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  • Energiewende in Berlin

Klima-Aktive ziehen rote Linie gegen Gas

Dass im Westen Berlins eine Pipeline gebaut werden soll, gleiche einem Verrat an der Zukunft

  • Von Louisa Theresa Braun
  • Lesedauer: 3 Min.
Mit einer roten Linie protestieren Klimaaktivist*innen gegen die geplante Gaspipeline von Vattenfall in Charlottenburg.
Mit einer roten Linie protestieren Klimaaktivist*innen gegen die geplante Gaspipeline von Vattenfall in Charlottenburg.

Mitten durch die gut situiert wirkende Akazienallee in Charlottenburg, zwischen Wasserturm, Kita und parkenden Autos, zieht sich am Mittwochmorgen ein langes rotes Stoffband. Gehalten wird es von zwei Dutzend Aktivist*innen von Ende Gelände, Fridays for Future, 350.org, Grüner Jugend, Linksjugend Solid und Klimaliste. Mit der »roten Linie gegen fossiles Gas in Berlin« protestieren sie gegen eine dort geplante Erdgaspipeline. Die würde für das neue Gaskraftwerk des Energiekonzerns Vattenfall (»Zukunftsnetz Nordwest«) benötigt, das am Standort Reuter West gebaut werden soll.

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»Wir fordern den sofortigen Planungsstopp des Gaskraftwerks und der Pipeline«, ruft Katja George von 350.org durch ein Megafon. Dass Erdgas als umweltfreundliche Alternative zur Kohle verkauft werde, »ist ein Verrat an unserer Zukunft«, sagt sie. Bei der Förderung und dem Transport von Erdgas werden erhebliche Mengen des Treibhausgases Methan ausgestoßen, wodurch es eine ähnlich klimaschädliche Wirkung hat wie Kohle. Da Gasinfrastruktur eine Lebensdauer von 20 bis 50 Jahren hat, würden unter dem politischen und wirtschaftlichen Druck, ebendiese Lebensdauer voll auszunutzen, »Investitionen in erneuerbare, klimafreundliche Alternativen blockiert«, fürchtet George.

Antonio Rohrßen von der Klimaliste verweist auf Studien, laut denen Berlin bis 2035 komplett mit erneuerbarer Energie versorgt werden könnte. »Um Klimakatastrophen wie die im Ahrtal im vergangenen Juli zu vermeiden, muss das unser gemeinsames Ziel sein«, findet er. Maya Eckes von der Linksjugend Solid fordert außerdem »die entschädigungslose Enteignung Vattenfalls sowie die Verstaatlichung und Rekommunalisierung aller weiteren Energiekonzerne«. Nur so könne eine zuverlässige und bezahlbare Wärmeversorgung für alle Berliner*innen sichergestellt werden.

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Aktuell läuft ein Raumordnungsverfahren, in dem drei mögliche Trassenkorridore für die Pipelines geprüft werden. Auch das Bündnis Kohleausstieg Berlin fordert, den Klimaschutz bei diesen Raumordnungsverfahren zu berücksichtigen. Perspektivisch soll in dem von Vattenfall geplanten Gaskraftwerk auch klimafreundlicher »grüner« Wasserstoff zum Einsatz kommen, was jedoch »weit in der Zukunft liegt und äußerst ungewiss ist«, wie es in einer Stellungnahme des Bündnisses heißt. Zudem sei Wasserstoff mit hohen Kosten verbunden und im Vergleich zu anderen Alternativen wie Wärmepumpen »energetisch ineffizient«. Diese erneuerbaren Energien sollten also klaren Vorrang haben.

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»Wir werden dafür kämpfen müssen«, sagt Ende-Gelände-Aktivistin Lisa am Montag zu »nd«. Es könne nicht sein, dass »ein fossiler Energieträger durch einen anderen ersetzt wird«. Die Planung der Pipeline sei in Berlin noch nicht sehr bekannt, deshalb soll mit der Aktion ein öffentliches Bewusstsein dafür geschaffen werden. Aktuell formiere sich in der Hauptstadt ein breites Bündnis gegen Gas, aber es brauche auch den politischen Willen, um eine klimafreundliche Energiewende umzusetzen.

Der klimapolitische Sprecher der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus, Ferat Koçak, der als parlamentarischer Beobachter an der »Rote Linie«-Aktion teilnimmt, will sich für die schnelle Umsetzung einer Machbarkeitsstudie zum Gasausstieg einsetzen, die im Koalitionsvertrag der rot-grün-roten Regierung bereits beschlossen wurde. Auch er befürwortet die Rekommunalisierung des Berliner Fernwärmenetzes. Eine Vergesellschaftung könnte dazu beitragen, Energiearmut zu bekämpfen. Es sei »wichtig, dass Aktivist*innen dafür auf die Straße gehen«, sagt Koçak zu »nd«.

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