Das Ende der Gewissheiten

Seit wann ist jetzt? Der Historiker Philipp Sarasin erzählt meisterhaft über das Jahr 1977 in der »westlichen Welt«: als dem Moment, in dem unsere Gegenwart entstanden sei

  • Von Karsten Krampitz
  • Lesedauer: 8 Min.
Feels like 1977: Ein Apple I steht zum Verkauf, 1977 kostete er 666 US-Dollar, inzwischen das über 500-Fache
Feels like 1977: Ein Apple I steht zum Verkauf, 1977 kostete er 666 US-Dollar, inzwischen das über 500-Fache

Wann begann eigentlich unsere Gegenwart? All die Computer, das Internet oder auch die Dominanz des Neoliberalismus. Wie war das noch mal mit der identitätspolitischen Wende der Linken? Wann war das? Wann fing er an, der lange Abschied vom Klassenkampf, vom Glauben an die sozialistische Revolution, die den Kapitalismus zum Einsturz bringen sollte? Oder auch New Age und Esoterik: wann kam das auf? - Der Schweizer Historiker Philipp Sarasin sucht Antwort. In seinem neuen Buch »1977. Eine kurze Geschichte der Gegenwart« macht er in eben diesem Jahr den ersten Kulminationspunkt der besagten Entwicklungen aus, zumindest für die westliche Welt. Der Osten wird nicht vergessen, dazu aber später mehr.

Weltall, PC und Pop

Wie Sarasin in der Einleitung schreibt, wurden in jenem Jahr die Raumsonden Voyager 1 und 2 ins All geschossen, die als bisher einzige menschliche Artefakte den interstellaren Raum erreicht haben. 1977 wurde in Paris das Centre Pompidou eröffnet und in Kalifornien der Personal Computer Apple II auf den Markt gebracht. Doch weder Zeitgenossen noch Historiker hätten sich die Frage gestellt, warum dies alles gleichzeitig geschah. »Warum sprach Jimmy Carter in seiner Inaugurationsrede am 20. Januar von den Menschenrechten, rief die Uno den 8. März zum ›Internationalen Tag der Frau‹ aus und machten in Paris die nouveaux philosophes von sich reden? Und warum das fast gleichzeitige Aufkommen von Hip-Hop, Disco und Punk, während in der Bundesrepublik die linksextreme Terrororganisation Rote Armee Fraktion (RAF) ihre ›Offensive 77‹ startete?« - Inwieweit haben diese gleichzeitigen Trends, Entwicklungen und Ereignisse miteinander zu tun?

Im Gespräch via Internet, das ohne das Jahr 1977 vielleicht gar nicht möglich wäre, macht Philipp Sarasin einen aufgeschlossenen Eindruck. Das letzte Wort in der Sache, das weiß er, ist noch nicht geschrieben; jeder Historiker liefert nur die Vorarbeit für einen nächsten Historiker, der freilich auch eine Frau sein kann oder divers. Der Geschichtsprofessor an der Universität in Zürich, Jahrgang 1956, sagt, dass ihn an den 1970er Jahren besonders die zweite Hälfte interessiert habe. Und zwar »die Vorstellung, dass die modernen Gewissheiten langsam beginnen, sich aufzulösen.« Es gäbe da ein paar Dinge, die ganz evident seien. Etwa das beginnende Bewusstsein von einer planetaren Umweltkrise, ausgelöst vom Bericht des Club of Rome 1972, in dem zum ersten Mal ein umwelttechnisches Weltmodell entworfen wurde. Und das besagte, in hundert Jahren ist Schluss mit diesem Planeten, wenn das so weitergeht. Bereits der Titel des Berichts, »Die Grenzen des Wachstums«, sei fundamental gewesen, so Sarasin. Schließlich habe die Moderne immer davon gelebt, zu sagen, die Natur wäre eine unendliche Ressource. Auch bei Marx, Engels und Lenin sei dieser Gedanke sehr präsent: die Natur als ausbeutbare und nicht versiegende Quelle, um die Gesellschaft weiterzubringen. Sarasin sagt, an eben diese Grenze stoße man in den 70er Jahren, zumindest im Bewusstsein - bekanntlich ging die Ausbeutung der Natur weiter. »Inzwischen wird es dramatisch, und wir hoffen, dass wir das noch stoppen können.« Spätestens von diesem Zeitpunkt an können wir ein gesellschaftliches Bewusstsein verorten, von der Zerstörung der Umwelt, der Endlichkeit natürlicher Ressourcen. Die Umweltbewegung entsteht.

Wo etwas beginnt, geht etwas zu Ende

Philipp Sarasin hat keine der üblichen Jahresrückschauen geschrieben. Wie unter einem Brennglas sucht er im Jahr 1977 Spuren unserer Gegenwart. Seine verschiedenen, bisweilen etwas ausufernden Exkurse in die Ideologie- und Kulturgeschichte, in Wirtschaft wie auch zu den technologischen Innovationen jener Zeit hält Sarasin mit einem Gerüst zusammen, das aus fünf Nachrufen besteht. Fünf Lebenswege, die 1977 ihr Ende fanden, noch heute aber über ihre Zeit hinausweisen und symbolisch für den damaligen Umbruch stehen: Mit dem Philosophen Ernst Bloch starb in dem Jahr offenbar auch das »Prinzip Hoffnung«, die Gewissheit, dass sich die Menschheitsgeschichte - von kleinen Rückschritten abgesehen, wie das sogenannte Dritte Reich - geradezu gesetzmäßig in eine bessere Zukunft bewegt. Aus einer Hoffnung wurde Illusion. Die Linke in Westeuropa hat sich verrannt. Ausführlich geht Sarasin auf den »Deutschen Herbst« ein, mit Blick auf die RAF-Unterstützerszene. Die Spontis aus Frankfurt am Main, mittendrin Joschka Fischer, schwören erst dem bewaffneten Kampf ab und finden sich dann in den neuen sozialen Bewegungen wieder.

Im selben Jahr verstarb in den USA die schwarze Bürgerrechtsaktivistin Fannie Lou Hamer. Ihr Großvater war noch Sklave auf einer Baumwollplantage gewesen. In Hamers Biografie macht Sarasin den Beginn der »Identity Politics« fest, die von der Ansicht geprägt sind, dass alles Politische in der eigenen Identität begründet ist, sei es eine ethnische, sexuelle oder eine geschlechtliche Identität. Die Vorstellung, dass Menschen in sozialen Klassen leben, rückt zunehmend in den Hintergrund. Identitäten aber sind nicht verhandelbar, Zugeständnisse sind ausgeschlossen. Der Mensch kann seine Klasse wechseln, wobei es sich leider nicht so oft um einen sozialen Aufstieg handelt - seine Identität aber, die Hautfarbe, die sexuelle Orientierung und so weiter, die kann er nicht abstreifen. Demokratie aber lebt von Kompromissen. Der dritte Nachruf gilt der Schriftstellerin Anaïs Nin, die in ihrem Werk kein anderes Thema kannte als sich selbst und ihre Sexualität. Ausgehend von ihrem Leben begleitet Sarasin viele ehemalige Linke bei der »Reise zu sich selbst«, zur neuen Innerlichkeit, zum angeblichen Kosmos im eigenen Bewusstsein. Viele von denen, die zuvor noch die Welt verbessern wollten, therapieren und optimieren nun sich selbst. Hatten sie früher eine dogmatische Utopie, haben sie jetzt keine.

Wendepunkt der Linken

Vom Egoismus lebt auch der Wirtschaftsliberalismus, dessen wohl berühmtester Repräsentant in Deutschland, Ludwig Erhard, ebenso im Jahr 1977 verstarb. Mag er auch als Vater der Sozialen Marktwirtschaft in Erinnerung geblieben sein (eine Legende, mit der Sarasin aufräumt), war er in seinen ökonomischen Vorstellungen auf den freien Markt fixiert. Erhard zufolge habe der Staat die Bedingungen für den Wettbewerb zu sichern, ansonsten aber nicht einzugreifen. Freiheit war für Erhard vor allem Konsumfreiheit. »Wohlstand für alle« war möglich, weil der Kuchen stetig wuchs und damit auch für die kleinen Leute ein paar Krümel abfielen. So schreibt Sarasin: »Es gehörte zweifellos zu den für Erhard eher bitteren Ironien, dass sich sein etwas unbedachter Werbespruch ›Soziale Marktwirtschaft‹ - er scheint als mögliche Propagandaformel in der Endphase des NS-Regimes aufgekommen zu sein - schon bald mit semantischen Gehalten aufzuladen begann, die ihm zutiefst zuwider waren.« In Erhards Todesjahr meinten nicht wenige Linke, dass auch der Kapitalismus im Sterben lag. Die Sozialdemokratie war in vielen westeuropäischen Ländern deutlich nach links gerückt, die italienischen Kommunisten hatten im Jahr zuvor bei den Parlamentswahlen über 34 Prozent gewonnen. Die Gewerkschaften standen im Zenit ihres Einflusses. Der Protest gegen den Vietnamkrieg hatte weltweit Millionen Jugendliche auf die Straße gebracht.

Nun, wir verraten nicht zu viel, wenn wir sagen, dass der Kapitalismus 1977 und in den folgenden Jahren nicht gestorben ist. Philipp Sarasin meint nun, dass das System damals nicht einmal krank war, jedenfalls nicht wirklich. Es hat sich nur erneuert. Sarasin erzählt vom schier unaufhaltsamen Aufstieg des Neoliberalismus, der allein auf Wachstum und die freien Kräfte des Marktes setzt, dessen Ära bis heute anhält. Der fünfte Tote anno 1977 ist der Schriftsteller Jacques Prévert, seines Zeichens Pariser Lyriker und Drehbuchautor, vor allem aber Bohemian und Surrealist. Sarasin lässt ihn, was doch ein wenig konstruiert wirkt, aber nicht minder originell ist, in den 1930er Jahren die erste »Kulturmaschine« erfinden, die völlig unsinnige Sätze und Sprachbilder hervorbringt, bei denen aber die Syntaxregeln stimmen. In der »cadavre exquis« der Surrealisten, dem Spiel mit dem Unsinn, den Zeichen und Maschinen erzeugen, sieht Sarasin einen Vorläufer des Computers, der 1977 schon erfunden war, aber noch nicht seine Bestimmung gefunden hatte. Damals setzte die Industrie noch auf die Massenproduktion von Taschenrechnern und Videorekordern. Aber auch diese Kulturmaschinen haben den Alltag der Menschen tiefgreifend verändert.

Nur der Osten fehlt

Und die DDR? Hierin liegt vielleicht die einzige Schwäche in Sarasins meisterhaft erzählter Überblicksdarstellung: Der Schweizer widmet sich ausgiebig der deutschen Geschichte, ignoriert aber in weiten Strecken die Doppelbiografie dieses Landes. Erich Honecker wird zwar erwähnt und auch die ökonomische Krise des Realsozialismus, die Sarasin dann aber anhand der sowjetischen Wirtschaft untersucht. Dank erhöhter Erdölexporte, die harte Devisen brachten, konnte der wirtschaftliche Kollaps verhindert werden. Vorerst.

Ein Glanzlicht in diesem Band ist Sarasins Auseinandersetzung mit dem Eurokommunismus. In Deutschland habe es einen solchen nicht gegeben, wohl aber einen »aufsehenerregenden eurokommunistischen Moment«: Rudolf Bahro, der am 24. August 1977 von der Staatssicherheit verhaftet wurde, nachdem im westdeutschen Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« ein Vorabdruck seines Buches »Die Alternative« erschienen war. Und so sind wir dann doch irgendwie in der DDR. Sarasin schreibt, dass Bahros Kritik am Realsozialismus sich nicht so sehr um die Frage der Demokratie gedreht habe, »sondern um die warenproduzierende industrielle Zivilisation als solche« - eine Zivilisation, in der sich der Sozialismus vom Kapitalismus nur durch seinen technologischen Rückstand und sein höheres Maß an Bürokratie unterscheidet. Eben dieser Zivilisation setzte Bahro seine Forderung nach radikaler Umkehr entgegen. Über die Gestalt des künftigen Sozialismus hielt sich der bis dahin unbekannte SED-Wirtschaftsfunktionär zwar bedeckt, »aber philosophisch legte er alle Karten auf den Tisch«: Wenn es nicht mehr die Klassenfrage sein könne, die das revolutionäre Denken anleite, sondern die Überlebensfrage, bedeute dies zuallererst die Abkehr vom Materialismus. Bahro wollte jene Bewegung rückgängig machen, mit der Marx einst Hegel »vom Kopf auf die Füße« gestellt, das heißt, die idealistische Dialektik auf den Boden der materiellen Realität geholt hatte. Es werde jetzt, zitiert Sarasin Bahro, zu einer »Forderung des Überlebens, die menschliche Existenz auf den Kopf, das ist auf den Gedanken zu stellen«. Die Menschheit retten mit Hegel! Das wird nicht reichen.

Philip Sarasin: 1977. Eine kurze Geschichte der Gegenwart. Suhrkamp, 502 S., geb., 32 €.

Von Karsten Krampitz ist 2016 das Buch »1976: Die DDR in der Krise« im Verbrecher-Verlag erschienen.

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