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Noch kein Gewinn durch neuen Indikator

Die Krankenhausinzidenz unterschätzt das Infektionsgeschehen eher und wirft ein Schlaglicht auf Versäumnisse bei der Digitalisierung

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 4 Min.
Der schöne Eindruck täuscht: Die Digitalisierung der Krankenhäuser lässt in vielen Fragen noch Wünsche offen.
Der schöne Eindruck täuscht: Die Digitalisierung der Krankenhäuser lässt in vielen Fragen noch Wünsche offen.

Die aktuellen Zahlen zur Pandemie-Entwicklung waren am Mittwoch wiedersprüchlich: Laut DIVI-Intensivreport befanden sich in Deutschland aktuell 4636 Corona-Kranke auf Intensivstationen - 37 mehr als am Vortag. 2383 davon, knapp über die Hälfte, müssen invasiv beatmet werden. Das sind 27 mehr als tags zuvor. Hier steigen also die Zahlen, auch wenn andere Pandemie-Parameter in den letzten Tagen einen Hauch Hoffnung verbreiten: Vielleicht wirken die erst kurzzeitig verschärften Maßnahmen etwa an den Hotspots in Bayern doch schon. Auch das Impftempo zieht an, möglicherweise verhalten sich Menschen wieder vorsichtiger - vielleicht baut sich die aktuelle Welle also doch nicht weiter auf.

Aktuell ging Stand Mittwoch nicht nur die bundesweite 7-Tage-Inzidenz zurück. Auch die Krankenhausinzidenz sinkt. Der Wert gibt an, wie viele neue Krankenhauseinweisungen pro 100 000 Einwohner und Woche registriert werden. Am Montag betrug diese Krankenhausinzidenz, auch Hospitalisierungsrate genannt, noch 7,51 und fiel am Dienstag auf 6,81. Am Mittwoch lag die Krankenhausinzidenz bei 5,61.

Der letztgenannte Wert ist im November in seiner Wertigkeit als Pandemie-Parameter aufgestiegen. Er soll die Inzidenz der Corona-Neuinfektionen als wichtigste Größe für Corona-Schutzmaßnahmen ablösen. Im Gespräch war das schon lange. Mit dem neuen Infektionsschutzgesetz, das der Bundestag am 18. November beschloss, ist das Realität. Seit dem 25. November, dem Auslaufen der epidemischen Lage für die Bundesländer, werden nun bestimmte Werte der Hospitalisierungsrate mit bestimmten Pandemiemaßnahmen gekoppelt.

Ab drei Neueinweisungen von Covid-19-Patienten pro 100 000 Einwohner und Woche in einem Bundesland gilt dort flächendeckend für Veranstaltungen, Restaurantbesuche und ähnliches die 2G-Regel. Ab einem Wert von sechs gilt die 2G-Plus-Regel. Ab einem Wert von neun können noch schärfere Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen verhängt werden, darüber muss dann aber der jeweilige Landtag entscheiden.

Auf den ersten Blick scheint die Hospitalisierungsrate praktikabler, weil sie verspricht, die Überlastung der Krankenhäuser anzuzeigen. Bei der allgemeinen 7-Tage-Inzidenz ist nach einem positiven PCR-Test noch nicht absehbar, wie schwer der Krankheitsverlauf ist und ob überhaupt Symptome auftreten. Allerdings gibt es Erfahrungswerte, die etwa besagen, dass von 1000 Infizierten acht eine Pflege auf der Intensivstation benötigen werden. Mit derartigen Werten sind auch auf der Basis der 7-Tage-Inzidenz bei den Ansteckungen Hochrechnungen darüber möglich, auf welche Patientenzahlen sich Kliniken und deren ITS einstellen müssen.

Gegen eine alleinige Orientierung an der Hospitalisierungsrate spricht einiges: An erster Stelle steht der Verzug, der zum großen Teil mit einem recht antiquierten Meldeverfahren zu tun hat. Dass die Zahlen von den Krankenhäusern immer noch per Fax an das Robert-Koch-Institut geschickt werden und dafür keine moderne Software existiert, ist dabei nur ein Teilaspekt. Weitere Störfaktoren bestehen darin, dass die Covid-Diagnose manchmal erst nach Aufnahme des Patienten gestellt wird. Schon dadurch werden Nachmeldungen nötig.

Hinzu kommt, dass die Belastung der Ärzte mit Dokumentations- und Verwaltungsaufgaben schon vor der Pandemie hoch war: Nicht nur liefen insgesamt 65 Millionen Überstunden pro Jahr für alle Ärzte auf, sondern sie brauchten auch mindestens eine Stunde pro Tag, 35 Prozent von ihnen sogar bis zu vier Stunden, für bürokratische Anforderungen. Das macht verständlich, warum Meldungen nicht immer vollständig sind.

Der Verzug wird von Fachleuten unterschiedlich eingeschätzt: Die einen halten die Hospitalisierungsrate erst nach zwei Wochen für belastbar, andere sprechen von zehn Tagen. Auf jeden Fall wird die Rate tagesaktuell eher zu niedrig angegeben. Dagegen ließe sich mit statistischen Verfahren quasi rechnerisch angehen, um realistischere Werte zu schätzen. Darauf weist unter anderem das Science Media Center hin; bisher werde das aber noch nicht gemacht.

Kritik an der Hospitalisierungsrate als Entscheidungsgrundlage für das Pandemiemanagement übte schon Ende Oktober eine Expertengruppe vom RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. Nach deren Berechnungen lag die Abweichung zwischen der ausgewiesenen und der tatsächlichen Hospitalisierungsinzidenz - mit Nachmeldungen - in den vergangenen Monaten bei rund 48 Prozent.

Vermutlich wäre ein Kombination aus Indikatoren besser geeignet, ähnlich dem Berliner Ampel-Modell, das auf Grenzwerten der allgemeinen 7-Tage-Inzidenz, der Hospitalisierungsrate und der Auslastung der Intensivbetten basiert. Dieser Dreiklang entspricht auch einem RKI-Vorschlag vom Sommer. Die Schwellenwerte sind dabei auch mit konkreten Maßnahmen gekoppelt, darunter Kontaktbeschränkungen, Zugangshürden wie 2G oder 3G oder Ähnliches.

Unabhängig davon sollte auch aus wieder sinkenden Inzidenzen bei den Ansteckungen nicht zu früh eine Entwarnung abgeleitet werden: Bei den im Krankenhaus aufgenommenen Patienten begannen die Symptome in der Mehrzahl der Fälle 4,5 Tage vorher. Zwei bis sechs Tage vor den ersten Symptomen erfolgt im Schnitt die Ansteckung. Der Ansteckungswelle wird also mit Sicherheit eine Erkrankungs- und Hospitalisierungswelle folgen, die absehbar keine Entspannung bringt.

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