Werbung

Nicht mehr immunologisch naiv

Die Impfquote in Deutschland ist hoch, Infektionen nehmen zu. Fachlich lässt sich eine allgemeine Pflicht nicht begründen

  • Von Kurt Stenger
  • Lesedauer: 6 Min.

»Die Welt und alle ihre Menschen haben ihre Freiheit zurückgewonnen.« Mit diesen Worten verkündete die Weltgesundheitsversammlung den grandiosen Sieg einer Impfkampagne über ein fieses Virus. Es war der 8. Mai 1980, als die WHO offiziell die Pocken für ausgerottet erklärte. Jahrtausende waren die Variola in Umlauf gewesen, allein im 20. Jahrhundert forderten sie 300 Millionen Menschenleben. Heute finden sich nur noch einige Viren in Forschungslaboren.

Auch in der Bundesrepublik (bis 1976) richtete sich die bislang einzige allgemeine Impfpflicht gegen die Pocken. Taugt sie als Blaupause für den Umgang mit Sars-CoV-2? Leider nein. Mit einer Sterblichkeitsrate von 20 bis 60 Prozent je nach Variante waren die Variola sehr viel tödlicher und gleichzeitig weniger infektiös, was den Erfolg der Impfkampagne ermöglichte. Ferner gab es keine medikamentöse Behandlung. Darüber hinaus bestand eine weltweite Impfpflicht, und die WHO koordinierte alle Gegenmaßnahmen.

Auch aus der seit März 2020 bestehenden Masernimpfpflicht in Deutschland lässt sich wenig für Corona ableiten. Dieses Virus hat einen deutlich höheren Reproduktionswert - 12 bis 18 Menschen steckt ein Infizierter im Schnitt an. Beim Coronavirus bringt es selbst die bislang infektiöseste Variante Omikron nach Berechnungen des britischen Gesundheitsdienstes NHS auf einen R-Wert von 3,7. Außerdem soll vor Masern explizit eine Gruppe geschützt werden: die Kinder. Die Pflicht gilt in der Kita und Schule sowie für medizinisches Personal.

Mit einer Corona-Impfpflicht würde Deutschland also historisch und immunologisch Neuland betreten. Es bräuchte schon eine gute Begründung dafür, was diese harte Maßnahme bringen soll. Würde sie die Ausbreitung des Virus stoppen? Klar ist, dass das zu Beginn der Impfungen vor gut einem Jahr etwa vom Robert-Koch-Institut (RKI) vertretene Ziel einer Herdenimmunität längst vom Tisch ist. Zu dem Zustand, dass eine bestimmte Impfquote eine ganze Gemeinschaft vor einer ansteckenden Krankheit schützt, kommt es bei Viren generell selten. Bei Sars-CoV-2 war die Wirksamkeit der einzelnen Vakzine anfangs sehr gut, aber nicht 100 Prozent. Eine sterile Immunität - also, dass Geimpfte das Virus nicht weitergeben können - ist nicht zu erreichen. Auch der Schutz vor einer Infektion wurde von Variante zu Variante immer geringer, Impfdurchbrüche nahmen zu. Ursprünglich sollten zwei Dosen eine vollständige Impfung bringen, bei Omikron wird für Gruppen wie die ganz Alten und Immunsupprimierte schon die Notwendigkeit eines vierten Pikses diskutiert.

Selbst damit wäre es aber nicht getan, wie erste Erkenntnisse aus Israel zeigen. Das Land gilt als Vorreiter bei Impfungen mit dem mRNA-Vakzin von Biontech und testet derzeit den Nutzen einer vierten Impfung. Der zweite Booster habe die Antikörpertiter (Mengenmaß für bestimmte Antikörper im Blut) erhöht, aber auch hier gebe es Ansteckungen, wie Gili Regev-Yochay, Direktorin der Abteilung für Infektionskrankheiten am Sheba Medical Center nahe Tel Aviv, sagte. »Wir wissen jetzt, dass die Höhe der Antikörpertiter, die für einen Schutz vor Omikron nötig ist, wahrscheinlich zu hoch ist für einen Impfstoff, und zwar auch für einen guten Impfstoff.«

Genaueres über die Studie ist zwar noch nicht bekannt, aber die Richtung scheint klar. Die schwächere Wirkung der verfügbaren Vakzine auf das Infektionsgeschehen ist wenig überraschend: Sie wurden gegen den ursprünglichen Wuhan-Typ von Sars-CoV-2 entwickelt und speziell gegen dessen Spike-Protein, mit dem das Virus an den Körperzellen andockt, um diese umzuprogrammieren. Das Immunsystem der Geimpften erkannte schon den Wuhan-Typ nicht perfekt, mit den diversen Mutationen der nachfolgenden Varianten gerade im Spike wurde die Trefferquote immer geringer.

Einige Hersteller arbeiten längst an einem Impfstoff, der an Omikron angepasst ist, doch es gibt es ein Problem: Die Omikron-Welle wird längst durchgelaufen sein, wenn die Vakzine etwa im Mai zugelassen und auf dem Markt verfügbar sind. Machen sie dann überhaupt noch Sinn? Experten sind hier uneins. Der Berliner Virologe Christian Drosten hofft dadurch trotzdem auf einen »verbreiterten Impfschutz«. Andere wiederum setzen auf Vakzine, die mehrere Varianten abbilden können - sie werden aber noch deutlich später kommen. Letztlich kann derzeit niemand sagen, mit welchen Vakzinen im Fall einer Impfpflicht geimpft wird. Noch unklarer ist, mit welchen Virusvarianten wir es dann zu tun haben werden.

Immunologisch naiv stehen wir diesen natürlich nicht mehr gegenüber. In Deutschland sind laut RKI gut 81 Prozent der 18- bis 59-Jährigen und knapp 88 Prozent der über 60-Jährigen doppelt geimpft, letztere bringen es auch bei den Boosterungen schon auf 72,3 Prozent. Die Werte dürften noch steigen, da ein erstes proteinbasiertes Vakzin des Herstellers Novavax in der EU zugelassen ist und in einigen Wochen der eher klassische Totimpfstoff von Valneva folgen wird. Bekanntlich gibt es unter Impfskeptikern eine größere Gruppe, die auf diese wartet, um sich dann vermutlich doch piksen zu lassen.

Was bei solch hohen Quoten und mit Blick auf die Impfstoffprobleme eine Impfpflicht für die Reduzierung des Infektionsgeschehens bringen soll, ist unklar. Sie könnte sogar kontraproduktiv sein. Wer regelmäßig in die weltweite Inzidenzenliste schaut, dem fällt auf, dass sich ganz vorne immer auch Länder mit den höchsten Impf- und Boosterquoten tummeln. Experten vermuten, dies könnte einerseits daran liegen, dass manche Geimpfte leichtsinnig werden und das Risiko unterschätzen, sich zu infizieren und das Virus weiterzugeben. Andererseits, dass starke Lockerungen staatlicher Maßnahmen wegen guter Impfquote zu hohen Inzidenzen führen. Das zeigt, dass es andere, wirkungsvolle Maßnahmen gegen Corona gibt.

Das Infektionsgeschehen lässt sich mit Impfungen allein offenbar nicht groß beeinflussen. Ihr Vorteil liegt, wie Infektiologen wissen, ohnehin woanders: Sie reduzieren massiv das Risiko schwerer Krankheitsverläufe - also solcher, die ins Krankenhaus, auf die Intensivstation und womöglich zum Tod führen. Davon bedroht sind bekanntlich zum größten Teil die über 60-Jährigen, teils auch schon die über 50-Jährigen. Daher findet sich in der hiesigen Fachwelt auch niemand, der offensiv für eine allgemeine Impfpflicht eintritt. Die bisher einzige Befürworterin, die Braunschweiger Virologin Melanie Brinkmann, spricht sich für eine Teilimpfpflicht für Ältere aus: »Wenn alle Menschen über 50 bis zum Herbst geimpft wären, könnten wir beruhigter in den nächsten Winter gehen«, sagte sie der »Rheinischen Post«

Für eine Impfung spricht mit Blick auf den großen individuellen Nutzen alles. Eine Impfpflicht lässt sich damit aber nicht begründen, sondern nur damit, dass Ungeimpfte mit schwerem Verlauf im Herbst für einen Notstand in Krankenhäusern sorgen werden. Die Erfahrungen schon mit der Omikron-Welle aus anderen Ländern zeigen, dass es zwar zu starken Belastungen, nicht aber zu Überlastungen kam. Die Variante bringt deutlich seltener schwere Verläufe mit sich, was mit den Virusmutationen und mit der durch Impfung und Infektion gestiegenen Immunisierung der Bevölkerung zusammenhängt. Diese nimmt durch die derzeit hohen Inzidenzen weiter zu. Modellrechnungen, laut denen bis März etwa jeder zweite Europäer sich angesteckt haben wird, sind zwar mit Vorsicht zu genießen. Aber viele Experten gehen davon aus, dass wir aus der wirklich bedrohlichen Phase demnächst raus sind. Auch Hans Kluge, Europachef der WHO, hält es zwar nicht für sicher, aber für »plausibel, dass die Region sich auf eine Endphase der Pandemie zu bewegt«.

Eine Impfpflicht in Deutschland käme dann zeitlich zu spät. Auch räumlich macht sie wenig Sinn. Eine Pandemie lässt sich national nicht bekämpfen, sondern nur global. Daher fordert die WHO seit vielen Monaten gerade mit Blick auf Staaten wie Deutschland, Impfungen in armen Ländern massiv zu fördern. Das wäre etwas, was man aus dem Erfolg gegen die Pocken wirklichen lernen könnte.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal