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Es braucht neue Vorbilder

Jean-Ulrick Désert wird mit dem neu gestifteten »Wi Di Mimba Wi«-Preis für Künstler*innen of Colour geehrt

  • Von Inga Dreyer
  • Lesedauer: 7 Min.
Jean-Ulrick Désert provoziert gern – um Wahrheiten offenzulegen.
Jean-Ulrick Désert provoziert gern – um Wahrheiten offenzulegen.

Herr Désert, Sie werden als erster Künstler mit dem neu geschaffenen Preis »Wi Di Mimba Wi« - was »Wir denken an uns selbst, kümmern uns umeinander« heißt - für in Deutschland lebende Künstler*innen of Colour ausgezeichnet. Wie hat es sich angefühlt, als Sie davon erfahren haben?

Ich war sehr berührt und fühle eine große Verantwortung. Denn ich weiß, dass nach mir andere Künstler of Colour kommen werden. Der Preis ist eine Anerkennung für fast 20 Jahre Tätigkeit als Kulturmacher in Deutschland.

Ich konzentriere mich sehr stark auf meine Arbeit und bin seit vielen Jahren nicht mehr Teil dieser kommerziellen Kunstwelt, die nur Trends verkauft. Ich habe schon früh versucht, mich davon zu befreien. Denn ich denke, es ist wichtiger, eine Arbeit zu machen, die über eine gewisse Integrität verfügt. Das ist ein Grund, weshalb ich oft Projekte gemacht habe, bei denen man nichts kaufen, sondern nur weitergeben kann. Es ist wichtig, dass Kunst nicht nur in Ausstellungen, sondern auch in die Alltagswelt von Menschen passt.

Wie sieht das in der Praxis aus?

Ich habe zum Beispiel Werbetafeln im öffentlichen Raum gestaltet, die nichts verkaufen wollen. Auf den Tafeln sind alte deutsche Sprichwörter in Sütterlin notiert. Um sie zu entschlüsseln, sind jüngere Menschen häufig auf ältere angewiesen. Es werden Weisheiten transportiert - und gleichzeitig betrachten die Menschen Bilder von mir in einer Trachtenlederhose. Es gibt eine undurchsichtige Verbindung zwischen der Poesie des Bildes und der des Textes. Für mich ist wichtig, dass Kunst auf unterschiedlichen Ebenen funktioniert - wie eine Rose, die sich in verschiedenen Schichten öffnet.

Natürlich würde ich mich freuen, wenn sie ein kommerzieller Erfolg wäre, aber manchmal kompromittiert dies das Werk. Der Markt möchte häufig lieber dekorativere Dinge verkaufen. Ich mag es, wenn Dinge schön sind, der Inhalt ist natürlich auch wichtig.

Warum braucht es in Deutschland einen Preis für Künstler*innen of Colour?

Ich denke, das gilt nicht nur für Deutschland, sondern auch für andere Länder. Ich habe dies in Frankreich und in den USA erlebt. In Deutschland haben viele Menschen falsche Vorstellungen von meiner Ausbildung und meinen Fähigkeiten. Sie würden nicht annehmen, dass ich zwei Diplome als Architekt habe und Universitäten wie die Cooper Union und die Columbia University besucht habe. Ich denke, People of Colour werden oft unterschätzt, auf ein Klischee reduziert. Das passiert auch Afro-Deutschen und hat nichts damit zu tun, Ausländer*in zu sein. Es fängt schon in jungen Jahren an, wenn ihnen nicht zugetraut wird, ein Gymnasium besuchen zu können.

Deshalb glaube ich auch, dass so ein Preis wichtig ist. Und ich denke, dass man als Person of Colour und als Neuberliner Verantwortung hat, ein Vorbild zu sein - nicht nur für junge Leute of Colour, sondern für jede*n. Wir müssen daran arbeiten, Vorbilder zu ändern.

In der Begründung der Jury heißt es, Sie hätten in Berlin eine Arbeit geleistet, die anderen Künstler*innen ermöglichte, heute das zu tun, was sie tun. Wie ist das gemeint?

Natürlich ermutige ich Künstler*innen, die ich treffe und betone die Verantwortung, die wir haben. Ich ermutige sie, den kommerziellen Markt nicht zu ernst zu nehmen. Berlin bietet - früher mehr als heute - die Möglichkeit, sich nicht so zu stressen wie in Köln oder in München. Man kann sich auf die künstlerische Arbeit konzentrieren. Ich habe Neulingen, die nach Berlin kamen, oft erklärt: Seid vorsichtig, spielt dieses Immobilienspiel nicht mit. Glaubt nicht, dass ihr etwas beweisen und einen überteuerten Raum mieten müsst. Dass sich dieser Stress negativ auf uns alle auswirkt, habe ich in New York erfahren.

Wie sind Sie in Berlin gelandet?

Nachdem ich einige Jahre in Paris gelebt hatte, bin ich viel gereist. In den 1990ern kam ich nach Berlin, um den von Christo und Jeanne-Claude verhüllten Reichstag zu sehen. Ich war nicht unbedingt ein Fan der beiden, aber ich war sehr bewegt, dass eine Regierung so etwas erlaubte und so viele Leute an dieser künstlerischen Erfahrung teilhaben konnten.

2002 bin ich hierhergezogen - mitten im Winter. Ich erinnere mich an den Moment, als ich mein Gepäck aus dem Auto nahm und es schneite und schneite und schneite. Ich dachte: Mein Gott, welche Entscheidung habe ich getroffen? Aber es ist wichtig, als Kulturmacher Verbindlichkeiten einzugehen und nicht nur in einer Urlaubsmentalität zu leben. Mit der Entscheidung zum Künstlersein geht eine große Verantwortung einher. Man kreiert Situationen - wie Christo und Jean-Claude -, in denen Menschen wichtige Erfahrungen machen. Künstler*innen verfügen über die Macht der Poesie.

Eine Ihrer bekanntesten Arbeiten ist das Projekt »Negerhosen2000«. Wie ist es dazu gekommen?

Das Projekt ist ein Statement zum Thema »Weißsein«. Ausgangspunkt war, dass ich rassistisch attackiert wurde, als ich in den 1990ern nach Berlin kam. Traumatisiert kehrte ich nach New York zurück. Ich beschloss, meine Möglichkeiten als Künstler zu nutzen und ein Werk zu schaffen, das mich heilen und mich in Kontakt mit anderen Menschen bringen würde - auch wenn es ein bisschen provokativ war.

Ich suchte nach Leder, dessen Farbe so nah wie möglich an der Haut von weißen Menschen war. In Lederhosen kam ich zurück nach Deutschland, fuhr mit der Deutschen Bahn und lief auf den Straßen herum. Menschen sprachen mich an, fotografierten mich und schickten mir Fotos per Mail. Sie wurden zu Dokumentarist*innen. Bei meiner ersten Soloshow in Wolfsburg entwarf ich Bierdeckel mit Fotos von »Negerhosen2000« und einem Text vom deutschen Philosophen Walter Benjamin, der auf der Flucht vor den Nazis in den Pyrenäen Suizid beging.

Sie arbeiten mit Trachten, mit Sprache und Symbolen, beschäftigen sich mit deutscher Geschichte. Welche Reaktionen löst das aus?

Ich mache Kunst nicht mit der Intention, provokativ zu sein - obwohl es gute Kunst gibt, die mit dieser Intention geschaffen wurde. Das demonstrieren beispielsweise die Karnevalisten in Köln oder Aktivist*innen wie Pussy Riot. Ich denke, meine Arbeit wird dann provokativ, wenn sie eine bestimmte Wahrheit berührt. Ein Beispiel ist meine Auseinandersetzung mit dem Tod des Münchener Modedesigners Rudolph Moshammer, der von einem jungen Iraker, der von ihm für sexuelle Dienstleistungen angeworben worden war, ermordet wurde. Ich habe Texte von Freiern gesammelt, die online Sexarbeiter*innen bewerteten. Daraus habe ich ein Werk geschaffen, das nicht obszön war. Trotzdem hat es einige Leute sehr aufgeregt. Sie fanden die Arbeit zu provokativ. Ich wollte nicht schockieren, sondern zeigen, wie normal es ist, dass Menschen für Sex zahlen und es einen Markt dafür gibt. Vielleicht ist das schockierend. Wenn wir eine Wahrheit berühren, werden wir zu Provokateur*innen.

Womit befassen sich Ihre jüngsten Arbeiten?

Meine Kunst verändert sich visuell sehr stark. Aber es gibt immer einen zentralen Kern: Ich versuche, Kunst zu kreieren, in der sich Menschen wiedererkennen oder an die sie anknüpfen können. So gibt es in der noch bis zum 30. Januar zu sehenden Ausstellung in der Galerie »after the butcher« in Lichtenberg eine neue Arbeit von mir, die inspiriert ist von der poetisch-politischen Aktion eines guten Freundes von mir, des Filmemachers Wieland Speck und des Künstlers Per Lücke. 1978 kletterte Per Lücke auf die Berliner Mauer, um dort Harfe zu spielen, Wieland Speck filmte. Ich habe die Stasi-Akten gelesen, die zu dieser Aktion angelegt worden sind und aus diesen Dokumenten Skulpturen geformt. Ich habe etwas aus der Beamtenwelt in symbolischer Magie verwandelt und mit Astrologie vermischt, um an die Aktion der beiden jungen Männer zu erinnern.

Das andere Projekt, an dem ich bereits seit 2017 arbeite, wird in diesem Jahr erstmals bei der langen Nacht der Wissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin zu sehen sein: ein Denkmal für den US-amerikanischen Wissenschaftler William Edward Burghardt Du Bois, der in den 1890er Jahren in Berlin studiert, später an der Civil Rights Movement mitgewirkt und zu DDR-Zeiten einen Ehrendoktortitel der HU bekommen hat. Ich fühle mich sehr geehrt, dass ich ihm dieses Denkmal schaffen durfte.

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