Rilkes Panther und Poes Katze

Kara Walker prangert in der Schirn-Kunsthalle Frankfurt am Main Hass und Gewalt an

  • Von Andrea Hartmann und Michel Nölle
  • Lesedauer: 6 Min.
Verstörend mögen auf manche Besucher*innen die Werke von Kara Walker wirken - eindringliche Anklagen von Gewalt
Verstörend mögen auf manche Besucher*innen die Werke von Kara Walker wirken - eindringliche Anklagen von Gewalt

Konfrontation ist eines der grundlegenden ästhetischen Prinzipien von ihr, ein Prinzip, das sie selbst als »too-muchness« (zu viel) bezeichnet. Kara Walker (Jg. 1969), eine der wichtigsten zeitgenössischen US-amerikanischen Künstler*innen, ist nun mit einer großen Einzelausstellung in der Frankfurter Schirn-Kunsthalle zu sehen. Ihre Themen sind rassistische und sexualisierte Gewalt im Kontext einer weißen Kulturgeschichte.

Eigentlich ist Kara Walker für großformatige, raumfüllende Installationen und Skulpturen bekannt. Für die Ausstellung »A Black Hole is Everything a Star Longs to Be« (Ein schwarzes Loch ist alles, ein Stern sehnt sich danach, zu sein) zeigt sie nun vor allem Kleinformatiges: neben einigen filmischen Arbeiten mehr als 650 Skizzen, Entwürfe, Karteikarten, Notizen, Tagebucheinträge und Zeitungsausschnitte aus 28 Jahren intensiver künstlerischer Arbeit.

Die Materialmenge ist gewaltig. Schon an der ersten Wand neben dem Eingang hängen an die 50 Zeichnungen. Die Motive: Platons Höhle, eine Schwarze Hexe, Marvels Black Panther und George Eliots Middlemarch als Wendebuch, Abraham Lincoln, Mahalia Jackson und ein Selbstporträt, das die Künstlerin weinend zeigt. Und immer wieder auch Texte, im englischen Original. Das ist erst eiherausfordernd oder gar überfordernd, erweist sich allerdings als äußerst produktive Form. Die Bilder treten in Dialog, reiben sich, erzeugen Bedeutung. Das ist höchst spannend. Und folgt man der Einladung, hinter den Bildern und Texten vielfältige Assoziations- und Erinnerungsräume zu entdecken, wird man von einem starken Sog erfasst.

Da ist die Zeichnung einer großen schwarzen Katze, die an die Black Panther Party denken lässt, aber auch an Rainer Maria Rilkes Panther-Gedicht oder an Edgar Allan Poes Erzählung »The Black Cat«, die auch eine Allegorie auf des Krimiautors Angst vor einem Sklavenaufstand ist.

Ein anderes Bild zeigt einen Straßenkampf zwischen einem Polizisten und zwei Aktivist*innen, überschrieben mit »The Inquisition, the Crusade, the Crucible« - Inquisition, Kreuzzüge, Feuerproben. Kirche und Staat haben über die Jahrhunderte Menschen diskriminiert, unterdrückt, verfolgt und gemordet. Der Text hier bezieht sich zwar auf die Vergangenheit, das Bild jedoch zeigt die Gegenwart. Zwei Zeitebenen sind miteinander verbunden, um die Kontinuität der Gewalt zu verdeutlichen. »The Crucible« spielt aber auch auf das gleichnamige Arthur-Miller-Stück an, das die Hexenverfolgungen in den USA im 17. Jahrhundert thematisierte - zugleich eine wenig verdeckte Analogie auf die Kommunistenhatz der McCarthy-Ära.

Immer wieder wird ein Spannungsverhältnis zwischen Säkularem und Sakralem hergestellt. So zitiert Walker in einem anderen Werk Rembrandts »Anatomie des Dr. Tulp«, die Anordnung der Personen und die Perspektive deuten jedoch auch auf Leonardo da Vincis »Das letzte Abendmahl«. In beider Namen, in dem der Wissenschaft und in dem der Kirche wurden Schwarze Körper getötet und seziert. Freiheit gibt es offenbar nur im Tod. Das Bild trägt den zynischen Titel »Welcome Committee«.

Das Zitieren berühmter (weißer und männlicher) Künstler des westlichen Kunstkanons veranschaulicht, wie Schwarze Menschen als Motive systematisch ausgeschlossen werden und Schwarze Künstler*innen in diesem dominant weißen Kanon vergeblich zu suchen sind. Eine Schwarze Kunst- und Bildgeschichte ist nicht präsent, ein Zustand, an dem sich bis heute wenig geändert hat.

So stellt Walker auch die Frage nach ihrer eigenen künstlerischen Identität. Mit einem abgewandelten James-Baldwin-Zitat reagiert sie kritisch auf die Rolle, die ihr als Schwarzer Künstlerin aufgezwungen wird, und der sie sich nicht unterwerfen will. Heißt es bei Baldwin »I am not your negro«, so lautet ihre großformatige und sehr persönliche Aktualisierung »I am not my negro«, womit sie sich gegen die Erwartungen von Kritik, Publikum und anderen BIPOC-Künstler*innen wendet und sich dabei selbst immer wieder befragt.

Der 2019 eigens für diese Ausstellung geschaffene Zyklus zu Barack Obama wirkt da fast etwas unverbunden. Etwa in der Mitte unterbricht er den Sog, der von der überbordenden Fülle an Rahmen, Motiven, Bildern ausgeht. »Ah ja, Obama«, mag sich die eine oder der andere Betrachter*in hier denken, »kenne ich!« Und doch dürfte der oder die Betrachter*in überrascht werden.

Eins der Bilder ist eine Interpretation von Matthias Grünewalds »Die Versuchung des heiligen Antonius«, einem Flügel des berühmten Isenheimer Altars. Die bösen Geister, die Obama hier attackieren, stehen für seine politischen Gegner, die unter anderem seine Herkunft in Zweifel zogen, um die Rechtmäßigkeit seiner Präsidentschaft infrage zu stellen.

Ein weiteres Gemälde trägt den Titel »Barack Obama as Othello«. Wenn der demokratische Ex-Präsident Obama als Othello wie Jago aus Shakespeares Drama den abgeschlagenen Kopf seines republikanischen Nachfolgers Donald Trump hoch hält und ihm das Auge in den Schädel drückt, wird reale Historie verdreht, denn Letzterer ist sehr lebendig und saß zur Entstehungszeit des Werkes von Kara Walker im Weißen Haus.

In der Anordnung der Figuren erinnert das Bild zugleich an das Gemälde »Hamlet und Horatio auf dem Friedhof« des französischen Malers Eugène Delacroix. Die Künstlerin stellt so eine Verbindung zwischen zwei ambivalenten Shakespeare-Titelfiguren her. Bei Hamlet geht es permanent um die Frage, was Fakt und was Fiktion, was Lüge und was Wahrheit ist. Kara Walker eröffnet also eine weitere Ebene, die an den von Trump geprägten Begriff der Fake News denken lässt. Dies ist eine für sie typische Vorgehensweise: mittels solcher Mehrfachcodierungen die Besucher*innen immer wieder zum Nachdenken herauszufordern.

Die Offenheit der ohne Kommentar oder Einordnung nebeneinander hängenden Bilder macht die Betrachtenden zu Akteur*innen im künstlerischen Prozess. Bedeutung entsteht hier vor allem in der Beschäftigung mit den Bildern. Und tatsächlich stehen auffällig viele Besucher*innen zusammen vor den dicht behängten Wänden, diskutieren, deuten mal auf dieses und mal auf jenes Bild, erschließen sich die Ausstellung gemeinsam. Das ist kreativ und konstruktiv.

Für manche allerdings mag vielleicht sehr heftig sein, wie einem auf den Bildern von Kara Walker die grausame Realität der US-amerikanischen Geschichte entgegenschlägt, die in beinahe jedes Motiv eingearbeitet ist. Die teils drastischen Gewaltdarstellungen verfehlen ihre Wirkung nicht. Da wird geschlagen, zerfetzt, gepeitscht, Körper werden in unmögliche Posen gezwungen, nackt, machtlos. Das ist nichts für schwache Nerven.

Die Offenheit der Werke von Kara Walker ist wohlkonstruiert, jede Auseinandersetzung mit ihnen muss zu den immer selben Ergebnissen kommen: Diskriminierung, Hass und Gewalt sind historischen Konstanten. Und egal, wie lange man sich in der Ausstellung aufhält, irgendwie wird man nicht fertig mit dieser. Die Beschäftigung mit den Werken endet nicht mit dem Besuch. Gemäß Kara Walkers Prinzip »too-muchness«.

»A Black Hole is Everything a Star Longs to be«, bis 16. Januar in der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt/Main; geöffnet Di, Fr, So, 10 bis 19 Uhr, Mi und Do 10 bis 22 Uhr.

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