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Ich wurde auf einer Sandbank geboren …

Die Lebensgeschichte von Goodbird, einem Native aus dem nordamerikanischen Stamm der Hidatsa. Eine Geschichte von Traditionen, Umbrüchen und Verwerfungen

  • Lesedauer: 10 Min.

Vorwort

Die Reisen Catlins im Jahre 1832 und die des Prinzen zu Wied 1833 machten die Kulturen der Mandan und Hidatsa berühmt. 1907 wurde ich vom AMNH [American Museum of Natural History] geschickt, um mit anthropologischen Forschungen unter den Überbleibseln dieser Völker auf der Fort Berthold Reservation zu beginnen. Seitdem habe ich jeden Sommer mit ihnen verbracht.

In diesen Jahren war Goodbird mein vertrauenswürdiger Helfer und Übersetzer. Seine Mutter Wahidiwia oder Buffalo Bird Woman ist eine bewunderswerte Quelle für Informationen über das Leben und den Glauben der Hidatsa in den alten Tagen.

Die Indianer haben den schönen Brauch, sehr gute Freunde zu adoptieren. Durch eine solche Adoption ist Goodbird zu meinem Bruder, Buffalo Bird Woman zu meiner Mutter geworden.

Die Geschichten, aus denen sich dieses kleine Buch zusammensetzt, erzählte mir Goodbird im August 1913.

Ich habe nichts weiter getan, als Goodbirds indianisches Englisch in den sprachlichen Standard zu überführen. Die Geschichten sind seine eigenen. In jeder davon liegt ein Teil seines Herzens.

In den Jahren 1908 und 1913 wurde auch mein Bruder Frederick N. Wilson vom Museum hierher gesandt, um Zeichnungen der materiellen Kunst der Hidatsa anzufertigen. Die Illustrationen in diesem Buch beruhen auf seinen Skizzen aus diesen Jahren. Einige wurden von einfacheren Zeichnungen, die Goodbird angefertigt hatte, nachgezeichnet…

Ich hoffe, dass Goodbirds Geschichte den Leser dazu bringt, Interesse für diese Völker zu entwickeln.
Gilbert Livingston Wilson

Kapitel I - Geburt

Ich wurde auf einer Sandbank in der Nähe der Mündung des Yellowstone geboren. Das war sieben Jahre vor der Schlacht, in der Long Hair (Anm.: Gemeint sind George Armstrong Custer und die Schlacht am Little Big Horn) getötet wurde. Mein Stamm lagerte an der Sandbank und überquerte den Fluss mit Bullboats. Da Eisschollen auf dem Missouri trieben, war es vermutlich die zweite Woche im November.

Die Mandan und mein eigenes Volk, die Hidatsa, waren einst mächtige Stämme, die in den fünf Dörfern an der Mündung des Knife River, im Gebiet des heutigen North Dakota, lebten. Die Pocken hatten beide Völker dezimiert. Die Überlebenden zogen den Missouri aufwärts und errichteten ein Dorf an der Like-a-Fishhook-Biegung. Die Weißen nennen diesen Ort Fort Berthold. Dort lebten die beiden Völker gemeinsam. Sie errichteten eine Palisade aus aufrechten Holzpfählen um das Dorf, um sich vor den feindlichen Sioux zu schützen.

Wir Hidatsa betrachteten die Sioux als wilde Menschen, denn sie lebten nur von der Jagd und hausten in Zelten. Unser eigenes Leben hielten wir für zivilisiert. Unsere Behausungen waren Hütten aus Holz, und die runden Dächer waren mit Erde bedeckt. Man nannte sie Erdhütten. Felder mit Mais, Bohnen, Kürbissen und Sonnenblumen lagen auf jeder Seite des Dorfes in den Niederungen entlang des Flusses. In den alten Tagen wurde die Feldarbeit mit Hacken aus Knochen bewerkstelligt. Mit unserer Mais- und Bohnenernte hatten wir weniger Furcht vor Hungersnöten als die wilden Stämme. Aber wie sie jagten auch wir die Bisons des Fleisches wegen. Nachdem die Indianer Feuerwaffen erhalten hatten, gab es weniger Wild, und in den Jahren vor meiner Geburt hatte man nur selten Bisons in der Nähe des Dorfes gesehen.

Doch Späher brachten die Botschaft, dass große Herden flussaufwärts und am Yellowstone zu finden seien, und so machten sich die Dorfbewohner, die Mandan und Hidatsa, bereit, auf die Jagd zu gehen.

Für eine Stammesjagd wurde stets ein Anführer oder Häuptling gewählt. Es war immer ein Mann, von dem man meinte, dass er starke Schutzgeister hatte. Nicht jeder wollte dieser Anführer sein, denn der Stamm erwartete von ihm eine gute Jagd, reiche Beute und keine Angriffe von Feinden. Verlief die Jagd ungünstig, machte man den Anführer dafür verantwortlich. »Seine Gebete haben nicht die Kraft der Geister geweckt. Er ist kein guter Anführer!« - so würde das Volk reden.

Dieser Anführer musste von einer Kriegergesellschaft, den Schwarzmündern, gewählt werden. Sie sammelten reiche Geschenke - Gewehre, Decken, Roben, Kriegshauben, verzierte Hemden - und boten diese Geschenke mit einer großen Zeremonie nach und nach Männern an, die im Besitz heiliger Bündel waren. Alle lehnten die Geschenke ab.

Sie überredeten schließlich Ediakata, die Hälfte der Geschenke anzunehmen. »Wähle jemanden, der die andere Hälfte bekommen soll«, sagten die Schwarzmünder. So wurde Short Horn gewählt. Die beiden Anführer legten den Tag der Abreise fest. Am Abend vor der Abreise ging ein Ausrufer durch das Dorf und rief: »Morgen gegen Sonnenaufgang werden wir dieses Lager verlassen. Macht euch bereit!«

Wir zogen den Fluss hinauf und folgten der schmalen Prärie zwischen den Hügeln und dem Flussufer. Ediakata und Short Horn führten den Zug an. Der eine befehligte am einen Tag, der andere am nächsten. Das Volk folgte in einer langen Reihe. Manche ritten auf Pferden, die meisten aber gingen zu Fuß. Einige alte Leute saßen auf den Travois. Nachts schlief man in Tipis oder kleinen Hütten, die aus Holz errichtet und mit Häuten abgedeckt wurden.

Mein Großvater besaß ein großes Tipi aus dreizehn Häuten. Es war mit fünfzehn Stangen aufgebaut. Es beherbergte zwölf Personen: meinen Großvater Small Ankle und seine zwei Frauen, Red Blossom und Strikes-Many Woman, seine Söhne Bear’s Tail und Wolf Chief und deren Frauen, meine Mutter Buffalo Bird Woman, die seine Tochter war, Son-of-a-Star, ihren Ehemann; außerdem Flies Low, einen jüngeren Sohn SmallAnkles, sowie Red Kettle und Full Heart, zwei Jungen und Brüder des Flies Low.

Nachdem unser Stamm auf der Westseite des Missouri das Ufer erklommen hatte, war der elfte Lagerplatz auf der Reise erreicht. Hier bot die Enge des Missouri einen guten Patz für eine Überquerung. Eine lange Sandbank verlief entlang des Südufers. Auf dieser wurden die Zelte für die Nacht aufgebaut. Es gab auf dieser begrenzten Fläche nicht genug Platz, um einen Lagerkreis zu errichten, und so standen die Tipis in Reihen, wie die Häuser eines Dorfes.

Mein Großvater errichtete sein Zelt in der Nähe der Stelle, die für die Überquerung bestimmt wurde. Der Tag war kalt und windig. Mit Stahl und Stein schlug mein Großvater Feuer. Trockenes Gras wurde für die Betten entlang der Zeltwände ausgelegt und mit Roben bedeckt. Kleine Holzstücke wurden an die Bettkanten gelegt, um das trockene Gras vor den Funken zu schützen.

Am Abend legte sich der Wind. Zwielicht zog über den Himmel, und die Sterne erschienen. Der Neumond, schmal und gekrümmt wie ein Indianerbogen, schien weiß über dem Fluss, und die Wellen der Mittelströmung glänzten silbern im Mondlicht. Dann und wann schlug eine kleine Welle gegen das Ufer, und über allem lag das Rauschen des großen Flusses, der weiterfloss an einen Ort, von dem wir Indianer nichts wussten.

Gegen Mitternacht erhob sich ein Hund, streckte seine Nase gegen den Nachthimmel und jaulte. Dies war das Signal für den Mitternachtschor. Einen kurzen Moment später hatte jeder Hund des Dorfes eingestimmt und heulte den Mond an. Fern draußen auf der Prärie erklang das Bellen eines Kojoten. Die Hunde beruhigten sich bald wieder und legten sich schlafen.

Dann kam ich zur Welt.

In ein Stückchen Leder gewickelt wurde ich in die Arme meiner Mutter gelegt. Ich war ihr erstgeborenes Kind. Sie gab mir die Brust.

Der Morgen graute, als mein Vater heimkam. Er hob die Zelttür und trat lächelnd ein.

»Ich hörte meinen kleinen Sohn schreien«, sagte er. »Es war ein beherzter Schrei. Ich bin sehr glücklich.«

Meine Großmutter legte mich in seine Arme.

Der Stamm begann am selben Morgen mit der Flussüberquerung. Die Zelte wurden, eines nach dem anderen, abgebaut. Die Menschen packten ihre Habe auf Bullboats und paddelten damit über den Fluss.

Ein Bullboat baute man, indem man eine Bisonhaut über ein Gerüst aus Weidenästen zog. Es war geformt wie eine Wanne - es war nicht unbedingt filigran, aber es konnte eine Menge Lasten tragen.

Unser Boot war auf einem Travois aus dem Dorf mitgebracht worden. Mein Vater setzte meine Mutter und mich über den Fluss. Er kniete auf dem Boden, tauchte sein Paddel direkt vor sich in das Wasser und meine Mutter saß mit mir am hinteren Ende des Bootes. Unsere Zeltstangen waren zu einem Bündel verschnürt und an das Boot gebunden worden. Unsere Hunde und Pferde folgten schwimmend. Sie schnauften wegen der heftigen Strömung. Wir kamen erschöpft und ziemlich nass am anderen Ufer an.

Vier Tage lang waren die Menschen damit beschäftigt, den Fluss zu überqueren. Da es an der Zeit war, machten wir uns weiter auf den Weg, um den Platz, der als unser Winterquartier bestimmt war, zu erreichen. Meine Mutter und ich saßen nun auf einem Travois, welches von einem Pferd gezogen wurde. Eine Bisonhaut war über den Boden des Travoiskorbes gelegt worden. Diese band mein Vater eng um die Beine meiner Mutter. Ich lag in ihrem Schoß, war in ein Fell einer Wildkatze gehüllt und mit ihrer Robe zugedeckt.

Wir erreichten Round Bank, den Ort unseres Winterlagers, nach fünf Tagen. Üblicherweise verbrachte unser Volk die Winter in kleinen Erdhütten in den Wäldern entlang des Missouri, unweit von Like-a-Fishhook. Aber diesen Winter lagerten wir in unseren Zelten - wie die Sioux. Ein Zelt, war es an der richtigen Stelle aufgebaut und brannte im Innern ein Feuer, war ein gemütliches Örtchen.

Keine Bisons wurden auf unserem Weg zum Yellowstone getötet. Aber viel Hirsch- und Antilopenfleisch war ins Lager gebracht, getrocknet und in Taschen für den Winter verstaut worden. Viele, vorwiegend die vorausschauenden Familien, hatten auch große Maisvorräte aus Like-a-Fishhook mitgebracht. Nachdem der erste Schnee gefallen war, entdeckten unsere Jäger einige Bisons und töteten ein paar von ihnen. So mussten wir für diesen Winter keinen Hunger fürchten.

Der zehnte Tag nach meiner Geburt war der Tag meiner Namensgebung. Wir waren noch nicht richtig in unserem Winterlager angekommen. Der Name, den ein Indianerkind bekam, sollte ihm Glück bringen. Ein Medizinmann wurde bestellt, man gab ihm zu essen und Geschenke, damit er dem Kind einen Namen gab und für es betete. Da mein Großvater einer der Medizinmänner war, bat meine Mutter ihn, mir einen Namen zu geben.

Die Schutzgeister meines Großvaters waren die Vögel, die den Donner schicken. Er war ein guter alter Mann, nahm mich zärtlich in seine Arme und sagte: »Ich nenne meinen Enkel Tsa-kaka-sa-ki - Goodbird!« Mein Name war eine Art Fürbitte. Immer, wenn er ausgesprochen wird, erinnern sich die Vögel daran, dass ich nach ihnen benannt wurde und dass mein Großvater dafür betete, dass ich zu einem mutigen, guten Mann heranwachse.

Gilbert L. Wilson:
Goodbird. Die Welt der Hidatsa
Biografie
Überliefert von Edward Goodbird, Übersetzt von Tobias Enge
100 Seiten, gebunden
12,50 EUR
ISBN: 9783941485-907
Erschienen im Traumfänger-Verlag

Gilbert Livingston Wilson wurde 1868 in Springfield, Ohio, geboren. Er promovierte 1899 am Theologischen Seminar von Princeton und wurde presbyterianischer Priester. 1902 wurde er Pastor in Mandan, Nord-Dakota, ganz in der Nähe der Reservation der Mandan, Arikara und Hidatsa. Er studierte das Leben der dortigen Bevölkerung und lernte Buffalo Bird Woman (Waheenee) und andere Familienmitglieder kennen. Als Folge seiner Studien und tiefen Freundschaft wurde er in den »Prairie Chicken Clan« als Sohn von Waheenee adoptiert. 1910 erhielt er von der Universität von Minnesota den Doktortitel in Anthropologie. Seine ethnografischen Bücher fanden erst spät Beachtung und gelten heute als wahres Zeugnis des damaligen Lebens dieser Völker. Wilson starb 1930 - seine Ehefrau vermachte seine gesamten Aufzeichnungen der Minnesota Historical Society, die seine Bücher schließlich veröffentlichte.

Tobias Enge, 1990 geboren, hat an der Universität Leipzig Lehramt studiert. Schon in seiner Jugend interessierte er sich für die indigenen Völker Nordamerikas. Im Rahmen seines Studiums beschäftigte er sich intensiver mit Mythen und Legenden insbesondere der Plainskulturen. Dies machte er auch zum Thema seiner Bachelor- und Masterarbeit. Das einschlägige Interesse am Leben der Plainsindianer im 19. Jahrhundert und ein mehrmonatiger Aufenthalt im verregneten Irland brachten einige Übersetzungen von Fach- und belletristischen Büchern hervor. »Waheenee«, ebenfalls im Traumfänger-Verlag erschienen, war eine davon. Heute unterrichtet Tobias Enge an einer sächsischen Oberschule und übersetzt gelegentlich weiterhin Bücher über Native Americans.

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