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Der wahre Preis

Agrarbündnis fordert mehr Geld für landwirtschaftliche Erzeugnisse

  • Von Haidy Damm
  • Lesedauer: 4 Min.
400 Liter Blut durchströmen das Euter einer Kuh, um ein Liter Milch zu erzeugen. Etwa 40 Cent erhalten Landwirt*innen pro Liter Milch.
400 Liter Blut durchströmen das Euter einer Kuh, um ein Liter Milch zu erzeugen. Etwa 40 Cent erhalten Landwirt*innen pro Liter Milch.

»Wir müssen über Preise reden. Alle Berechnungen machen deutlich, dass die derzeit vorhandenen öffentlichen Mittel für angemessene Erzeugerpreise und eine nachhaltige Transformation der Landwirtschaft bei weitem nicht ausreichen.« Zu diesem Schluss kommt der Agraringenieur Frieder Thomas bei der Online-Vorstellung des Jahresbuches Kritischer Agrarbericht 2022 am Donnerstag.

Doch was ist der wahre Preis für Lebensmittel? »Die in der landwirtschaftlichen Produktion entstehenden Schäden an Mensch und Natur sind aktuell nicht im Lebensmittelpreis enthalten«, heißt es im Agrarbericht. So würden viele Umweltkosten der Lebensmittelproduktion externalisiert, diese Kosten werden durch öffentliche Gelder aufgefangen - wenn sie denn dafür ausgegeben werden. Hinzu kommt, dass durch EU-Subventionen rund 40 Prozent des Einkommens von Landwirt*innen generiert wird, also auch durch öffentliche Gelder.

Reich werden die Landwirt*innen dadurch nicht, im Gegenteil: »Wir befinden uns mitten im Höfesterben«, sagt Elisabeth Fresen, Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft. Die gezahlten Preise seien für die Erzeuger*innen existenzbedrohend, hinzu kämen die nicht einmal bezifferten Kosten für die Klimakrise und das Artensterben. Die Mutterkuhhalterin fordert deshalb politische Rahmenbedingungen für die geplante Transformation der Landwirtschaft. Dazu gehört für sie auch eine Unterstützung für diejenigen, die ihren Tierbestand reduzieren wollen. »Wenn weniger Fleisch gegessen wird, heißt das auch weniger Tiere im Stall und auf der Weide.«

Auch der ruinöse globale Preiswettbewerb und die Orientierung vieler deutscher Landwirt*innen auf Exporte verschlimmern die Situation besonders bei Fleisch und Milch. »Die Landwirtschaft in Deutschland und in der EU ist eng in globale Lieferketten eingebunden. Vor allem der Import von Futtermitteln wie Soja ermöglicht die industrielle Tierhaltung und damit auch den Export von Fleisch und Milch auf den Weltmarkt«, sagt Tobias Reichert von der Entwicklungsorganisation Germanwatch. Gleichzeitig sei Sojaanbau ein zentraler Treiber für Entwaldung in Südamerika. Das deutsche Lieferkettengesetz orientiere sich dabei noch zu wenig an ökologischen Schäden, die vorgeschlagene EU-Verordnung für entwaldungsfreie Lieferketten gehe hier einen Schritt weiter.

Direkte Lieferbeziehungen zwischen Landwirt*innen und Handel gibt es hauptsächlich bei Obst und Gemüse, ein Großteil der Erzeugnisse werden über Zwischenhändler wie Molkereien und Schlachthöfe abgewickelt. Aus diesem Grund stärkt die im vergangenen Sommer in Deutschland umgesetzte UTP-Richtlinie gegen unlautere Handelspraktiken die Position der Landwirt*innen gegenüber dem Handel nur teilweise.

Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe mit Lidl kontrollieren nach Angaben des Bundeskartellamts zusammen mehr als 85 Prozent des Lebensmittelmarktes in Deutschland. Durch ihre Marktmacht könnten sie die Bedingungen weiter diktieren. Über eine Entflechtung dieser Konzerne müsse auch nachgedacht werden, sagte Olaf Bandt vom Bund für Umwelt und Naturschutz.

Weitere Möglichkeiten, die Einkommen der Erzeuger*innen besser zu machen, können auch die geplante Tierwohlabgabe oder die diskutierte Steuer auf tierische Produkte sein. »Es gibt kein Grundrecht auf Billigfleisch«, sagt Thomas Schröder vom Deutschen Tierschutzbund, der ein Werbeverbot für Fleisch-Sonderangebote fordert. »Aber es gibt eines auf Ernährung. Daher sollten wir lernen, über Ernährungspolitik zu reden.«

Dass mit der geplanten Transformation der Landwirtschaft auch die Preise in den Regalen steigen können, ist hier allen bewusst. Aber: »Wir machen keine Sozialpolitik«, sagt Freesen. Um sich gesund ernähren zu können, müsse dann eben die Grundsicherung steigen. Sie warnte davor, die Bedürfnisse einkommensschwacher Haushalte gegen die von produzierenden Landwirt*innen auszuspielen. Es könne nicht sein, dass diese wegen einer verfehlten Sozialpolitik in ihrer Existenz bedroht seien.

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