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Jüdischsein in der DDR

Zwei Enkelkinder von Verfolgten des NS-Regimes über jüdische Identitäten in Ostberlin und ihre Familien

  • Von Maximilian Breitensträter
  • Lesedauer: 5 Min.
Mit einer symbolischen Grundsteinlegung feierte die SED-Führung am 10. November 1988 den Wiederaufbau der Neuen Synagoge an der Oranienburger Straße in Mitte.
Mit einer symbolischen Grundsteinlegung feierte die SED-Führung am 10. November 1988 den Wiederaufbau der Neuen Synagoge an der Oranienburger Straße in Mitte.

Die DDR und die Jüd*innen, die Jüd*innen und die DDR. Wenn über dieses Themenfeld gesprochen wird, lässt sich das Gespräch grob in drei Assoziationsstränge gliedern. Da wäre zum einen die Welt der sogenannten Intelligenzija, der kommunistisch-jüdischen Elite, der Remigrant*innen, die nach dem Zivilisationsbruch der Schoa in das Land der Täter*innen zurückkamen, weil sie fest an ein anderes Deutschland glaubten.

Da sind zum anderen die Gemeinden in den großen Städten wie Berlin, Leipzig und Dresden, die im Laufe der Jahre bis zum Ende der DDR immer weiter schrumpften. Und da ist die Frage, inwieweit organisiertes jüdisch-religiöses Gemeindeleben im realsozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat möglich war. Da ist die von der DDR-Führung nie erfolgte Anerkennung des Staates Israel, da sind schließlich Neonazis, die es auch im Land mit seiner schwarz-rot-goldenen Flagge mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz gibt.

Im Berliner Osten, genauer: im heutigen Großbezirk Pankow, kamen dabei unterschiedliche jüdische Erfahrungswelten so geballt zusammen wie sonst wohl nirgendwo in der DDR. Während im damaligen Stadtbezirk Pankow kulturpolitische Größen wie Hanns Eisler, Anna Seghers, Arnold Zweig und Walther Victor - um nur einige zu nennen - gleichzeitig sozialistisch und jüdisch waren, war der Stadtbezirk Prenzlauer Berg Ort religiösen Lebens mit der aktiven Synagogengemeinde an der Rykestraße, und bei Weißensee denkt man insbesondere an den größten erhaltenen jüdischen Friedhof Europas - Ort der Erinnerung, Ort antisemitischer Grabsteinschändungen.

Stella Leder kennt das realsozialistische Pankow und die verschiedenen jüdischen Erfahrungswelten in der ehemaligen DDR zwar nur aus Erzählungen, aus ihrer Familiengeschichte. Die hat es aber in sich. Leder, 1982 in Westberlin zur Welt gekommen, ist die Enkelin des Schriftstellers Stephan Hermlin. Ihr Großvater, 1915 als Rudolf Leder in Chemnitz geboren, war 1936 vor den Nazis in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina geflüchtet, kämpfte in Frankreich im Widerstand und kehrte 1945 nach Deutschland zurück, um den neuen sozialistischen Staat mit aufzubauen.

Seine Tochter Bettina, Stella Leders Mutter, war 1977 aus der DDR in die Bundesrepublik übergesiedelt. Vorausgegangen waren Proteste gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns, die Bettina Leder insbesondere auch deshalb erschüttert hatte, weil der Liedermacher Sohn eines in Auschwitz ermordeten Juden war - und Ausbürgerungen ein Instrument der Nationalsozialisten gewesen waren. Am Ende wurde sie selbst ausgebürgert.

Stella Leder hat Kultur- und Literaturwissenschaften studiert und arbeitet für Nichtregierungsorganisationen zu Antisemitismus, Gender und Rechtsextremismus. Sie sagt: »Jüdischsein in der DDR war eine eigene, sehr spezielle Erfahrung, die für mich in dem intellektuellen Kosmos Pankow, der mit dem Staat zusammen untergegangen ist, zusammenfließt.« Ihre Familie habe einen starken Bezug zu dem Bezirk - ihr Großvater hat dort lange gelebt, ihre Mutter wohnt heute wieder dort, ist aber Gemeindemitglied in einem anderen Bezirk. »Meine Mutter ist nicht jüdisch erzogen worden, hat sich aber schon als Kind gefragt, was es bedeutet, jüdisch zu sein. Erst Jahre nach der Wende hat sie nach und nach begonnen, ihren eigenen Bezug zum religiösen Judentum zu entdecken.«

Ihr berühmter Großvater hatte mit dem Judentum als Religion nichts am Hut. »Er war Kommunist.« Zeitlebens sei er zwischen allen Stühlen hin und hergerissen gewesen, sagt Stella Leder. »Auf der einen Seite war er nah an den Mächtigen dran, er war ein anerkannter Schriftsteller in der DDR. Auf der anderen Seite litt er unter der intellektuellen Enge, setzte sich für die Freiheit der Literatur ein.« Dass Hermlins Ehefrau Gudrun ihn und die gemeinsame Tochter Bettina bei der Staatssicherheit denunziert hatte, wurde erst nach Öffnung der Geheimdienstakten bekannt. Über ihre deutsch-jüdische Ostberliner Familie hat Stella Leder gerade das spannende Buch »Meine Mutter, der Mann im Garten und die Rechten« geschrieben.

Auch für Benjamin Steinitz, 1983 in Pankow geboren, ist das Thema präsent. Sein Urgroßvater, der Volkskundler Wolfgang Steinitz, floh 1934 mit seiner jüdischen Familie aus Deutschland, zunächst in die Sowjetunion, dann nach Schweden, wo er dank der Unterstützung einer jüdischen Stiftung seine Studien an der Stockholmer Universität fortsetzen konnte. Gleichzeitig war der Urgroßvater im schwedischen Exil - wie schon vor seiner Flucht aus Deutschland - für die KPD aktiv. Nach Kriegsende machte er in der DDR Karriere, als Institutsleiter an der Berliner Humboldt-Universität, als Mitglied des Zentralkomitees der SED, als Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften.

Auch sein Sohn, der Wirtschaftswissenschaftler Klaus Steinitz, Benjamin Steinitz’ Großvater, gehörte zur DDR-Nomenklatura, arbeitete in der Staatlichen Plankommission und war in den 80er Jahren stellvertretender Direktor des Zentralinstituts für Wirtschaftswissenschaften der Akademie der Wissenschaften der DDR. Anfang 1990 wurde er Mitglied im Parteivorstand der PDS, für die er auch in der Volkskammer und kurz sogar im Bundestag saß.

Benjamin Steinitz selbst ist Gründer und Leiter der Berliner Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus, kurz: RIAS Berlin. Er sagt: »Das Judentum hat in meiner Kindheit in Ostberlin praktisch keinerlei Rolle gespielt. Die Menora im Haus meiner Großeltern war für mich ein schmuckvoller Kerzenständer, und ich denke auch nicht, dass die genaue religiöse Bedeutung meinen Großeltern und Eltern geläufig war.« Bis heute spiele die jüdische Tradition in seiner Berliner Familie keine große Rolle - und das, obwohl seit den 30er Jahren in Israel, den USA und Italien immer enge Verwandte seines Großvaters gelebt haben, die jüdische Haushalte geführt haben.

Zugleich waren die Exilerfahrungen seiner Vorfahren in der Familie vorwiegend im Kontext der Verfolgung als Kommunist*innen, weniger als Jüd*innen präsent. »Während Antifaschismus Teil der Familienkultur war und ist, sind seine Konnotationen und spezifischen Bedeutungen für das Verhältnis zu Israel zwischen den Generationen der Familie umstritten«, reflektiert Steinitz.

Seinen Großvater hat die antizionistische Staatsdoktrin der DDR auch noch nach der Wende eine Zeit lang geprägt. Heute könne er damalige Fehleinschätzungen benennen und das Existenzrecht Israels anerkennen. »Im Gespräch mit ihm bin ich dennoch häufig ›der Zionist‹ im Raum«, sagt Benjamin Steinitz.

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