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Ein Jahr der Naturkatastrophen

Weltweit höhere Schäden als in den Vorjahren. Rückversicherer Munich Re kritisiert Politik

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.
Autos auf der Bundesstraße 265 nach dem Ahrtal-Hochwasser
Autos auf der Bundesstraße 265 nach dem Ahrtal-Hochwasser

Naturkatastrophen haben im vergangenen Jahr weltweit erheblich höhere Schäden als in den beiden Vorjahren verursacht. Stürme, Hochwasser und andere Naturgefahren richteten im vergangenen Jahr Schäden in Höhe von 280 Milliarden Dollar an, wie der Rückversicherer am Montag mitteilte.

Dabei kamen rund 10 000 Menschen ums Leben. Stürme, Hochwasser, Waldbrände oder Erdbeben zerstörten nach vorläufigen Daten Werte von umgerechnet rund 250 Milliarden Euro, wie der Rückversicherer Munich Re am Montag in München bekannt gab. Im Jahr zuvor hatten die Schäden 185 Milliarden Euro betragen, 2019 knapp 150 Milliarden. Allerdings waren laut dem Statistikportal Statista die Schäden in den Jahren 2005, 2011 und 2019 noch deutlich höher ausgefallen. Bislang teuerstes Jahr war 2011, als Seebeben, Tsunami und das folgende Atomunglück in Japan die weltweite volkswirtschaftliche Schadensumme auf 355 Milliarden Dollar getrieben hatten.

Ein sehr hoher Anteil, mehr als die Hälfte des finanziellen Schadens, entfiel 2021 auf die USA: Tornados, Hurrikans und eine Kältewelle schlugen mit 145 Milliarden Dollar zu Buche. In Belgien, den Niederlanden und der Bundesrepublik verursachten Starkniederschläge im Juli ungewöhnlich schwere Sturzfluten mit lokal verheerenden Schäden, insbesondere im Westen Deutschlands - wie beim Ahr-Hochwasser. Mehr als 220 Menschen kamen ums Leben. »Es war die bislang teuerste Naturkatastrophe in Europa«, schreibt Munich Re. Die Gesamtschäden betrugen 46 Milliarden Euro, davon 33 Milliarden allein in Deutschland. Der versicherte Anteil war wegen der unversicherten Infrastrukturschäden und der geringen Versicherungsdichte für Hochwasser relativ gering: Nach Angaben des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) betrug er bundesweit 8,2 Milliarden Euro.

In den betroffenen Regionen hatte es durch das Tiefdruckgebiet »Bernd« so stark wie sonst nur etwa einmal in 100 Jahren geregnet. »Bei steigenden Temperaturen werden Wetterextreme, je nach Art und Region, weiter zunehmen«, ist Chef-Klimatologe Ernst Rauch für die Zukunft pessimistisch. Munich Re unterhält seit Jahrzehnten eine eigene naturwissenschaftliche Forschungsabteilung. »Die Gefahr von Naturkatastrophen und die Schäden daraus steigen durch den Klimawandel umso mehr«, warnt Rauch, »je länger wir als Weltgemeinschaft bei seiner Bekämpfung versagen

Menschenwerk ist aber auch an anderer Stelle für die zunehmende Schadenshöhe verantwortlich. So steigt durch anspruchsvolle moderne Technik der Wert von Infrastrukturen und Immobilien, was die Schadenshöhe in den USA erklärt. Außerdem setzt sich der seit Langem von den Münchner Versicherungsexperten angeprangerte Trend fort, in gefährdeten Gebieten zu siedeln. So brach auf La Palma im September, eigentlich wenig überraschend, der Vulkan Cumbre Vieja im Süden der kanarischen Insel aus. Lavaströme ergossen sich bis ins Meer und begruben etwa 3000 Häuser unter sich. Schwere Vulkanausbrüche und Erdbeben haben im Jahr 2021 gezeigt, dass »auch diese Naturgefahren nicht vernachlässigt werden dürfen«, so das früher als Münchner Rückversicherung firmierende Unternehmen.

Wirtschaftlich befinden sich die Rückversicherer auf einem lukrativen Weg. Steigende Prämien der Kunden decken die zunehmenden Risiken ab. Für das Gesamtjahr 2021 rechnet der Vorstand daher mit einem kräftigen Gewinn von 2,8 Milliarden Euro. Ähnlich starke Ergebnisse trotz hoher Schäden meldeten Swiss Re und die deutsche Hannover RE.

Der weltgrößte Rückversicherungskonzern kritisiert die oft ungenügende Reaktion von Regierungen. Für das Erreichen der 2015 festgelegten Klimaziele fehlten noch in fast allen Regionen der Welt »Roadmaps«. Um Naturkatastrophen besser zu bewältigen, sei auf staatlicher Ebene ein strukturiertes Risikomanagement mit klar geregelten Zuständigkeiten nötig.

Diese Kritik dürfte auch auf die politisch Verantwortlichen in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und im Bund zielen, die auf das Sommerhochwasser zu spät oder falsch reagiert haben. Auf staatlicher Ebene befassen sich oftmals einzelne Ressorts nur mit Risiken innerhalb ihrer Zuständigkeit. »Eine ganzheitliche Verantwortung fehlt dagegen häufig.« Katastrophenvorsorge scheitert darum oft an unklaren Zuständigkeiten in den betroffenen Ländern, erläuterte der Vorstandsvorsitzende der Munich Re, Joachim Wenning. Neben möglichen politischen Verbesserungen begründet er seinen verhaltenen Optimismus mit der Hoffnung auf »Technologiesprünge«, etwa zur CO²-Reduktion.

Ob der Finanzsektor bei der Klima-Transformation - als Investor und Risikoträger - tatsächlich eine wichtige Funktion einnehmen soll, wie es Wenning wünscht, ist durchaus umstritten. So spannt auch die EU das Finanzsystem immer mehr zur Lenkung klimaschützender Investitionen ein.

Ein besonderer Risikofaktor bleibt die sogenannte Versicherungsdichte. Im weltweiten Maßstab waren 2021 etwa 43 Prozent der Schäden versichert, 57 Prozent nicht. In Industrieländern ist diese Versicherungslücke in den vergangenen Jahrzehnten geschrumpft, während sie in ärmeren Ländern unverändert bei mehr als 90 Prozent liegt. In Industriestaaten hängt der Anteil der versicherten Schäden von den jeweiligen Naturgefahren ab. So ist in den USA wie in Europa bei Überschwemmungen die Versicherungsdichte deutlich niedriger als bei Stürmen. In Nordamerika ist Infrastruktur teilweise versichert, in Europa dagegen kaum.

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