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  • Serienkiller "Der weiße Blick"

Die Südseeromantik deutscher Expressionisten

Die Arte-Doku »Der weiße Blick« fragt, ob der Naturalismus von Malern wie Nolde oder Kirchner Kunst oder Kolonialismus war

  • Von Jan Freitag
  • Lesedauer: 4 Min.
Die Expressionisten Nolde, Kirchner und Pechstein – sie malten, wie das Menschenbild in ihren Köpfen vorgeformt war: romantisch verbrämte »Exotik«.
Die Expressionisten Nolde, Kirchner und Pechstein – sie malten, wie das Menschenbild in ihren Köpfen vorgeformt war: romantisch verbrämte »Exotik«.

Deutschlands Kolonialismus ist ein ausgesprochen brutales Kapitel im Band der Menschheitsverbrechen. Überseeische Besitzungen waren Opfer von Vernichtungsfantasien, die man im Rückblick nur als Generalprobe für einen weiteren Genozid deuten kann. Kaiserliche Kolonialherren wateten eben gerne knietief im Blut. Dass sie bisweilen auch pinseltief in Farbe knieten, ist dagegen ein weniger bekanntes Kapitel germanischer Aneignungsgelüste. Aber so war es – glaubt man dem Arte-Film »Der weiße Blick« mit dem Untertitel »Kolonialismus und Expressionismus«.

Knapp 60 Minuten lang nimmt Wilfried Hauke die Zuschauer mit auf Zeitreise zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Populäre Maler wie Emil Nolde, Max Pechstein oder Ernst Ludwig Kirchner suchten damals das Ursprüngliche, Unverfälschte, angeblich Primitive am Menschen und fanden es in einer Südsee, die einst am deutschen Wesen genesen sollte. Während Nolde nebst Gattin nach Neuguinea fuhr, zog es Kollege Pechstein mit Frau auf die Palau-Inseln.

Beide sehnten sich nach Inspiration durch »Naturvölker«, die sie als Gegenteil europäischer »Kulturvölker« betrachteten – irgendwie authentischer als ihresgleichen, am Ende aber auch unzivilisierter, ergo weniger wert, weil – nun ja: Wilde eben. Ohne vor Ort zu sein, dienten Ernst Ludwig Kirchner die Raubkunstsammlungen florierender Völkerkundemuseen als Anschauungsmaterial seiner naturalistischen Phase; aber auch das Gründungsmitglied der »Brücke« romantisiert die brutal ausgebeuteten Paradiese zu einer Art Ethnokitsch ohne Ecken, Kanten und Kolonialverbrechen.

Für Regisseur Hauke waren die drei Kunstreisenden folglich eher Kreuzfahrttouristen – mit materiellem, statt musischem Interesse zudem und damit, auch wenn er es so nicht ausspricht: Rassisten.

Wer die farbenfrohen Aquarelle, Zeichnungen und Ölgemälde der expressionistischen Superstars betrachtet, sieht darin tatsächlich schnell ausdrucksstark realitätsbereinigte Abziehfolien westlicher Perspektiven auf östliche Unterentwicklung. Zum Beleg dieses hierarchischen Kunstverständnisses sucht Hauke Zeugen und findet sie in einer Reihe (interessanterweise ausnahmslos weiblicher) Experten, die die Theorie vom weißen Blick unterstützen. Fotos und Filmaufnahmen zum Beispiel, die einst von der Südseebevölkerung gemacht wurden, »sind einfach völlig leer«, klagt die Künstlerin Lisa Hilli, selbst Nachkommin der Ureinwohner Papua-Neuguineas, würden also ähnlich der Malerei »nicht zeigen, wie wir als Menschen sind«.

Wenn Hauke in allerlei Sammlungen und Sonderausstellungen die Grenzbereiche von »Kolonialismus und Expressionismus« erkundet, stößt er auf grundlegende Mängel der bildenden, bildlichen Kunst: die Entkoppelung von Objekt und Subjekt, Motiv und Maler. Wenn daraus dann der Verdacht einer Ungleichgewichtung baugleicher Menschen wird, ist das bei einem Künstler wie Emil Nolde, der zwei Jahrzehnte nach seiner Rückkehr ausgerechnet jene Nationalsozialisten hofierte, die seine Bilder als entartete Kunst diffamierten, natürlich noch bedenklicher.

Trotzdem wirkt Haukes These von der Schuld, die Maler auf sich laden, wenn sie Individuen bloß abbilden, ohne »in ihre Seelen zu blicken«, wie Lisa Hilli es ausdrückt, irgendwie zu steil für diese Form von naturalistischer Kunst. Als wären einerseits die Abbildungen europäischer Personen stets Ausdruck größtmöglicher Empathie fürs Individuum und als schauten andererseits Künstleraugen nur von oben herab aufs Dargestellte, als sei die Kunst also demnach grundsätzlich politisch. Das ist sie nicht. Nicht immer. Umso mehr bietet die Doku eine Gelegenheit zur weiterführenden Debatte darüber, ob man die Ansichten Kunstschaffender von ihrem Werk trennen darf, kann, muss.

Gerade beim antisemitischen Endsieg-Fan Nolde, dessen Bilder bis heute weitgehend unkommentiert in Galerien und Villen der Mächtigen und Millionäre hängen, erwächst daraus eine Grundsatzfrage der Betrachtung. Leider wird sie hier nur angerissen – und hinterlässt somit den Eindruck, dass Noldes, Becksteins, Kirchners naturalistische Sehnsucht genauso anthropologisch und rassistisch sei wie die Eugenik, in der das Märchen unterschiedlicher Rassen seinerzeit ziemlich direkt in den Holocaust führte. Das ist sie nicht. Nicht unbedingt. Untersuchen muss man die Malerei ihrer Zeit darauf trotzdem.

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