Im Namen der Effizienz

Die Stimme der Vernunft: Wie konnten in einem reichen Land anfällige Gerade-noch-so-Systeme entstehen?

  • Von Leo Fischer
  • Lesedauer: 3 Min.
Klopapier gibt es sogar als Torte. Als es aber in der Pandemie dringend gebraucht wurde, war es plötzlich Mangelware.
Klopapier gibt es sogar als Torte. Als es aber in der Pandemie dringend gebraucht wurde, war es plötzlich Mangelware.

In der Geschichte verwirklicht sich die Vernunft - diese schöne Hoffnung aus dem 19. Jahrhundert hat schon einige Dämpfer erfahren. Auch die alleroptimistischsten Liberalen glauben nicht mehr so recht an eine naturgesetzhafte Selbstentwicklung der besseren Gesellschaft, das lineare Modell vom immer fröhlich aufwärts rollenden Fortschritt ist nicht mehr zu halten. Ersetzt wurde Vernunft durch Effizienz: Es wird zwar nicht ständig alles besser, dafür aber billiger. Oder schneller! Das Auto fährt immer noch mit einem verbesserten Rußofen, dafür wird es aber innerhalb von nur zwei Tagen zusammengebaut, umlackiert und mit maßgeschneiderten Schalensitzen ausgestattet. In den 90ern und den Nullerjahren überbot man sich in Wirtschaft und Verwaltung mit Vorstellungen kybernetischer Prozessoptimierung; der schlanke Staat, das papierlose Büro und das Schnitzel ohne Pommes wurden obsessive Ideen, die irgendwann gar nicht mehr der Begründung bedurften.

Nicht erst in der Pandemie zeigte sich, dass die Systeme nur im Normalfall effizient sind, nicht im Ausnahmefall. Klopapier ist so lange überall zu kaufen, bis die Leute es dringend brauchen; Filtermasken gibt es im Überfluss, außer sie werden gerade medizinisch notwendig. Gesundheitsämter funktionieren solange, bis eine schwere Krankheit auftritt; Belegschaften sind optimal ausgelastet, außer es wird einer krank. Der neoliberale Effizienzfetisch hat Systeme geschaffen, die stets gerade noch so funktionieren; selbst Megakonzerne müssen im Notfall handlaminierte Hinweisschilder zusammenkrakeln und Küchenfolie ausrollen, weil all die agilen Designs und Wordings nur fürs Weiter-so ausgerichtet waren.

In den Unternehmen geben zehn Angestellte stets 110 Prozent, um die Einstellung eines elften zu verhindern; werden dann drei krank, fehlen effektiv sieben. In der Verwaltung zeichnen zwei Mitarbeiter*innen für alle Grünflächen einer Großstadt verantwortlich; fällt eine aus, sammelt sich in den Parks der Unrat. Eine dritte Mitarbeiterin wäre im Normalfall überflüssig, und die Öffentlichkeit wäre empört, leistete sich der zwangsverschlankte Staat eine dritte Mitarbeiterin, die nur da wäre, Notfälle abzuwenden. So wird die eigentlich soziale Aufgabe, die Individuen vor Katastrophen zu retten, zum Gegenteil: Die Individuen nehmen Katastrophen hin, damit die Systeme nicht mehr in die peinliche Lage geraten, sie verhindern zu müssen. Systeme werden nicht mehr auf Schwankungen, Reserven oder auch nur konjunkturelle Zyklen ausgerichtet, sie haben Normalität zur unausgesprochenen Voraussetzung. Nicht umsonst ist die Rückkehr zur sogenannten Normalität das manische Ziel aller staatlichen Aktivitäten. Dabei weiß nach zwei Jahren weder jemand, was einmal normal war, noch, ob diese Normalität etwas Gutes hatte. Man wird den Leuten künftig alles Mögliche verkaufen können mit der Behauptung, dass es früher zur Normalität gehörte.

Weil die Systeme Normalität nicht selbst herstellen, sondern sie zur informellen Voraussetzung haben, wird sie überall informell hergestellt. Es ist nicht möglich, Krankenhäuser unter den wahnwitzigen kapitalistischen Profitvorstellungen zu führen, denen sie unterworfen wurden, deswegen wird eben Triage eingeführt: Es wird buchstäblich gestorben, um dem Management vorzugaukeln, dass ein Krankenhaus den Normalbetrieb halten kann. Die Effizienz hat innerhalb unvorstellbaren Wohlstands asketische, ja ausgehungerte Systeme geschaffen, deren objektives Versagen überall durch Eigenverantwortung kompensiert werden muss. Die Abschaffung unverantwortlicher Systeme steht hingegen nirgends zur Debatte.

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