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  • »Alice« am Staatsschauspiel Dresden

»Ab mit seinem Kopf!«

Am Staatsschauspiel Dresden wird Lewis Carrolls Klassiker »Alice im Wunderland« auf die Bühne gebracht. Dabei werden auch die Vermutungen über die pädophilen Neigungen des Autors nicht verschwiegen

  • Von Lara Wenzel
  • Lesedauer: 5 Min.
Morbide verspielt: »Alice« am Staatsschauspiel Dresden
Morbide verspielt: »Alice« am Staatsschauspiel Dresden

Mit der linken Schulter lehnt Alice Liddell an der Wand. Der Träger ihres zerlumpten Kleides ist entblößend herabgeglitten. Eine Hand stützt das Mädchen zur Faust geballt in die Seite, die andere liegt in bittender Geste zur Schale geformt vor ihrem Bauch. Sie soll der Liebling des Fotografen und Mathematikers Charles Dodgson gewesen sein, der sie verkleidet als Bettlerin und in vielen anderen Posen ablichtete.

Der Junggeselle verbrachte viel Zeit mit den Liddell-Kindern, veranstaltete mit Einverständnis der Eltern gemeinsame Picknicks und Bootsfahrten auf der Themse mit ihnen. Auf diesen Ausflügen unterhielt er die Mädchen mit den Abenteuern der kleinen Alice, die durch einen Kaninchenbau in eine wundersame Welt gelangte. Ihre Namensvetterin, Alice Liddell, bat den Freund, die Geschichten aufzuschreiben, die er später unter dem Namen Lewis Carroll veröffentlichte. Als das Mädchen elf Jahre alt wurde, brach der Kontakt zu Dodgson plötzlich ab. Die Tagebuchseiten, auf denen er von den Wochen des Zerwürfnisses berichtet, sind herausgerissen, die Briefe, die er an Alice richtete, vernichtet. Warum die Beziehung endete, kann heute nicht mehr rekonstruiert werden.

Die Blicke, die seine Kameralinse auf das junge Kind richtete, sind Grund für zahlreiche Spekulationen. Zwischen dem runden glänzenden Auge des Fotoapparats und ihrem kindlichen Körper gründete die Nachwelt den »Carroll-Mythos«, der ihm eine pädophile Neigung attestiert. Begehrte der Kinderbuchautor das Mädchen hinter dem Spiegel?

1992 erarbeitete der Regisseur Robert Wilson mit dem Musiker Tom Waits ein Musiktheaterstück über die düstere Obsession des Fotografen. »Alice«, das am Hamburger Thalia Theater uraufgeführt wurde, setzte die Kooperation der Künstler fort, die mit der Freischütz-Adaption »The Black Rider« begann. In der Neuinterpretation verbindet sich das Abenteuer im Wunderland mit dem emotionalen und körperlichen Missbrauch eines Kindes. Verzweifelt versucht die Protagonistin aus dem Albtraum aus Gewalt und Manipulation zu erwachen. Die Regisseurin Mina Salehpour inszenierte am Staatsschauspiel Dresden das Stück, das am letzten Sonnabend Premiere hatte, in starken, durch Licht und architektonisches Bühnenbild bestimmten Bildern, die auf das Wilson’sche Vorbild verweisen, ohne es lediglich zu kopieren.

Eine nebelverhangene Schneelandschaft, in der sich jede Unebenheit sanft aufhebt, erstreckt sich hinter dem eisernen Vorhang. Unbeholfen gleitet Alice auf Schlittschuhen über die Bühne und wird von der Kante des Orchestergrabens von Charles Dodgson, unangenehm charismatisch verkörpert von Hans-Werner Leupelt, beobachtet. Sehnsüchtig singt er: »And I must be insane / To go skating on your name / And by tracing it twice / I fell through the ice / Of Alice« (»Und ich muss verrückt sein / Auf deinem Namen Schlittschuh zu laufen / Und beim zweiten Abfahren / Fiel ich durch das Eis / Von Alice«).

Dann stürzt die Eisläuferin durch ein Loch im See, verschwindet und gleitet sogleich von der Decke herab in die Dunkelheit. So beginnt der Versuch des Mädchens, das von Kriemhild Hamann gespielt wird, sich aus dem gespenstischen Spiegellabyrinth zu befreien. Auf dem Weg durch die Unterwelt begegnet sie dem Figurenkabinett der Kindergeschichten. Doch Märzhase, Hutmacher und Haselmaus sind in ihren schrägen Rollen düster verschoben. Sie verweigern dem verzweifelten Kind in dieser 90-minütigen Inszenierung ihre Hilfe.

Ihre emotionale Abhängigkeit vom Familienfreund tritt in den 14 Episoden immer stärker zutage. Damit einher geht das Gefühl des Identitätsverlusts. Auf die Frage »Wie heißt du?« weiß Alice keine Antwort mehr. In der strahlend weiß gekachelten Küche, die sich aus dem Bühnenboden erhebt, stellen die Erwachsenen fest, dass das Schicksal der Namenlosigkeit ihre eigene Schuld sei. Sie habe ihren Platz in der häuslichen Geborgenheit verlassen und müsse die Konsequenzen tragen. Während dem Kind schwarze Tinte die Beine hinabläuft und ihr reines Kleid von innen befleckt, tadeln sie die Frauen: »Mädchen? Ferkel? Wo liegt der Unterschied?« Diese Inszenierung findet grausame und intensive Bilder für die sexuellen Übergriffe, die von den Liedern aus der Feder von Tom Waits und Kathleen Brennan begleitet werden.

Unterbrochen wird die beklemmende Stimmung der »Alice«-Inszenierung von grimmig-humorvollen Gesangseinlagen einzelner Figuren, die sich in der morbide verspielten Kostüm- (Maria Anderski, Dirk Traufelder) und Bühnenbildgestaltung (Robert Schweer) fortsetzen. So performt die Raupe, verkörpert von Sarah Schmidt, gelehnt auf ein Pilzbüschel, dessen dünne Stiele in Totenköpfen enden, das Lied »Table Top Joe« in der Manier eines abgehalfterten Showstars.

Beim Spiel der makabren »Kinderlieder für Erwachsene und umgekehrt« setzt die Inszenierung die Live-Musiker*innen in Szene, lässt sie bis auf die Bühne vordringen und einzelne Stücke singen. Trotz des Nummerncharakters, den das Musiktheaterstück mit seiner literarischen Vorlage teilt, ergibt sich ein Erzählbogen, der im Gerichtsprozess durch die Herzkönigin endet. Charles Dodgson, der auf der Bühne eine ambivalente Dynamik zwischen Kinderspiel und Verlangen entfaltet, ist schuldig. »Ab mit seinem Kopf!« So entledigt sich das zur Spiegelfläche gewordene Mädchen dem penetrierenden Blick. Die im Kamerablitz erstarrte Existenz des Fotomodells löst sich mit der Rückkehr ihres Namens auf.

Nächste Vorstellungen: 21.1., 9. und 19.2.

www.staatsschauspiel-dresden.de

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