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Revier in der Tiefsee

Die Meeresbodenbehörde in Jamaika soll schnell den Weg für Bergbau in mehreren Tausend Metern Tiefe freimachen

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.
Auf dem Schiff
Auf dem Schiff "Island Pride" werden die Umweltauswirkungen des Abbaus von Manganknollen erforscht.

Meere sind überlebenswichtig. Ozeane bedecken den Großteil der Erdoberfläche. Der Sauerstoff, den wir Menschen atmen, wird zu etwa 80 Prozent von maritimen Pflanzen produziert, gleichzeitig ist das Meer die größte Kohlenstoffsenke. Und über 90 Prozent aller Lebewesen auf Erden sind unter Wasser zu Hause. Die Basis für diese Biodiversität liegt in der Tiefsee. Doch der empfindliche Lebensraum könnte sich bald in ein Bergbaurevier verwandeln. Vor allem sogenannte Manganknollen wecken Begehrlichkeiten. Sie sind voller Nickel, Kupfer, Kobalt und eben Mangan. Metalle, die für Smartphones, Windmühlen oder E-Autos unentbehrlich sind. Und nach denen die Nachfrage in der Industrie weltweit rasant wächst.

Bislang blieb es bei der Erforschung der Vorkommen und einigen Testschürfungen. Eine Hauptrolle spielt der pazifische Inselstaat Nauru. Seit Langem bereitet dessen Regierung im Schulterschluss mit einigen Konzernen den Abbau von Manganknollen vor. Vor einem Jahrzehnt scheiterte das Projekt noch vor dem Seegerichtshof der Vereinten Nationen (ISGH) in Hamburg. Das Gericht verwies auf Regelungen im 1994 geschlossenen Seerechtsübereinkommen, wonach die Meere völkerrechtlich als »gemeinsames Erbe der Menschheit« gelten. Was dies im Konkreten heißt, bleibt umstritten. Zuständig ist im Zweifelsfall die Internationale Meeresbodenbehörde ISA. Ihr gehören 167 Mitgliedstaaten sowie die EU an. Im Mittelpunkt der Jahrestagung, die am Nikolaustag am Sitz der Behörde in Kingston auf Jamaika begann, steht der Pazifikstaat Nauru.

Dieser hat die sogenannte Zwei-Jahres-Regel gezogen, weshalb die ISA sich nun genötigt fühlen könnte, im Eiltempo Vorschriften zu erlassen, die dem kommerziellen Bergbau in der Tiefsee Tür und Tor öffnen - mit bisher noch unabsehbaren Folgen. Aber ohne solche Vorschriften dürfte Nauru nach Auffassung von Völkerrechtlern wohl ohne Regelwerk mit dem Bergbau in mehreren Tausend Metern Tiefe beginnen. »Die ISA sollte ein Moratorium für Tiefseebergbau vereinbaren, statt mit einem lückenhaften Regelwerk die Gesundheit der Ozeane aufs Spiel zu setzen«, fordert indes Tim Packeiser vom World Wide Fund for Nature (WWF).

Die Forderung nach einem jahrelangen Aufschub wird auch von Fischereiverbänden, Konzernen wie Volkswagen, Samsung oder Google, von einzelnen Staaten und dem Europäischen Parlament erhoben. Die deutsche Regierung sah dazu bisher keinen Anlass, setzt sich aber für eine verbindliche Überprüfung der Umweltverträglichkeit des Tiefseebergbaus ein. Ein Moratorium für Forschungsarbeiten - auch dies wird von einigen Organisationen gefordert - wird jedoch auch von der neuen Bundesregierung abgelehnt. »Da durch die Exploration wichtige Daten und Informationen über die Tiefsee sowie über die zu erwartenden Auswirkungen eines möglichen Tiefseebergbaus gewonnen werden«, antwortete die Regierung 2019 auf eine Anfrage der Grünen. Und ganz ähnlich heißt es jetzt im Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung.

Hintergrund ist der wachsende Bedarf an Hochtechnologie-Rohstoffen. Auf diese Karte setzt auch die maritime Bergbauindustrie. Ihr mediales Aushängeschild heißt Gerard Barron. Er ist Chef der kanadischen Firma Deep Green, was so viel heißt wie »Grüne Tiefsee«. Barron gibt sich als Umweltschützer. »Die polymetallische Knolle in meiner Hand ist ungefähr so groß wie eine Kartoffel. Es gibt sie in Hülle und Fülle. Sie liegen auf dem Meeresgrund. Sie enthalten all die Metalle, die wir für die grüne Energiewende brauchen«, erklärt Barron auf Konferenzen, Talkshows und in Werbevideos. Tiefseebergbau bedeute zudem: Keine Kinderarbeit, kein Kahlschlag an Land.

Tatsächlich ist das Wissen über die Tiefsee gering. Küstennah auftretende Vorkommen von Phosphoriten, Schwermineralanreicherungen und Sanden werden bereits gefördert, heißt es in der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover. Aber der Rohstoffabbau in der Tiefsee werde erst erforscht. Im Auftrag der Bundesregierung erkundet die BGR ein Lizenzgebiet für Manganknollen im Nordostpazifik und seit 2015 auch ein Gebiet für Massivsulfide im Indik. Die Vorkommen, die sich teilweise in internationalen Gewässern befinden, bieten für Deutschland als metallrohstoffarmes Land die Möglichkeit, eines Tages bei der Internationalen Meeresbodenbehörde ISA Abbaulizenzen zu erwerben.

Bis dahin sei es aber noch ein langer Weg, wenn es überhaupt jemals zu einem Abbau komme. Mit einer schnellen Entscheidung auf Jamaika rechnet man in der Bundesanstalt, die dort die Bundesrepublik vertritt, nicht. Fachleute sehen auch Green Deep technisch noch weit von einem kommerziellen Tiefseebergbau entfernt. Gerard Barron wolle jedoch über die ISA zunächst politisch den Weg freiräumen. Nicht zuletzt, um den kürzlich gestarteten Börsenauftritt seines Konzerns zu beflügeln.

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