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  • Betriebsratsgründung in der Pandemie

»Niemand soll Angst haben müssen«

Der Mechatroniker Raphael Reinstein-Wagner hat in einer hessischen Sägenfabrik unter Pandemiebedingungen den ersten Betriebsrat der Firmengeschichte gegründet

  • Von Interview: Clemens Melzer
  • Lesedauer: 7 Min.
Raphael Reinstein-Wagner
Raphael Reinstein-Wagner

Sie arbeiten bei Wikus, wo im Oktober 2021 erstmalig ein Betriebsrat gewählt wurde. Was ist das für ein Unternehmen?

Wikus ist eine Sägenfabrik, die vor allem Sägebänder für Maschinenbau, Stahlwerke, und Automobilindustrie herstellt. Wir sitzen in Spangenberg, in Nordhessen, das Unternehmen hat aber mittlerweile auch mehrere ausländische Niederlassungen. Dass wir jetzt einen Betriebsrat haben, wäre allerdings vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen.

Was ist Ihr Job?

Ich bin jetzt frisch gewählter Betriebsratsvorsitzender im Unternehmen. Vorher war ich als Mechatroniker tätig und habe Maschinen repariert, jetzt habe ich im Prinzip den Wechsel ins Büro vollzogen und bin Ansprechpartner für die Belegschaft.

Hat sich durch die Wahl bereits das Betriebsklima verändert?

Wir hatten schon zwei Abteilungsversammlungen. Die eine Schicht war sehr mutig. Die haben sofort in der Gruppe über Ungerechtigkeiten gesprochen. In der anderen Schicht wurde durch den Vorgesetzten Druck ausgeübt, und die sind danach einzeln zu mir gekommen. Die ersten Veränderungen zeigen sich darin, dass sich die Menschen nicht mehr verstecken und sagen: »Ich möchte nicht, dass mein Vorgesetzter unfair mit mir umgeht!« Oder: »Ich bin seit drei, vier Jahren körperlich für diesen Arbeitsplatz nicht mehr geeignet, alle wissen es - und ich muss die Arbeit trotzdem machen!«

Aus welchen Gründen kann die Arbeit körperlich nicht mehr machbar sein?

Wir haben einen hohen Altersdurchschnitt - und wir sind in der Metallbranche. Ich weiß von mehreren Kollegen, die seit Jahren ärztliche Atteste haben, dass sie gewisse Tätigkeiten nicht mehr ausüben können. Und die Firma hat nichts gemacht, es herrscht das »Friss oder stirb«-Prinzip. Ein Beispiel: Die Fräsmaschinen müssen mit gestrecktem Arm mit den Fräsern bestückt werden. Die leichten Fräser wiegen rund 15 Kilo. Wenn du das jahrelang machst, merkst du das. Oder wenn du die Sägebänder aus den Maschinen rausholst, musst du die per Hand aufwickeln. Das geht auf den Rücken.

Wann haben Sie bei Wikus angefangen?

Meine Ausbildung habe ich 2012 begonnen, weil ich einen vielfältigen Beruf ergreifen wollte, der viele Bereiche abdeckt. Wir waren in der Instandhaltung immer so ein bisschen Mädchen für alles. Ich konnte mir aussuchen, in welcher Reihenfolge ich die Maschinen abarbeite. Das war ein Maß an Freiheit, das haben viele Arbeitgeber nicht mehr.

Was hat sich seitdem verändert?

Wikus war ein relativ bodenständiges Unternehmen. Alle wussten, ich kann vorbeikommen, und die helfen mir weiter - vom lokalen Landwirt bis zum Cousin irgendeines Mitarbeiters. Wenn bei jemandem aus der Umgebung die Leuchtröhre kaputtging, der ist nicht in den Baummarkt, sondern zu uns gefahren und hat sich von uns eine geben lassen. Inzwischen hat sich Wikus zu einem »modernen« Unternehmen gewandelt. Es wurde viel investiert, sowohl in die Gebäude als auch in den Maschinenpark. Aber die Firma wurde auch eingegrenzt - es gibt eine Schließanlage ringsrum, und es ist alles strenger geworden.

Früher war noch der Firmengründer federführend im Amt. Er war der Patriarch, der wusste, wo das Geld verdient wird, und hatte zu allen Mitarbeitern einen sehr guten Draht. Der ist rumgegangen, hat sich erkundigt, wie es den Leuten geht, und denen auch mal Geld in die Hand gedrückt. Bis zu seinem Tod 2019 hat er sich immer mehr aus den Unternehmensgeschäften zurückgezogen. Daraufhin begann die Zeit des neuen Unternehmensmanagements. Es wurde viel umstrukturiert, auch zuungunsten der Mitarbeiter.

Was hat dazu geführt, dass Sie sich organisiert haben?

Eine Massenentlassung. Im November 2020 sind von heute auf morgen 77 Kündigungen ausgesprochen worden. Wir hatten vorher eine Unternehmensberatung im Haus, die hat nie jemand zu Gesicht bekommen. Aber die haben von oben die Prozesse analysiert und angeblich das Management mit Sprüchen wie »15 Prozent der Belegschaft gehen immer« beraten. Daraufhin sind relativ kurzfristig Entlassungen ausgesprochen worden, die ein riesiges Loch ins Unternehmen gerissen haben. Damit hatte niemand gerechnet.

Die Firma hat auch in schweren Zeiten immer versucht, Kurzarbeit zu vermeiden und die komplette Belegschaft so gut wie möglich zu halten. Wir hätten eine Regelung gehabt, die der Firma erlaubt, unsere Arbeitsverträge zu drosseln - aber statt das zu nutzen, wurden von heute auf morgen knapp 80 Menschen auf die Straße gesetzt. Viele davon hatten schon über 20 Jahre im Unternehmen gearbeitet. Das war der große Wendepunkt, warum wir gesagt haben: Wir müssen einfach was machen!

Was haben Sie gemacht?

Ein paar Leute haben mit der IG Metall Kontakt aufgenommen. Da wurde den gekündigten Kollegen angeboten, sie bei Kündigungsklagen zu unterstützen. Das haben einige wahrgenommen, und von dem Tag an war die Gewerkschaft im Firmenalltag präsent. Der zuständige Gewerkschaftssekretär Andreas Köppe hat erst mal versucht, die Leute zu erreichen, die vertrauenswürdig sind, und eine Chatgruppe aufgemacht. Das war der zündende Anfang.

Der Organisationsgrad war vorher unglaublich schlecht. Die IG Metall ist in der Vergangenheit öfter vom Firmengelände vertrieben worden. Beim letzten Versuch, einen Betriebsrat zu gründen, mussten sie mit eingezogenem Schwanz von dannen ziehen.

Was hat Sie persönlich am meisten empört?

Bei mir waren die Vertragsänderungen durch die Firma vor rund vier Jahren der Auslöser. Die IG Metall hatte zu einer Infoveranstaltung in einer Spangenberger Kneipe eingeladen, und da dachte ich mir: Klar, betrifft dich genauso, gehst du hin! Als die Veranstaltung gerade beginnen sollte, geht die Tür auf: Der technische Leiter und mein direkter Vorgesetzter kamen rein, setzten sich unter die Leute. Es wurde sofort mucksmäuschenstill. Der Sekretär wusste nichts, und keiner traute sich, was zu sagen. Ich weiß noch, mein Vorgesetzter saß mir direkt gegenüber, und in den zwei Stunden hat der mich nicht einmal angesehen oder »Hallo« gesagt. Und da ist mir klar geworden, mit welcher Vehemenz die Geschäftsleitung versucht, diese Themen zu kontrollieren.

Nach der Veranstaltung ist der technische Leiter nach vorn gegangen, hat dem Sekretär auf die Schulter geklopft und gesagt: »Machen Sie sich mal keine Sorgen, wir sind bisher immer gut ohne Betriebsrat und Gewerkschaft zurechtgekommen, und das bleibt auch in Zukunft so.« Mit den Worten haben sie ihn rausgeworfen. Das widersprach meinen inneren Überzeugungen. Ich habe Leute zusammengetrommelt, um in meinem Wohnzimmer an diesen Themen zu arbeiten, und habe gemerkt, wie schwer es ist, Leute an einen Tisch zu bekommen, weil alle Angst haben. Die meisten haben gesagt: »Ich find das generell gut, aber bitte lass mich außen vor, ich habe Familie, und da falle ich eh nur hinten runter.« Erst die Entlassungen Ende 2020 haben den breiten Unmut geschaffen und das Bewusstsein dafür, dass wir uns selber organisieren müssen.

… was nur durch Onlinechats und Videokonferenzen möglich war. Worauf kommt es beim digitalen Organizing an?

Es funktioniert nur dann, wenn man keine andere Wahl hat. Wir konnten in der Pandemiesituation gar nichts anderes machen. Es klingt immer so, als wären die digitalen Mittel genauso gut - es hat aber auch vieles verkompliziert. Organizing lebt davon, eine Vertrauensbasis aufzubauen und mit den Menschen direkt zu sprechen. Das ist digital weitaus schwieriger.

Gewerkschaften haben ein Nachwuchsproblem. Wie können sie jüngere Menschen besser erreichen?

Die arbeitende Jugend ist eine andere als vor 30 Jahren. Ich glaube, dass Konsumkultur und Unternehmergeist die jungen Leute mehr begeistern als Kind der Arbeiterklasse zu sein.

Die Leute wollen sich als Unternehmer fühlen, auch wenn sie es gar nicht sind?

Ja. Oder Hauptsache, dem Konsum frönen, und die tollen Tech-Unternehmen regeln das schon für uns. Wir wissen alle, wie mies die Arbeitsbedingungen bei Amazon sind und wie gewerkschaftsfeindlich die vorgehen - und trotzdem bestellen wir da.

Mein Engagement hat mir eine ganz neue Perspektive eröffnet. Ich mache das nicht, um Geld zu verdienen, sondern weil ich daran glaube. Diesen inneren Antrieb hatte ich vorher nie. Wir müssen uns zusammenschließen, um unsere Interessen vernünftig zu vertreten. Wer einzeln der Macht des Arbeitgebers gegenüberstehen muss, kann eigentlich nur verlieren.

Was ist wichtig für die Zukunft der Gewerkschaften?

Ich sehe ein großes Risiko in der Digitalisierung. Dass Arbeitsplätze durch die Automatisierung entfallen, ist zwar auch schön, weil damit auch unangenehme Arbeiten wegfallen. Das wird aber die Gewerkschaften auch Mitglieder kosten, denn der Schweißroboter ist kein Gewerkschaftsmitglied. Ich habe Sorge, dass dies nur die Unternehmer stärkt. Deswegen würde ich mir wünschen, dass Gewerkschaften noch stärker politisieren und Forderungen an die Politik stellen.

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