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Anders, als du denkst

Ahmed Mnissi hat HIV und spricht offen darüber - um Unwissen und Stigmatisierung entgegenzuwirken

  • Von Birthe Berghöfer
  • Lesedauer: 7 Min.
Als Hair- und Make-up Artist reist Ahmed Mnissi viel durch Deutschland.
Als Hair- und Make-up Artist reist Ahmed Mnissi viel durch Deutschland.

»Ich bin HIV-positiv, aber das ändert nichts an mir als Mensch oder an meinem Charakter«, sagt Ahmed Mnissi. Der 33-Jährige spricht seit einiger Zeit häufiger und nicht nur anlässlich des Welt-Aids-Tages am 1. Dezember offen über seine Erkrankung mit dem Humanen Immundefizienz-Virus. Denn er will aufklären: über Schutz vor HIV, Testmöglichkeiten und vor allem darüber, dass ein Leben mit HIV heutzutage nicht so dramatisch ist, wie viele immer noch glauben. Mit Dockermütze und goldglänzendem Bullenring in der Nase lächelt Ahmed in die Kamera seines Laptops. In einem Zimmer irgendwo in Köln, wo der Hair- und Make-up Artist gerade seine Ausbildung zum Maskenbildner abschließt. Eigentlich wohnt er in Stuttgart, doch sein Job lässt ihn immer wieder deutschlandweit unterwegs sein, ob nun für eine Weiterbildung oder für Aufträge bei Drehs und Musicals.

»Meine Diagnose bekam ich am 3. April 2016. Ein Datum, das man nicht so schnell vergisst«, erzählt Ahmed. Er wohnte damals noch bei Tübingen und war mit Freund*innen in Berlin, als ihn ein Anruf in Abwesenheit erreichte und kurze Zeit später die Nachricht seiner Hausärztin: »Melden Sie sich bitte bei mir, wir müssen etwas besprechen.« Ahmed wusste nicht warum. Er habe aber in diesem Moment geahnt, dass es um HIV gehe, sagt er. Ein Anruf bei der Ärztin bestätigte das. Bei seiner Blutspende wenigen Wochen zuvor seien Antikörper gefunden worden. Ahmed war HIV-positiv.

»Der erste Moment war keine Panik, sondern Leere«, erinnert er sich. Angst, an den Folgen von HIV zu sterben, hatte Ahmed nicht, auch wenn eine gewisse Todesangst in diesem Moment gar nicht untypisch sei, sagt er. Nicht alle Menschen wissen, dass man heute dank Therapien gut und lange mit dem Virus leben kann und bei geringer Viruslast auch nicht ansteckend ist. »Mein erster Gedanke war tatsächlich, dass ich für immer Single bleiben könnte.« Weil selbst in der homosexuellen Community immer noch Vorurteile und Unwissen existierten, so Ahmed. Leute, die HIV-Positive als dreckige Menschen bezeichnen, die rumgehurt hätten. »Ich habe zu dem Zeitpunkt im baden-württembergischen Mössingen gelebt und hatte im Jahr vielleicht dreimal Sex. Man kann viel Sex haben und sich nicht anstecken oder wenig und einmal der falschen Person vertraut haben und sich anstecken.«

Ohne Frage ist so eine Diagnose ein einschneidendes Erlebnis im Leben eines Menschen. Ahmed stieg kurz danach aus seinem Arbeitsverhältnis als gelernter Friseurmeister und Geschäftsführer eines Salons aus. »HIV-positiv und Friseur auf dem Land, das war eine schwierige Kombination.« Tatsache ist aber auch, dass sich die Erkrankung heute nur wenig auf seinen Alltag auswirkt: Er nimmt einmal am Tag eine Tablette und geht alle drei Monate zu einem Komplettcheck. Die Nebenwirkungen seiner Medikamente scheint Ahmed nervig, aber nicht schlimm zu finden. Zwei Stunden vor und nach Einnahme seiner Tablette, die die Vermehrung der Viren hemmt, darf er kein Calcium zu sich nehmen. »Sonst renne ich sofort auf Toilette.« Das ist, auch bei seiner veganen Ernährung, nicht immer leicht zu planen. Die Therapie verringert die Viruslast, so dass Ahmed auch niemanden anstecken kann. Selbst sein Sexleben wird so nicht von der HIV-Infektion beeinflusst. Im Grunde sind die Tabletten und die regelmäßigen Kontrollen die einzigen Berührungspunkte im Alltag - und seit gut einem Jahr auch sein Aktivismus.

Schon während seiner Schulzeit hat sich Ahmed mit dem Thema HIV auseinandergesetzt, Infomaterial verteilt und Teddys der Deutschen Aidshilfe gegen Spenden verkauft. Doch wirklich ausgekannt hat er sich damals noch nicht, wie er sagt. »Als ich noch bei Tübingen wohnte, habe ich lange mit jemandem geschrieben, der sich mir gegenüber als HIV-positiv geoutet hat. Und ich ärgere mich bis heute und habe auch ein schlechtes Gewissen, weil ich mich nie wieder bei dem gemeldet habe. Das heißt, man kann sich auch mit dem Thema auseinandersetzen und trotzdem schlecht informiert sein.«

2020 ist Ahmed mit seiner HIV-Infektion an die Öffentlichkeit gegangen. In Köln und Hamburg erlebte Ahmed aufgeklärte Schwulencommunities. »Dann bin ich wieder nach Stuttgart gezogen und habe gemerkt, wie eingeschränkt die Menschen dort teilweise in ihrer Denkweise sind.« Nicht nur was HIV angeht, meint Ahmed, sondern auch bei Themen wie Homosexualität, Sexismus, Feminismus. »Dann dachte ich, wenn ich etwas bewegen kann, dann so, dass ich damit an die Öffentlichkeit gehe.« Ein Schritt, den er nie bereut hat.

Denn während sich homosexuelle und queere Menschen einigermaßen auskennen, sieht Ahmed den heteronormativen Teil der Gesellschaft als gar nicht aufgeklärt an. »Es ist erschreckend, wie viel Halbwissen oder gar kein Wissen im Bereich der sexuellen Gesundheit vorhanden ist.« Er sagt, dass sich sexuell aktive Menschen mindestens einmal im Jahr testen lassen sollten. »Die Statistiken zeigen aber, dass sich homosexuelle Menschen selten und heterosexuelle Menschen so gut wie gar nicht testen lassen.« Deswegen kämpft er für mehr Aufklärung und darum, das Thema HIV zu enttabuisieren. Zum Beispiel als Teil der Kampagne »Leben mit HIV. Anders als du denkst« von der Deutschen Aidshilfe, der Deutschen Aids-Stiftung und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die Anfang November veröffentlicht wurde. Sie soll zeigen: Das Leben mit HIV ist nicht viel anders als ohne.

Diese Botschaft verbreitet Ahmed auch auf sozialen Netzwerken. Manchmal so aktiv, dass er mit Leuten diskutiert, die HIV-Positive als Virusschleudern beleidigen. Teilweise sei das extrem nervenaufreibend, sagt er. »Ich bin ja ein Mensch, der durch mehrere Faktoren marginalisiert ist: Ich bin homosexuell, Person of Color und HIV-positiv.« Da lese er dann in Kommentaren beispielsweise, er solle zurück in seine Heimat, damit er nicht auf Kosten des deutschen Gesundheitssystems seine Therapie bezahlt bekommt. Wenn er dann gerade ausgeglichen ist, hat er durchaus Spaß daran, Menschen mit ihrer Provokation und ihrem Rassismus zu konfrontieren: »Ich kann in meine Heimat zurückgehen, Bodelshausen bei Tübingen, aber dann zahlst du trotzdem noch meine Therapie. Und ganz nebenbei: Du weißt schon, dass das gerade im höchsten Maß rassistisch ist.« Ahmed hat auch schon erlebt, dass Menschen erst beleidigend waren, sich dann aber entschuldigt haben. Im Großen und Ganzen habe er, seit er öffentlich mit seiner HIV-Erkrankung umgeht, durchweg positive Resonanzen bekommen. »Die Leute sagen, Respekt, dass du das machst und haben keine Berührungsängste.«

Vielleicht sind es solche positiven Erfahrungen, die dazu geführt haben, dass er nun auch offen über ein anderes Kapitel seines Lebens spricht: seine ehemalige Drogensucht. Beim »Chemsex«, in der Schwulenszene nicht unüblicher Geschlechtsverkehr unter Drogeneinfluss, hat er Cristal Meth konsumiert. Ahmed spricht von einer krassen Abhängigkeit, in der er zeitweise nicht mehr wusste, ob er das überlebt. Doch unter anderem die Liebe zu seinem Job als Hair- und Make-up Artist habe ihm da rausgeholfen. »Wenn ich da nicht mehr funktioniert habe, auch schon in anderen Momenten, dann habe ich die Notbremse gezogen.«

Heute macht er eine Drogentherapie und sagt: »Je länger ich davon weg bin, mittlerweile ein Jahr, desto mehr verstehe ich, was das mit mir gemacht hat, meiner Psyche und meinem Körper.« Bei der Reflexion seiner Sucht übt Ahmed gleichzeitig massive Gesellschaftskritik. »Man kommt an einen Punkt, an dem einem die Sucht bewusst wird, aber man sich so sehr dafür schämt und nicht weiß, wo man hingehen kann. Weil unsere Gesellschaft immer der Meinung ist, der Junkie sei selbst schuld. Das Patriarchat und diese Gesellschaft haben Strukturen geschaffen, die solche Menschen an den Rand unserer Gesellschaft treiben.« Diese Gesellschaftsstrukturen macht Ahmed mitverantwortlich für seine Drogensucht; er fordert ein Umdenken: »Wir müssen mehr aufklären und weniger mit dem Zeigefinger auf Menschen zeigen. Wir müssen weniger verurteilen und mehr helfen.« Ob nun beim Thema Drogen oder HIV. Deswegen freut es Ahmed, dass es zum Welt-Aids-Tag ein breiteres öffentliches Interesse an HIV und Aids gibt. Doch eigentlich sei das nicht genug: »Ich wünsche mir über das Jahr verteilt mehr Aufklärung. Es geht nicht nur darum, Menschen in den Vordergrund zu stellen, sondern um den Schutz aller.«

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