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Zwischen den Welten

Dana Anderson alias Willing Witness bringt als nicht binärer DJ Diversität auf allen Ebenen auf die Tanzfläche

  • Von Leonie Ruhland
  • Lesedauer: 7 Min.
Dana Anderson konzentriert an den Knöpfen
Dana Anderson konzentriert an den Knöpfen

Durch ein Dach aus weißen und blauen Kacheln, die an Origami erinnern, lassen Sonnenstrahlen kleine helle Muster auf dem strohbedeckten Boden entstehen. Das umliegende Feld eines Festivals in Ostdeutschland ist mäßig mit Besucher*innen gefüllt. Es ist früher Mittag, als Dana Anderson anfängt, die Knöpfe des DJ-Pults auf dem »Bei Birke«-Floor zu drehen. Eine Zeit, zu der die meisten Festivalbesucher*innen entweder gerade zu Bett gehen, nachdem sie die ganze Nacht durch den Techno-Wolf gedreht wurden, oder erst langsam wieder aufstehen, wenn sie sich nachts von den Tanzflächen reißen konnten.

Dana Anderson hat sich gut vorbereitet. Zwei Wochen zuvor im Fabrikkeller des Hamburger Gängeviertels, der auch als Proberaum dient: Eine 1,75 Meter große Person stellt drei schwere Koffer auf den DJ Pult des Kellerzimmers, das mit seinen steinernen Wänden, der bunten Deko und dem abgestandenen Zigarettengeruch noch an Party erinnert. Die Person trägt Jeans und ein kurzärmliges Hemd mit kantigem Mustern in lila, blau und hellgrün. Durch ihre schmale Figur und die schulterlangen, glatten Haare würde man sie vermutlich als weiblich lesen. Aber Katya, die Person hinter dem DJ Alias Dana Anderson, ist nicht-binär.

Katya hebt zwei CDJs und einen Mischer aus den Koffern heraus. CDJs sind Abspielgeräte speziell fürs Auflegen. Sie sehen aus wie kleine Hightech-Plattenspieler mit vielen Knöpfen, die bunt leuchten, bloß, dass keine Platte aufgelegt wird. Über einen kleinen Bildschirm laufen die Tracks und Songs, die von einem USB-Stick geladen werden. Über das Mischpult können die verschiedenen Bestandteile der Musik dann gesteuert und bearbeitet werden. Bass rein, Bass raus, Instrumente in den Vorder- oder Hintergrund, Höhenlautstärke nach oben oder unten, und so weiter.

Um diese ganzen Tonlagen auch korrekt über eine schallende Anlage bringen zu können, gehört natürlich auch ein Gewirr an Kabeln dazu. Die steckt Katya gerade mit ihren schmalen Händen gezielt in die entsprechenden Zugänge und sagt: »Vor 15 Jahren konnte ich nicht mal eine Hi-Fi Anlage aufbauen, ich hätte mir das niemals zugetraut.« Weil es keine Vorbilder, keine Lehrer*innen gab. »Und auch, weil ich einfach dachte: Kann ich nicht.« Katya redet sehr ruhig, sehr besonnen. Manchmal muss man sich konzentrieren, um alles mitzubekommen. Fast glaubt man, Katya sei eher introvertiert. Aber nach einer Weile merkt man, dass da einfach ein Mensch sitzt, der sehr genau über das nachdenkt, was er sagen möchte.

Katya wuchs in Kasachstan auf – damals noch Sowjetunion – und kam im Alter von neun Jahren ins Ruhrgebiet. Nach einer Tanzausbildung, einem Studium in Kunst-Medien-Ästhetische Bildung und Performance Studies und nach einigen Projekten, entdeckte Katya durch eine Kommilitonin das Auflegen. Später boten die beiden einen mehrtägigen Workshop an: DJing und Kontaktimprovisation. Von den Klangkünsten war letztlich nicht nur das Publikum begeistert. »Das hat mich so geflasht, dass ich das weiter lernen wollte.«

Aber die Geräte für solch ein Hobby sind teuer. Und das Geld hatte Katya nicht. Immer wieder mussten Freund*innen herhalten, die glücklicherweise gerne teilten. Dann gab es ein Treffen von Female:Pressure in Berlin, ein internationales Netzwerk für FLINTA*-Personen (Frauen, Lesben, inter Personen, nicht-binäre-, trans- und agender- Personen) innerhalb elektronischer Musik und digitaler Kunst, bei dem beispielsweise Themen wie die Überzahl männlicher DJs am Set besprochen wurden. Von einer »unterstützenden und empowernden Atmosphäre« inspiriert, beschloss Katya, so etwas auch in Hamburg zu veranstalten. Mit Erfolg. Innerhalb kürzester Zeit schloss sich eine kleine Gruppe zusammen, um miteinander Musik zu machen und voneinander zu lernen. Mit dem Keller der Gängeviertel-Fabrik fanden sie einen Ort, in dem sie nicht nur proben, sondern auch Equipment borgen konnten. Das Kollektiv Kosmos & Krawall war geboren.

»Kosmos & Krawall ist als Support- und Homebase gedacht«, erzählt Katya. Untereinander bringen sie sich auf den neuesten Stand, schieben sich gegenseitig Gigs zu oder werden auch mal als Kollektiv angefragt. Da sie eine reine FLINTA-Gruppe sind, geht es auch um Schutz, denn die DJ-Welt ist nach wie vor sehr männlich dominiert. Da hilft es, von einem gemeinsamen Erfahrungsschatz zu profitieren. Vor allem aber geht es um Vertrauen und um Anerkennung. »Wir schätzen uns gegenseitig und selber in unserer Einzigartigkeit«, sagt Lisa. Sie ist Teil des Kollektivs, seitdem Katya durch das Musikvideo ihres damaligen Freundes in ihr Leben tanzte und ihr anschließend das Auflegen beibrachte. »Ich schätze den Mut zur Crazyness. Katya trifft immer einen geilen Vibe und hat was sehr Eigenes, was ich gar nicht so in Worte fassen kann.«

Wer Dana Anderson hört, bekommt nicht immer das, was man vielleicht erwartet. Wer einen dicken Bass nach dem anderen hören will, wird enttäuscht. Hier clashen die Harmonien. Auf doll folgt sanft folgt verspielt. Auf Dana muss man sich einlassen können, aber wer das tut, wird belohnt: Dana spielt eine Reise – im wahrsten Sinne. Kein Track gleicht dem Nächsten und jeder einzelne ist ein Ausflug für sich. »Ich merke, mir macht›s am meisten Spaß, wenn Tracks eine ausgearbeitete Songstruktur haben, also wenn sie etwas erzählen. Ich genieße es, wenn der hohe Frequenzbereich subtiler ist, dafür mehr basshaltig, und dann was Saftiges in der Mitte sitzt«, erklärt Katya im Proberaum, während im Hintergrund leise der Track »Dramatic Sunset« von AEVA anläuft. »Je mehr Instrumente und je mehr Liebe darin stecken, desto mehr gefallen sie mir.«

So bunt wie Danas Musik wünscht sich Katya auch die Musiklandschaft. Es gebe zwar immer mehr Künstler*innen und stetig neue Musikevents, aber oft bekomme man den Eindruck, dass auf allen Floors das Gleiche läuft. Gerade für die Hochzeiten im Club oder auf Festivals scheint ein Techno-Sound den Betreiber*innen am liebsten, was für Gäste mit anderen Vorlieben enttäuschend sein kann. Auch Menschen, die zum ersten Mal auf ein Festival kommen, sollten die Erfahrung unterschiedlicher Musik machen, findet Katya. »Ich glaube, dass sich unsere Gehirne ganz schön gewöhnt haben an bestimmte Hörerlebnisse.« Und wenn wir kein positives Erlebnis mit unterschiedlichen Dingen machen, würden wir sie gar nicht erst in unseren Möglichkeitsraum aufnehmen.
Vielfalt auf die Bühne bringen, das will die Booking Agentur EQ:Booking, bei der Katya als Künstler*in gelistet ist. Übrigens nicht nur als Dana Anderson, sondern auch mit ihrem Techno-Alias Willing Witness.

Die Agentur gibt es seit drei Jahren und vertritt vor allem Künstler*innen, die sowohl musikalisch als auch biografisch diverser aufgestellt sind, als die Artist-Listen gängiger Clubs. Das EQ:-Team wird oft für einen ganzen Floor angefragt, wie beispielsweise auf dem Hamburger »Vogelball«, für den sie sich dann ein queeres Konzept überlegen, das mit dem Gesamtkonzept des Festivals einhergeht. Dass Katya hier eine Doppelrolle innehat und auch Teilhabende der Firma ist, überrascht kaum. »Katya ist aktiv auf uns zugegangen und hat angeboten, mitzumachen«, erzählt Hempen. Er ist Cogründer von EQ:.
Dana Anderson, Willing Witness: Musik, Tanz, Performance, Workshops. Katya bewegt sich wahrlich zwischen Welten. »Ich finde das erstaunlich«, sagt Hark dazu und fügt an, dass Katya bei all dem stets achtsam mit ihren Mitmenschen bleibe. Im Team schätze man die klaren Absprachen und die Fähigkeit zur gewaltfreien Kommunikation sehr. »Katya bleibt immer bei sich, anstatt den Fehler bei anderen zu suchen oder andere anzugreifen.«

Im Proberaum hat sich Katya inzwischen ihrem Laptop zugewendet und öffnet ein Profil auf Soundcloud. »JAMIIE«, laut dem Profil eine weiblich gelesene Person mit lockigem Mittelscheitel, spielt Afrohouse, House und Beathouse. Sie ist die Künstlerin, die »bei Birke« vor Dana Anderson spielen soll. »Ich skippe durch das Set und schaue, was passiert da so: Was ist hier im Breakdown los, welcher Track wird als Letztes gespielt. Um ein Gefühl dafür zu kriegen, wer dieser Mensch ist.«

Die Sets vom nächsten Profil gehen eher in eine 80s Richtung. Also ganz was anderes. Katya versinkt in Gedanken, murmelt vor sich hin, klickt durch ein Set. Bis der Entschluss kommt: »Joa, dann gibt‹s eh einen Cut, dann kann ich voll mein Ding durchziehen.«

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