • Von Birthe Berghöfer
  • Lesedauer: 4 Min.
Wer sich auf HIV testen lassen möchte, kann das ganz bequem von Zuhause - mit Selbsttests aus der Apotheke
Wer sich auf HIV testen lassen möchte, kann das ganz bequem von Zuhause - mit Selbsttests aus der Apotheke

Am heutigen Welt-Aids-Tag geht es um Solidarität mit HIV-positiven Menschen, aber auch das Gedenken an diejenigen, die an den Folgenden von HIV und Aids gestorben sind. Wie viele Menschen in Deutschland sind davon betroffen?

In Deutschland leben nach Schätzung des Robert Koch-Instituts zurzeit 91.400 Menschen mit HIV. Man muss differenzieren: HIV ist das Virus und Aids das Immunschwächesyndrom, das am Ende einer unbehandelten HIV-Infektion auftritt. Da man HIV heute sehr gut behandeln kann, ist Aids vermeidbar, sodass nur noch wenige daran sterben. Wenn rechtzeitig eine Diagnose erfolgt und die HIV-Infektion behandelt wird, kann man gesund und gut mit HIV leben. Das Virus ist dann auch nicht mehr übertragbar.

Leider gab es 2020 noch 900 Fälle, bei denen bei Diagnosestellung tatsächlich schon Aids oder ein schwerer Immundefekt aufgetreten waren. Die betroffenen Menschen wussten nichts von ihrer Infektion und sind deswegen krank geworden. Die geschätzte Zahl der Todesfälle bei HIV-Infizierten lag 2019 bei 380. Wobei Menschen heute in Deutschland nur noch selten an Aids sterben, sondern eher an anderen Krankheiten. Etwa, weil sie schon Jahrzehnte mit HIV leben und anfangs keine HIV-Therapie zur Verfügung stand. Die frühen Medikamente ab Mitte der 1990er Jahre waren auch sehr belastend für den Körper.

Wie viele Menschen lassen sich denn auf HIV testen?

Das ist schwer zu sagen, weil es in Deutschland – zum Glück – verschiedene Wege gibt, sich testen zu lassen: in Arztpraxen, beim Gesundheitsamt und in Aids-Hilfe-Einrichtungen oder mit Selbsttests aus der Apotheke. Was wir wissen, ist, dass die Testbereitschaft vor allem bei schwulen Männern in Großstädten in den vergangenen Jahren gestiegen ist. Dementsprechend gibt es auch mehr frühe Diagnosen. Und je früher mit der Behandlung begonnen werden kann, desto besser. Wir weisen daher seit einigen Jahren intensiv darauf hin: Wenn es Risiken gab, lass dich testen! Männern, die Sex mit Männern haben, empfehlen wir jährliche Routinetests.

Angenommen, ich habe mich testen lassen und ein positives Ergebnis. Was mache ich dann?

Viele Menschen sind erst eimal geschockt bis hin zu Todesangst. Es braucht Zeit zu lernen, dass das Leben mit HIV nicht vorbei ist und einem weiter alle Lebenschancen offenstehen. Es ist also ratsam, sich zu informieren und Beistand zu holen, etwa bei einer Aids-Hilfe oder einer Selbsthilfe-Gruppe. Wir haben zum Beispiel ein Buddy-Projekt, bei dem Menschen mit frischer Diagnose von erfahrenen HIV-Positiven begleitet werden. Man sollte sich nach der Diagnose zudem zügig kompetente medizinische Versorgung in einer HIV-Schwerpunktpraxis oder -Ambulanz suchen.

Wie funktioniert eine HIV-Therapie?

Die Therapie besteht aus Tabletten, die in der Regel ein- oder zweimal am Tag eingenommen werden, je nach Präparat. Die Behandlung ist also unkompliziert geworden und Nebenwirkungen sind in der Regel gering oder gar nicht spürbar. Es gibt verschiedene Medikamente, sodass man Auswahl hat, wenn Schwierigkeiten auftreten. Die Medikamente enthalten meist drei Wirkstoffe, die die Vermehrung des Virus im Körper unterbinden. Denn das HI-Virus ist darauf spezialisiert, in Zellen vor allem des Immunsystems einzudringen und sich über diese zu vermehren. Die HIV-Medikamente können den Vermehrungsprozess an verschiedenen Stellen unterbrechen. Um zu verhindern, dass HIV-Mutanten das Medikament wirkungslos machen, greift man auf mehrere Substanzen gleichzeitig zurück.

Was kostet so eine Therapie und wer übernimmt die Kosten?

Die Kosten der Therapie sind sehr unterschiedlich, je nachdem welche Substanzen eingesetzt werden. In Deutschland zahlt dafür die Krankenkasse. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern ist hier auch gesichert, dass die optimale Therapie übernommen wird und nicht etwa nur ein günstigeres Medikament.

Gibt es seit Beginn der Covid-19-Pandemie Dinge, auf die HIV-positive Menschen achten müssen?

Am Anfang haben sich natürlich viele die Frage gestellt, ob sie ein höheres Risiko für schwere Verläufe haben. Das ist zum Glück so allgemein nicht der Fall. Bei rechtzeitiger Therapie bleibt das Immunsystem stabil, und es gibt kein erhöhtes Risiko für einen schweren Covid-Verlauf. Bei Menschen mit einer längeren Krankheitsgeschichte und Vorerkrankungen kann das aber anders sein. Es muss immer differenziert werden: Jemand, der sich heute infiziert und direkt Medikamente bekommt, befindet sich in einer ganz anderen Situation als jemand, der sich vor 30 Jahren infiziert hat und anfangs gar nicht und dann mit toxischen Medikamenten behandelt wurde. In jedem Fall wird Menschen mit HIV die Corona-Impfung empfohlen.

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Wie aufgeklärt ist die Gesellschaft generell beim Thema sexuell übertragbare Infektionen?

Da gibt es Nachholbedarf. Viele wissen, dass es Syphilis und Tripper gibt, bei Chlamydien wird es schon schwieriger. Aber auch andere Geschlechtskrankheiten können, bleiben sie unbemerkt, gefährliche Schäden hervorrufen. Manche können symptomfrei verlaufen, und trotzdem ist der Erreger im Körper. Deswegen gilt für alle sexuell übertragbaren Infektionen, dass man sich regelmäßig testen und gegebenenfalls behandeln lassen sollte, wenn man sich etwas eingefangen haben könnte.

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