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Das Schweigen der Smileys

Tschechow geht online: Das Staatstheater Nürnberg zeigt mit »möwe.live« eine Inszenierung im digitalen Raum

  • Von Lara Wenzel
  • Lesedauer: 5 Min.
Wenn der Bildschirm zur Bühne wird: Die Digitaltheaterproduktion »möwe.live« nach Anton Tschechow
Wenn der Bildschirm zur Bühne wird: Die Digitaltheaterproduktion »möwe.live« nach Anton Tschechow

Doppelpunkt-Strich-Smiley oder Emoticon, postironischer Sticker oder GIF. Den richtigen Reaktionsmodus auf den Messenger-Apps zu finden, wird zum Charaktertest. Darin transportiert sich viel mehr als ein Ersatz für Mimik und Gestik. Altbacken und förmlich kommt die Interpunktionszeichen-Kombi daher, während ein wohlgewähltes GIF ausladend und spielerisch den Pol des kommunikativen Maximalismus markiert. In der Zeichenhandhabung eröffnen sich ebenfalls generationale Gräben.

Boris Trigorin, ein mittelalter Medienkünstler, ist im Einklang mit seinen Videoinstallationen Purist im Chat und rahmt seine Nachrichten mit Anrede und Abschiedsgrüßen. Welten entfernt scheint dies von Digital Native Nina, die unbedarft Aufnahmen von der romantischen Beziehung mit dem älteren Mann auf Instagram postet - inklusive animierter Herzchen. Für Trigorin ist das inakzeptabel, denn er möchte seine sozialen Kanäle freihalten von privaten Details.

Auf dem Desktop, der die Spielfläche des Theaterstreams bildet, öffnet sich der Chat zwischen der von Klara Wördemann mit großer Leichtigkeit Dargestellten und dem attraktiven älteren Herrn, gespielt von Janning Kahnert. Außerdem verfolgt das Publikum den Beziehungsfauxpas auf dem eigenen Handy, wo über die bekannten Kanäle Fotos, Tweets und Status-Updates zum Geschehen veröffentlicht werden. Nach »werther.live« ist »möwe.live« die zweite Produktion des Kollektivs punktlive, das die Introspektive im digitalen Raum sucht. Die Protagonist*innen, entlehnt aus der Dramenbearbeitung von Anton Tschechows »Die Möwe«, offenbaren innere Monologe in den Zuckungen ihres Cursors. Sie mäandern durch Tabs, digitale Fotoalben und Notizen, in denen das Ungesagte einsehbar wird.

Alles nicht Ausgesprochene kreist um einen in der Erinnerung weich gezeichneten Sommer. Da liebten sich Nina und Kostja noch, und der (hier männliche) melancholische Mascha, die Rolle übernimmt Jonny Hoff, genießt die Nähe zum unerreichbaren Freund. In Zusammenarbeit mit dem Staatstheater Nürnberg verfolgt das in die Gegenwart verlegte Künstlerdrama den Niedergang der drei jungen Menschen, deren letzte sonnenvergoldete Stunden in Trigorins Videotagebuch festgehalten sind. In diesen betont amateurhaften Bildern bahnt sich bereits das Ende des Glücks an. Immer näher zoomt die Kamera auf Ninas Gesicht, und sie beginnt mit dem Voyeur zu spielen. Der Jugendlichen imponiert der charismatische ältere Künstler; der ist wiederum angezogen von ihrer naiven Überhöhung. Sie folgt ihm schließlich nach Berlin - auch um ihre Karriere als Schauspielerin zu beginnen.

Kostja, ein Student an der Berliner Universität der Künste mit dem Traum, ein neues digitales Theater zu schaffen, wird vom Beziehungsende mit Nina zerrissen. Mit der Zeit erreichen seine Arbeiten Aufmerksamkeit - auch das Onlineportal »Nachtkritik« veröffentlicht einen Artikel über den aufstrebenden Dramatiker, den Nils Hohenhövel spielt. Aber auch eine positive Kritik auf der Internetplattform vermag sein gebrochenes Herz nicht zu heilen. Ihren unvermittelten Endpunkt erreicht die digitale Produktion mit seinem Suizid. Hier bestätigt sich, was zuvor vage Andeutung blieb: Mascha liebte Kostja. Auch Maschas Ehe mit Katja und das gemeinsame Kind konnten diese Gefühle nicht zerstreuen.

Mit »möwe.live«, der zweiten Arbeit, die Cosmea Spelleken in diesem Format inszenierte, entsteht ein Psychogramm auf dem Computerbildschirm. Aus sorgfältig gewählten Ordnernamen und Hintergrundbildern formen sich Persönlichkeiten. Wie in der Bearbeitung von »Die Leiden des jungen Werther« führt die Liebesobsession zur Katastrophe. Sentimental leiden sie, ohne den Schmerz der anderen erkennen zu können. Das passt zum intimen Blick, den das Online-Format bietet, denn es lässt Begegnungen nur als vermittelte zu. So gehen die Figuren weniger am Aus einer konkreten Beziehung, sondern vielmehr an der gesellschaftlichen Vereinzelung überhaupt zugrunde.

Was angesichts der sonst konsequenten Vergegenwärtigung des Stoffs verwundert, sind die Frauenfiguren. Unklar bleibt die Faszination für Nina, die nur als Objekt des Begehrens für Kostja und Trigorin existiert. Abgesehen von ihrer Jugendlichkeit zeichnet sie sich durch wenige Attribute aus. Später weint sie viel, weil Trigorin sie verlässt und dazu bringt, das gemeinsame Kind abzutreiben. Eigenes Handlungsstreben, das nicht auf Männer gerichtet ist, zeigt sie kaum. Müsste eine zeitgenössische Nina nicht mindestens ein Vulva-Tattoo und einen mybodymychoice-Pullover tragen?

Und auch Trigorin erscheint wie eine wandelnde »Red Flag«, ein dauerhaftes Warnsignal. Einen klaren Hinweis auf toxisches Verhalten sendet er Nina, beim Erzählen eines Sujets über ein Mädchen an einem See: »Sie liebt den See wie eine Möwe, und sie ist glücklich und frei wie eine Möwe. Aber da verschlägt es einen Mann an den See, er sieht sie, und vor lauter Nichtstun stürzt er sie ins Verderben, so wie diese Möwe.«

In solchen Momenten fehlt eine distanzschaffende Historisierung, mit der die Handlung vom hyperauthentischen Mediengebrauch wegrückt. Das Scheitern am Leben und der eigenen Kunst findet in der live gespielten Inszenierung ein Format, das den digitalen Habitus der Jüngeren sehr genau beobachtet und reproduziert. Wie bereits von der preisgekrönten Webserie »Druck« vorgemacht, dringt die Arbeit in das Alltäglichste, den kuratierten Datenfluss, ein und verschmilzt mit der hybriden Erfahrungswelt.

Nächste Vorstellungen: 21.12. und 16.1.

www.staatstheater-nuernberg.de

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