Atomkraft: Die ramponierte Wunschmaschine

Die EU will die Atomkraft als klimafreundliche Technologie einstufen. Das ist Irrsinn, meint Manfred Kriener.

  • Von Manfred Kriener
  • Lesedauer: 4 Min.
Projektion von Greenpeace auf dem Atomkraftwerk Grohnde. Die drei Kernkraftwerke gingen am 31. Dezember vom Netz.
Projektion von Greenpeace auf dem Atomkraftwerk Grohnde. Die drei Kernkraftwerke gingen am 31. Dezember vom Netz.

Kaum sind am Jahresende die drei Atomkraftwerke in Brokdorf, Grohnde und Gundremmingen abgeschaltet worden, eskaliert der Streit um die Atomenergie aufs Neue. Die EU-Kommission will die Atomkraft im Paket zusammen mit fossilem Erdgas als nachhaltige, klimafreundliche Übergangstechnologie einstufen. Mit dem Nachhaltigkeitslabel können AKW-Neubauten in Förderprogramme der EU aufgenommen werden, entsprechende Projekte bekommen Geld aus dem grünen EU-Topf. Auch die Nachhaltigkeitsfonds an den Weltbörsen orientieren sich an solchen Vorgaben, wenn sie entscheiden, welche Aktien von welchen Unternehmen gekauft werden. Atommeiler hätten damit formal den gleichen Status wie Solarparks, Radwege oder Trinkwasseraufbereitungsanlagen. Alles öko! Alles prima fürs Klima!

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Die Routine-Empörung beim grünen Ampel-Personal ist groß, sie kommt indes etwas spät, die Brüsseler Pläne liegen schon lange auf dem Tisch. Im Koalitionsvertrag soll ein entsprechender Passus, der die neue Bundesregierung verpflichtet hätte, gegen die Brüsseler Pläne Front zu machen, gestrichen worden sein. Man will offensichtlich keinen Atomstreit mit Frankreich lostreten. Denn es war der französische Präsident Emmanuel Macron, der für seine Atomenergie mit aller Macht das EU-Nachhaltigkeitsticket löste.
Kann eine Technologie nachhaltig sein, die im Falle ihres Versagens weite Landstriche Europas unbewohnbar macht, die Abfallprodukte produziert, die für Hunderttausende Jahre von der Biosphäre abgeschottet in tiefen geologischen Schichten vergraben werden müssen? Deren Spaltmaterial abgezweigt und für Atomwaffen oder terroristische Zwecke genutzt werden kann? Eine Technologie, deren tödliches radioaktives Inventar nicht gegen gelenkte Flugzeugabstürze gesichert ist. Deren Strom inzwischen dreimal so teuer ist wie Strom aus Erneuerbaren Energien. Es hört sich wie ein schlechter Witz an oder wie blanker Irrsinn, es ist aber Realität im komplizierten Gefüge der EU, wo eine Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen regiert, die 2011 den deutschen Ausstieg mitgetragen hat, um zehn Jahre nach Fukushima in der EU die grünen Atommeiler auszurufen.

Das vielfach herbeigeredete Comeback der Atomenergie wird es trotzdem nicht geben. Im Gegenteil: Die Talfahrt hält weiter an. Der weltweite Atompark mit seinen 415 Meilern ist mit 31 Jahren durchschnittlicher Laufzeit stark überaltert – mit allen Risiken einer zunehmend gebrechlichen Reaktorflotte und mit steigenden Kosten durch immer längere Ausfallzeiten und hohen Wartungsaufwand. Erstmals ist der Anteil der Atomkraft an der weltweiten Stromerzeugung auf unter zehn Prozent gesunken. Zur Primärenergieversorgung trägt Atomkraft nur noch vier Prozent bei. Im Jahr 2020 wurde 17-mal mehr in Erneuerbare Energien investiert als in Atomkraft. Und: Bei den wenigen europäischen AKW-Neubauten explodieren die Kosten, die Bauzeiten verlängern sich teilweise um mehr als ein ganzes Jahrzehnt wie im finnischen Olkiluoto und im französischen Flamanville. Ohne massive staatliche Subventionen ist Atomkraft mausetot. Jetzt wird sie von Brüssel künstlich beatmet.

Dass die Atommeiler kein Klimaretter sein können, haben viele wissenschaftliche Gutachten bestätigt. Um in nennenswertem Umfang den Kohleausstieg auszugleichen, müssten weltweit Zehntausende Meiler gebaut werden, die Mitte der 2030er Jahre viel zu spät betriebsbereit wären. Der Pfadwechsel hin zu wirklich klimafreundlichen modernen Technologien wird durch die Atomkraft blockiert. Sie zementiert die alten zentralen Strukturen und bindet Geld, Menschen, Ideen und Ressourcen, die dringend für die Weiterentwicklung enkeltauglicher Energie- und Speichertechnologien gebraucht werden. Der Möglichkeitsraum für neue Energien ist weit geöffnet. Es braucht keine mit Kohle und Uran betriebenen Großkraftwerke, die den Strom gnädig an die Untertanen verteilen. Die können eigenen Strom machen mit hauchdünnen Solarbeschichtungen, mit neuen unsichtbaren Solardachziegeln. Atomkraft – das ist die ziemlich ramponierte, alte Wunschmaschine, ein Abfallprodukt der Bombe in den 1950er Jahren. Ihr neuer Platz ist der Komposthaufen der Geschichte.

Manfred Kriener ist freier Journalist in Berlin. Zuletzt erschien von ihm das Buch »Leckerland ist abgebrannt«.

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