Werbung

Auf einen gesunden Skandal

Ein symptomatischer Bericht über den wichtigsten Patienten des neuen Jahres

  • Von Alexander Estis
  • Lesedauer: 5 Min.

Die geheime Erfolgsstrategie des deutschen Gesundheitswesens besteht darin, den Patienten schon vor jeglicher Behandlung bis zu dem Grad zu zermürben, an dem er nichts sehnlicher wünscht, als aus ebendiesem Gesundheitswesen endlich entlassen zu werden.

Im Zuge dieser Zermürbung erscheinen dem Patienten all seine gesundheitlichen Sorgen bald schon vollkommen nichtig - verglichen mit den bürokratischen Strapazen, die er jetzt zu gewärtigen hat. Und durch Krankheit wähnt er seine Lebenszeit weitaus weniger verkürzt als er nun sie in reiner Warterei dahinrinnen fühlt. Man wird im Krankenhaus geboren, nicht selten stirbt man darin, und wenn man nicht achtgibt, hat man auch noch die Zeit dazwischen rasch im Wartezimmer durchgebracht.

Sollte der Patient aber nicht schon vorher aufgegeben haben und wird er also zuletzt doch ins Allerheiligste, das Sprechzimmer, vorgelassen, so sieht er sein Ziel schon erreicht und vergisst angesichts dieser Offenbarung höchster Gnade, dass sein ursprüngliches Begehr eine Gesundheitsberatung oder gar eine Heilungsprozedur gewesen ist. Er stimmt allem zu, was seine Rückkehr ins häusliche Bett beschleunigen könnte; gibt bereitwillig an, sein Asthma habe sich spontan gebessert, bekräftigt widerspruchslos, all seine Beschwerden seien im Kern psychosomatischer Natur, ja er lässt sich sogar mit Freuden als Hypochonder abfertigen und als Simulant titulieren, um nur möglichst bald unter ergebenen Beteuerungen seiner Dankbarkeit von dannen huschen zu dürfen.

So deliriere ich zumindest vor mich hin, während ich am Silvesterabend in der Notaufnahme eines großen Kölner Krankenhauses auf Versorgung warte. Just vor dem Jahreswechsel hat meine fast schon auskurierte Erkältung plötzlich wieder Fahrt aufgenommen und ungeachtet negativer Selbsttests alle mustergültigen Symptome von Covid entwickelt - ganz als wollte die Grande Dame der infektiösen Atemwegskrankheiten beweisen, dass auch ihr die neuesten viralen Moden bestens vertraut sind. Also hat mich die Beratungshotline des ärztlichen Bereitschaftsdienstes zur Notaufnahme geschickt - dort würde man gleich alle Tests vornehmen und sonst sei ohnehin nichts mehr geöffnet.

Im Wartebereich soll ich angesichts meiner Symptome Abstand halten. Das ist leichter gesagt als getan, denn dieser besteht im Grunde aus einer Reihe von Sitzen in einem kleinen Durchgangsraum des Krankenhauses. Alle Plätze, etwa zehn an der Zahl, sind belegt, ohne jegliche Abstände oder Trennwände. Stationäre Patienten, alte und schwer kranke, spazieren oder rollen zwischen den Wartenden auf und ab. Auch wenn ich noch nicht zum stetig wachsenden Kreis deutscher Hobbyvirologen gehöre, ahne selbst ich, dass dieses Raummanagement nicht der dernier cri der Infektionsschutzmaßnahmen sein kann. Also stelle ich mich mit 40 Grad Fieber, Atemnot und Husten in den Flur und lehne mich an die Wand.

Nach einigen Stunden gibt man mir Bescheid, dass mein Selbsttest nicht aussagekräftig sei und ich einen offiziellen Schnelltest bräuchte. Man könne ihn allerdings nicht hier im Krankenhaus durchführen. Ich werde an die nächstgelegene Teststelle verwiesen. »Wenn der Test negativ ist, kommen sie wieder. Wenn der Test positiv ist, dürfen sie nicht wiederkommen.« Was ich dann tun solle? »Rufen sie den ärztlichen Bereitschaftsdienst an.« Aber der hat mich doch hierhergeschickt! »Dann kann ich ihnen auch nicht helfen.«

Bei der Teststelle heißt es wiederum, man dürfe sich nur testen lassen, wenn man keine entsprechenden Symptome aufweise. Wem das als die Höhe der Absurdität erscheint, der möge sich korrigieren. Als es mir nämlich doch gelingt, mit einem negativen Testergebnis ins Krankenhaus zurückzukommen und einige weitere Stunden des Wartens zu überstehen, ist das erste, was mir die diensthabende Ärztin mitteilt: »Diese Schnelltests sind überhaupt nicht aussagekräftig. Ich hatte selbst Covid - und trotzdem fünf Tage lang nur negative Schnelltests. Sie müssen einen PCR-Test machen. Wir können ihn allerdings nicht hier im Krankenhaus durchführen.«

Die Ärztin ist müde. Sie trägt eine Handtasche um die Schulter und wirkt auch sonst, als sei sie ständig auf dem Sprung. Wie so oft in deutschen Arztpraxen beschleicht mich das Gefühl, die Ärztin nur unnötig aufzuhalten, und mein Gewissen wird mit jeder Sekunde ihrer Zeit, die ich beanspruche, mit jeder Frage, die ich ihr stelle, schlechter und schlechter. Denn sind die Krankenhausmitarbeiter am Ende nicht viel elender dran als wir Patienten, da sie in dieser Wirrnis überverwalteter Abstrusität nicht bloß existieren, sondern Schwerstarbeit leisten müssen? Und warten außer mir nicht noch viel mehr Patienten vor der Tür, nicht zuletzt solche, die einer Behandlung viel dringender bedürfen als ich?

Als ich das Behandlungszimmer verlasse, wird mir bewusst, dass der wichtigste Patient des anbrechenden Jahres tatsächlich noch immer wartet, und zwar schon weitaus länger als alle anderen. Es ist das deutsche Gesundheitswesen. Vor aller Augen siecht es dahin - und keiner hilft ihm.

Das Gesundheitswesen ist neben Kultur, Bildung, Forschung und Lehre einer jener Grundpfeiler unserer Gesellschaft, die seit Jahrzehnten durch vermeintliche Rationalisierung und Ökonomisierung systematisch ausgehöhlt werden. Seit Ende der 90er tritt der Mangel an medizinischem Fachpersonal insbesondere im Bereich der Pflege immer eklatanter zutage. Paradoxerweise bleiben die durch Tarifverträge gebundenen Tieflöhne der Pflegekräfte von dieser Knappheit unberührt. Die Folgen dieser Missstände wie die fatale Überbelegung von Krankenhäusern sind heute omnipräsent und gemeinhin bekannt. Dass wir unter solchen Vorzeichen einer Pandemie noch schlechter standhalten können, als es ohnehin zu erwarten wäre, braucht niemanden zu wundern. Staunen kann man indes, wie diese Misere bislang nicht zum eigentlichen Skandalon der Pandemiezeit avancieren konnte.

Machen wir also das Gesundheitswesen zu unserem wichtigsten Patienten und sein jämmerliches Dahinsiechen zum lautesten Skandal des Jahres.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal