Am Tisch der Mächtigen sitzen

Wolfgang Schivelbusch berichtet über sein »Leben und Forschen zwischen New York und Berlin«

  • Von Thomas Wagner
  • Lesedauer: 4 Min.
Ein Lessingpreis für Wolfgang Schivelbusch, 2014 in Hamburg
Ein Lessingpreis für Wolfgang Schivelbusch, 2014 in Hamburg

Wie haltet ihr’s mit der Macht? Auf diese Frage haben Intellektuelle immer wieder verschiedene Antworten gefunden. Einige setzten sich an die die Spitze revolutionärer Bewegungen, andere verdingten sich als Regierungsberater. Der 1941 in Berlin geborene Literaturwissenschaftler, Historiker und Publizist Wolfgang Schivelbusch bevorzugt die Rolle eines Chronisten, der die Nähe des Herrschaftszentrums sucht - weil es ihn fasziniert und weil es sich so genauer beobachten lässt. In seinem autobiografischen Gesprächsbuch »Die andere Seite. Leben und Forschen zwischen New York und Berlin« bringt er diese Haltung auf den Punkt: »Ich wollte am Tisch des Mächtigen sitzen, ohne Familienmitglied zu werden.«

Früher war er durchaus revolutionär gesonnen. Zwar nahm er als Student der Literaturwissenschaften zu den Hochzeiten von 1968 an Demos, Sit-Ins und Teach-Ins in Westberlin und Frankfurt am Main teil, trat jedoch genauso wenig in den SDS ein wie er später auch kein Mitglied der neugegründeten Organisationen der radikalen Linken wurde. Sein wissenschaftliches Interesse richtete sich zunächst auf die Konflikte zwischen dialektischen Dramatikern und der realsozialistischen Bürokratie. Ihn beeindruckte, wie Heiner Müller, Volker Braun oder Peter Hacks »ihre anarchischen Helden gegen die Duckmäuser und Parteisoldaten« auftreten ließen. Als er Hacks in dessen imposanter Wohnung in Ostberlin besuchte - man trank Tee aus Meißner Porzellan - trafen allerdings Welten aufeinander. Er sei damals, erinnert sich Schivelbusch, in seiner maoistischen Phase gewesen und habe damit auch nicht hinter dem Berg gehalten. Hacks habe das nachsichtig belächelt, ansonsten habe man sich aber gut verstanden.

In Schivelbuschs Dissertation »Sozialistisches Drama nach Brecht« kam der Dichter allerdings nicht gut weg. Er hielt dessen Komödien für »klassizistischen Kitsch«. Die Retourkutsche ließ nicht lange auf sich waren. In Hacks Bearbeitung von Goethes »Jahrmarktsfest zu Plundersweilern« tritt eine Figur auf, die es im Original gar nicht gibt: »Sie heißt Magister Schievelbusch und ist natürlich von der beckmesserischen Art.«

Als die erhoffte proletarische Revolution ausblieb, begann sich Schivelbusch, der Jahrzehnte lang zwischen New York und Berlin pendelte, für die revolutionäre Kraft der Technik zu interessieren. Im Lesesaal der New York Public Library und anderen Bibliotheken verfasste er Studien über die »Geschichte der Eisenbahnreise«, über die der Genussmittel und über die der »künstlichen Helligkeit im 19. Jahrhundert«. Bis dahin waren diese Themen, von Geisteswissenschaftlern links liegen gelassen worden. Beim Publikum wie bei der Kritik fanden sie überraschend großen Zuspruch. Die Finanzierung der aufwendigen Recherchen erfolgte durch Projektanträge bei wissenschaftlichen Stiftungen. Die Studie über die künstliche Beleuchtung entstand mit Mitteln der Leuchtmittelfirma Erco, »Intellektuellendämmerung«, eine Untersuchung des Lebens Frankfurter Intellektueller in der Zwischenkriegszeit, im Auftrag der Hessischen Landesregierung.

Viel Aufsehen erregte Schivelbusch 2003 mit seinem Buch »Kultur der Niederlage«, in dem er die Situation der amerikanischen Südstaaten nach dem verloren Sezessionskrieg 1865 mit der Frankreichs nach 1871 und Deutschlands nach 1918 verglich.

Für seinen mentalitätsgeschichtlichen Versuch, im Zeitgeist der 1930er Jahre Parallelen zwischen dem New Deal und dem deutschen sowie italienischen Faschismus aufzuzeigen erntete er Kritik, aber auch Beifall - wie er es damals noch sah - von der falschen Seite: »Es waren die Erzkonservativen, die Roosevelt und den New Deal nie akzeptiert hatten und die nun meinen Vergleich auf ihre Weise auslegten, so als hätte ich Roosevelt tatsächlich auf eine Stufe mit Hitler und Mussolini gestellt. Das war natürlich ein Missverständnis meiner Überlegungen, wie es gründlicher nicht sein konnte. Tödliches Schweigen von der Seite, der ich mich damals zu gehörig fühlte, den Linksliberalen.«

Heute verortet sich Schivelbusch, der seit 2014 wieder überwiegend in Deutschland lebt, eher auf Seiten der Konservativen. Deren ursprüngliche Positionen hätten er und seine linken Kampfgenossen vor 50 Jahren einfach nicht genügend gekannt: »Als konservativ bezeichneten wir solche Politiker und Meinungsmacher, die den bestehenden kapitalistischen Verhältnissen das Wort redeten und diese Verhältnisse gegen jeden Versuch einer sozialistischen oder auch nur sozialdemokratischen Veränderung verteidigten. Was wir damals konservativ nannten, würde man heute neoliberal nennen. Hätten wir eine Ahnung davon gehabt, dass der ursprüngliche Konservatismus ebenso antikapitalistisch war wie wir selber - nur eben antikapitalistisch von rechts statt von links -, dann hätten wir in ihm vielleicht nicht den Hauptfeind gesehen, sondern einen potenziellen Verbündeten.«

Schivelsbuschs jugendlicher Fortschrittsoptimismus hat einem konservativen Alterspessimismus Platz gemacht. Heute meldet er sich gelegentlich in der von seinem ehemaligen 68er-Genossen Frank Böckelmann ins Leben gerufene Vierteljahresschrift Tumult zu Wort, die, wie er schreibt, »gemeinhin als Organ der Neuen Rechten gilt«. Ob seine schon länger dauernde Schreibblockade, von der er in seinem Buch berichtet, auch etwas mit seiner ideologischen Neuverortung zu tun hat, ist nicht bekannt.

Wolfgang Schivelbusch: Die andere Seite. Leben und Forschen zwischen New York und Berlin. Rowohlt, 336 S., geb. 26 €.

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