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Mal wieder spielen

Fabian Scheidler wirbt in »Das geistige Feld« für die Besinnung des Theaters auf seine Wurzeln

  • Von Erik Zielke
  • Lesedauer: 4 Min.
Eine Inszenierung von »Othello« im Stil des traditionellen japanischen Kabukitheaters. Fabian Scheidler empfiehlt eine Orientierung an asiatischer Kunst zur Erneuerung des »westlichen« Theaters.
Eine Inszenierung von »Othello« im Stil des traditionellen japanischen Kabukitheaters. Fabian Scheidler empfiehlt eine Orientierung an asiatischer Kunst zur Erneuerung des »westlichen« Theaters.

Dieses Lied ist noch gar nicht so alt, und doch kennt man es mittlerweile allzu gut und ist seiner lange schon überdrüssig. Es ist die unelegante Melodie, die in der bühnenreichen Bundesrepublik Deutschland landauf, landab auf der Authentizitätsflöte intoniert wird. Der geneigte Zuschauer begibt sich ins Theater, um etwas von der Welt und von der Menschheit zu erfahren, und ist daher bereit, sich die Worte von Ödipus und Iokaste, von Hamlet und Ophelia, von Woyzeck und Marie, von Wladimir und Estragon anzuhören. Aber was wird dem Publikum tatsächlich zu Gehör gebracht? Eindrücke aus der »echten« Welt, die gerade hoch im Kurs stehen. Eine Mischung aus Tagebuchprosa und ungeschicktem Befindlichkeitsjournalismus wird auf den Bühnen gegeben.

Vor einigen Jahren wurden »Experten des Alltags« verpflichtet, denen es zwar an schauspielerischer Ausbildung mangelte, die aber in ihrer Funktion als junge Erben, müde Krankenpfleger, glückliche Huren oder ähnliches aus ihrer Lebensrealität berichten sollten. Heute greift man wieder bevorzugt auf das Schauspielensemble zurück, das nun aber ebenfalls über sich selbst zu reden gefordert ist. Wir Zuschauer haben gelernt, wie es in den Elternhäusern und in den Schlafzimmern professioneller Darsteller aussieht. Knapp resümiert: Wirklich bewegend sind diese Impressionen äußerst selten.

Der Theatermacher und Sachbuchautor Fabian Scheidler hat in seinem Essay »Das geistige Feld. Essentialien des Theaters« bestimmt, wenn auch in freundlichem Ton, über den recht elendigen Zustand der darstellenden Künste in der »westlichen« Welt geschrieben. Auch er macht die vermeintliche Sehnsucht nach dem Authentischen, die an den Theatern bedient wird, als eines der Übel aus. Er beschreibt die modische Hinwendung zum scheinbar Realen, wie wir sie auch aus dem Reality-Fernsehen kennen, und merkt zu recht an: »Schon zu Shakespeares Lebzeiten stand die Bärenhatz-Arena direkt neben dem Globe Theatre.«

Scheidler entpuppt sich als entschiedener Verteidiger einer Schauspielkunst, die diesen Namen verdient. Das Theater ist ihm Ort der symbolischen Kommunikation. Auch wenn er es nicht auf diesen Punkt bringt, wird doch klar, dass der Autor den politischen Charakter des Theaters in ebendieser Anlage begreift. Wenn auf der Bühne nicht mehr gespielt wird, handelt es sich nicht mehr um die uns seit Jahrtausenden bekannte Kunstform. »Essentialien des Theater« bedeutet auch, dass hier sehr Grundsätzliches formuliert wird, Redundanzen sind da nicht vermeidlich. Und doch, scheint es, ist das hier Geschriebene bitternotwendig.

Der artikulierte Protest gegen »Realness« auf der Bühne auf Kosten wahrer Theatralität sind dann auch die lesenswertesten Passagen aus dem schmalen Band. Scheidler schreibt viel Grundlegendes zu Bewegung und Raum, Emotion und Vorstellung, das so neu selbstredend nicht ist. Richtigerweise drängt er auf eine Rückbesinnung auf die Wurzeln des Theaters. Impulse erhofft er sich unter anderem aus Asien und macht vor allem auf balinesische und japanische Darstellungsformen aufmerksam. Auf den großen Erneuerer des Theaters aus unseren Breitengeraden, auf Bertolt Brecht, verweist er erstaunlicherweise nicht. Der hatte sich selbst von asiatischem Theaterspiel beeinflussen lassen und es auf geschickte Art und Weise so nach Europa überführt, dass das Publikum damit etwas anzufangen wusste. Der bloße Verweis auf den erstrebenswerten rituellen Charakter künstlerischer Arbeit in Asien hilft noch nicht aus dem Dilemma, in dem sich die Theater offenkundig befinden. Traditionen lassen sich schwerlich adaptieren.

Scheidlers Empfehlungen, die Teilung der darstellenden Künste in Sparten aufzuheben und eine frühe musische Ausbildung im Schulalter zu ermöglichen, sind da weitaus stärker praxisbezogene Vorschläge. Aber auch hier stutzt man. Wie soll so einfach, qua Verordnung, künstlerische Relevanz wieder entstehen? Und waren denn die Voraussetzungen im vergangenen Jahrhundert, als doch Beachtliches entstanden ist, so andere? Es scheint, als müssten die Künstler selbst wieder zum Nachdenken kommen, zu einer radikalen Selbsthinterfragung jenseits von trendbewussten Floskeln. Eine erneute Hinwendung zur Theorie, neue Lektüren wären angebracht. Scheidlers Essay dürfte ein Teil davon sein.

Fabian Scheidler: Das geistige Feld. Essentialien des Theaters. Alexander Verlag, 112 S., br.,15 €.

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