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Waterloo für Marx und Ratzinger

Sexualisierte Gewalt: Gutachten belastet ehemaligen Papst und Ex-Chef der Bischofskonferenz schwer

  • Von Jana Frielinghaus
  • Lesedauer: 4 Min.
Sexualisierte Gewalt: Waterloo für Marx und Ratzinger

Fast 1900 Seiten umfasst das Werk, das Vertreter einer Anwaltskanzlei am Donnerstag in München vorstellten. Es befasst sich mit von Geistlichen an Kindern und Jugendlichen verübten Sexualdelikten einerseits und mit der Deckung der Täter durch Vorgesetzte andererseits. Diejenigen, die als Kardinäle und Erzbischöfe offenkundig von Verbrechen wussten und nichts unternahmen, den »Brüdern« vielmehr teilweise neue Wirkungsstätten vermittelten, sind die bekanntesten deutschen Vertreter der katholischen Kirche überhaupt: der emeritierte Papst Benedikt XVI. alias Joseph Ratzinger und sein Nachfolger im Amt des Erzbischofs von München und Freising, Reinhard Marx.

Ratzinger habe in seiner Zeit als Münchner Erzbischof Täter »mit hoher Wahrscheinlichkeit« wissentlich in der Seelsorge eingesetzt, heißt es in der Untersuchung der Kanzlei Westpfahl Spicker Wastl (WSW). Laut Studie wurden in dem Bistum mindestens 497 Minderjährige zwischen 1945 und 2019 von Priestern, Diakonen oder anderen Kirchenmitarbeitern sexuell missbraucht, 247 Jungen und 182 Mädchen. 60 Prozent der männlichen Opfer waren zwischen 8 und 14 Jahren alt.

Mindestens 235 mutmaßliche Täter gab es, unter ihnen 173 Priester. Allerdings sei dies nur das sogenannte Hellfeld, betonte Ulrich Wastl im Namen der Autoren. Er sprach von einer »Bilanz des Schreckens«. 40 Kleriker seien auch nach ihren Taten weiter in der Seelsorge tätig gewesen, 18 von ihnen sogar nach »einschlägiger Verurteilung«, sagte Wastls Kollege Martin Pusch. Für die Weiterbeschäftigung der Täter waren nach Einschätzung der Gutachter vor allem die Münchner Bischöfe und Generalvikare und damit auch der spätere Papst verantwortlich, der von 1977 bis 1982 Erzbischof des Bistums war.

Die Anwälte halten Joseph Ratzinger in vier Fällen Fehlverhalten vor. In zwei davon soll er Priester, bei denen er »überwiegend wahrscheinlich« von ihrer Missbrauchsvergangenheit gewusst habe, nach Bayern geholt haben. In einem geht es um einen Priester, der im Ausland rechtskräftig wegen Missbrauchs verurteilt worden war, in einem anderen um den Priester Peter H. aus Essen, der, obwohl er zuvor in Nordrhein-Westfalen Jungen sexuell misshandelt hatte, in Bayern wieder als Seelsorger mit Kindern und Jugendlichen arbeitete.

Im letztgenannten Fall hat Ratzinger offenbar gelogen: Ein Sitzungsprotokoll legt nahe, dass er, anders als von ihm behauptet, 1980 als Erzbischof von München bei einem Treffen geistlicher Würdenträger zugegen war, auf dem beschlossen wurde, dass der Essener Priester nach Bayern übersiedeln soll. Der Geistliche quälte dort später erneut Kinder und wurde dafür rechtskräftig verurteilt.

Noch wenige Tage vor Veröffentlichung des Gutachtens ließ der Ex-Papst über seinen Privatsekretär Georg Gänswein alle Vorwürfe zurückweisen. Ulrich Wastl sagte, er halte Benedikts Angabe, er sei in der Sitzung nicht anwesend gewesen, für »wenig glaubwürdig«. Eine 82-seitige Stellungnahme Ratzingers, in dem er ein Fehlverhalten in allen geschilderten Fällen »strikt« zurückweist, ist im Anhang des Gutachtens zu lesen, das die Kanzlei auf ihrer Webseite veröffentlichte.

Der Kirchenrechtler Thomas Schüller, der das System des Vertuschens in der katholischen Kirche seit Jahren kritisiert, nannte das Gutachten Benedikts »persönliches Waterloo«. Dieser habe »die letzte Chance vertan, reinen Tisch zu machen«. Er werde »der Unwahrheit überführt und demaskiert sich damit selbst als aktiver Vertuscher«.

Der Vatikan kündigte an, sich das Gutachten genau anschauen zu wollen, wie der Sprecher des Heiligen Stuhls, Matteo Bruni, mitteilte.

Ratzingers direktem Nachfolger als Münchner Erzbischof, Kardinal Friedrich Wetter, wirft das Gutachten im übrigen Fehlverhalten in 21 Fällen vor. Dem amtierenden Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, wird Fehlverhalten in zwei Fällen vorgeworfen. Es gehe dabei um Meldungen an die Glaubenskongregation in Rom. Pusch sagte, Marx habe die direkte Verantwortung im Generalvikariat gesehen. Das greife aber zu kurz, so Pusch und fragte, was, wenn nicht sexueller Missbrauch, Chefsache sein müsse. Der 2020 von diesem Amt zurückgetretene Chef der Deutschen Bischofskonferenz wollte am späten Nachmittag eine Stellungnahme abgeben. Der Präsentation der Studie war er trotz Einladung ferngeblieben, was die Kanzleivertreter deutlich kritisierten.

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