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Leben und Schreiben im Rausch

»Falladas letzte Liebe«: Michael Töteberg gelingt ein glänzender Roman über diesen begnadeten und getriebenen Autor

  • Von Klaus Bellin
  • Lesedauer: 5 Min.
Immer schön reinhämmern. Schreibmaschine von Hans Fallada, ausgestellt in Carwitz bei Feldberg (Mecklenburg-Vorpommern)
Immer schön reinhämmern. Schreibmaschine von Hans Fallada, ausgestellt in Carwitz bei Feldberg (Mecklenburg-Vorpommern)

Jetzt sollte alles anders werden. Der Krieg war zu Ende, seit dem 1. Februar 1945 hatte er eine neue, sehr viel jüngere, lebenslustige und attraktive Ehefrau, die ungeliebten Tage als Bürgermeister in Feldberg, die er der Roten Armee zu verdanken hatte, lagen auch hinter ihm, und so zog er am 2. September einigermaßen erleichtert, wenngleich geschwächt vom letzten Krankenhausaufenthalt, mit Ursula Losch, seiner Ulla, in die Ruinenstadt Berlin.

Er hatte Glück. Johannes R. Becher, schon im Mai aus dem Exil zurückgekehrt, griff dem im Drogenrausch taumelnden Fallada entschlossen unter die Arme, kümmerte sich um Arbeitsmöglichkeiten und Unterkunft, war jedesmal zur Stelle, wenn das Paar wieder einmal am Abgrund stand und dringend medizinische Hilfe brauchte.

Er schickte dem gefährdeten Schützling eines Tages auch eine Gestapo-Akte, ein Dossier von ungefähr neunzig Seiten, die Geschichte einfacher Eheleute, die mit handgeschriebenen Flugschriften zum Widerstand gegen die Hitlerdiktatur aufgerufen hatten, verhaftet, zum Tode verurteilt und hingerichtet worden waren. Für Becher es der ideale Stoff für einen großen Zeitroman, genau das Richtige für einen so prächtigen Erzähler wie Fallada. Aber der lehnte ab. Er kannte das nationalsozialistische Berlin nicht, war auch nie mit dem Widerstand in Berührung gekommen und gab die Mappe zurück. Becher jedoch ließ nicht locker, schickte die Akte ein zweites Mal, und nun vertiefte sich Fallada in die Geschichte, fing, während er las, Feuer und beschloss, den Wunsch seines Gönners zu erfüllen.

Michael Töteberg, Autor, Herausgeber und glänzender Kenner der Historie und Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts, erzählt in einem fesselnden Buch von den letzten Monaten des Hans Fallada, den Turbulenzen, in die er auch zuletzt immer wieder gerät, seinen verheerenden Stürzen in den Rausch und wie er sich dann doch noch aufrafft, in Rekordzeit den verlangten Roman zu schreiben.

Töteberg gelingt dabei ein atmosphärisch dichtes Bild der Berliner Nachkriegsjahre mit der Wohnungsnot, den Schwarzmärkten, den Zeitungen und Verlagen sowie den Frauen und Männern, die damals in den Trümmern für Zeichen der Zuversicht sorgten. Ein Heer von Personen taucht hier auf, alle knapp und mit erstaunlicher Sachkenntnis umrissen, von Becher und seiner Frau Lilly über Klaus Gysi, Gottfried Benn, Ernst Rowohlt, Wilhelm Pieck, den Lektor Paul Wiegler und den Aufbau-Chef Kurt Wilhelm (der sich bald in den Westen absetzte) bis zu den Ärzten der Charité.

Ohne Suse Ditzen, die Frau, der Fallada es zu verdanken hatte, dass er die Jahre der Hitler-Herrschaft halbwegs überstand, die Depressionen und das enorme Schreibtempo, all seine Krisen, schien er verloren. Jetzt war Ursula Losch an seiner Seite, sein ganzer Stolz, Glück und Unglück zugleich, jung, schön, immer geschminkt und herausgeputzt, für Behördenmitarbeiter, wenn sie mit einem Anliegen erschien oder Honorare eintreiben wollte, eine Augenweide und deshalb meist erfolgreicher als andere, freilich so drogenabhängig wie Fallada, ihm in der Beschaffung von Morphium und Schmerzmitteln indes haushoch überlegen.

Beide landeten zur Entziehung immer wieder im Krankenhaus. Kaum entlassen, schickte Fallada sie los, neue Drogen aufzutreiben: »Koste es, was es wolle.« Er kam ohne Schlafmittel nicht mehr aus, lebte von der Substanz, schrieb Geschichten für Tageszeitungen und am Roman »Der Alpdruck«, dabei geriet das geplante und vereinbarte Buch mit dem Arbeitstitel »Im Namen des Deutschen Volkes« völlig aus dem Blick. Als die »Neue Berliner Illustrierte« vertragsgemäß mit dem Vorabdruck beginnen wollte, stand noch nicht einmal der erste Satz auf dem Papier. In seiner Not schickte Fallada an Chefredakteurin Lilly Becher den Beginn des Schelmenromans »Wizzel Kien«.

Doch er konnte seiner Verpflichtung (und dem Vertrag) nicht entrinnen. Er musste anfangen, saß nun lustlos am Schreibtisch und quälte sich, schaffte manchmal drei Druckseiten am Tag, beobachtet von einer oberflächlichen Frau, die keines seiner Bücher kannte, inzwischen die doppelte Menge Morphium brauchte und nicht verstand, warum er sich sein Leben auf diese Weise ruinierte.

Allmählich aber kam er in Fahrt, brachte es einmal in zwölf Arbeitstagen sogar auf 350 Seiten, ein Rekord auch für ihn, den Schnellschreiber, und war, vollkommen erschöpft, nach vier Wochen fertig. Als er den Text in die Maschine diktiert hatte, waren es 800 Seiten. Gedruckt hat er sein Werk aber schon nicht mehr gesehen. Er starb, 53 Jahre alt, am 5. Februar 1947 in einem Berliner Krankenhaus.

Noch nie sah man die letzten Monate dieses schwachen, aber begnadeten Autors so detailliert, eindrucksvoll und berührend geschildert wie hier. Töteberg hat sich entschlossen, Falladas Geschichte in einem Roman zu erzählen. Und schafft dabei das Wunder, beinahe ohne Erfindungen auszukommen. Er versagt sich jede Ausschmückung, auch jede Dramatisierung der ohnehin dramatischen Geschehnisse und hält sich konsequent an die Resultate seiner intensiven, peniblen Recherche. Er interessiert sich für jedes Detail, jede Adresse, jede Person, die irgendwie mit dem Paar in Berührung kam. Die wichtigste im Umfeld des Schriftstellers war natürlich Becher, in frühen Jahren Morphinist wie Fallada, gebrochen auch er und oft depressiv.

Am Ende, als der Roman fertig war, der nun »Jeder stirbt für sich allein« hieß, freute er sich wie ein Kind. Er war aus dem Moskauer Exil mit einer Vision gekommen, dem Traum von einem Neuanfang, der alle braucht, die Vertriebenen und die im Land Gebliebenen, die Überlebenden aus den Konzentrationslagern, die stille Opposition und sogar jene, die sich verführen ließen. Dass er sich für Gerhart Hauptmann oder Fallada einsetzte, haben viele seiner Genossen nicht verstanden und hinter seinem Rücken heftig kritisiert. Keinem anderen hat Becher damals mehr geholfen als Fallada, und dass der sich zwischen all den Zusammenbrüchen noch einmal zu einer großen Leistung treiben ließ, war vor allem ihm zu danken.

Michael Töteberg: Falladas letzte Liebe. Aufbau, 335 S., geb., 20 € .

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