Wintersportnation auf Zeit

China wollte sein Volk zu den Olympischen Spielen für Sport auf Schnee und Eis begeistern. Bisher gelingt das kaum

  • Von Felix Lill
  • Lesedauer: 5 Min.

Mitte Januar kam eine freudige Nachricht aus China. 346 Millionen Menschen, so verkündete das Nationale Statistikbüro, betrieben mittlerweile in Hallen oder unter freiem Himmel Wintersport. Eine wichtige Hürde wäre damit genommen. Denn als Peking im Jahr 2015 das Austragungsrecht für die Olympischen Spiele 2022 erhielt, hatte die Regierung schnell vorausgesagt, bis zum Beginn der Spiele würden 300 Millionen Chinesen zu Wintersportlerinnen und Wintersportlern werden. Das Versprechen sei nun eingelöst, heißt es.

Eine Woche vor Beginn der Spiele von Peking überschlagen sich die vermeintlich guten Nachrichten aus Chinas Staatspresse. Die Pandemie samt Omikron-Variante habe man dank der Olympiablase, innerhalb derer sich alle Athleten und Offiziellen bewegen müssen, problemlos im Griff. Alle Delegationen, auch jene aus dem von China politisch nicht anerkannten Taiwan, würden freundschaftlich willkommen geheißen. Und die Pekinger Spiele seien besonders nachhaltig: Immerhin hat dies vor kurzem auch Juan Antonio Samaranch Junior gesagt, der Chef der Koordinierungskommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

Bei genauerem Hinsehen stecken hinter den Meldungen und Kommentaren oft weniger positive Umstände. Schon vor dem Beginn der Olympischen Spiele am 4. Februar wurden Stand Mittwoch mehr als 70 Menschen innerhalb der Olympiablase positiv getestet. Zu behaupten, dass dies keine weiteren Auswirkungen habe, ist nur die typische Vorgehensweise von Sportveranstaltern. Was die Athleten aus Taiwan anging, so wurden diese zugleich ermahnt, sich auf keinen Fall politisch zu äußern. Und ein Lob eines IOC-Offiziellen, der die Spiele mitverantwortet, sagt über die wahre Nachhaltigkeit sehr wenig aus.

Tatsächlich kommen Expertinnen zu einem gegenteiligen Urteil. Carmen de Jong, Geografieprofessorin an der Universität Straßburg, hat »Beijing 2022« gegenüber dem Deutschlandfunk jüngst als »die unnachhaltigsten Spiele aller Zeiten« bezeichnet. »Es ist einfach zu viel im Spiel, wie Wasser, Bodenverlust, CO2-Ausstoß«, so de Jong. Die Olympiaoffiziellen rechtfertigen die Rodungen für neue Anlagen auch damit, dass auf diese Weise ein neues Land für den Wintersport begeistert werde. Und dies wäre gewissermaßen auch ein Beitrag zur Nachhaltigkeit, was nämlich die Hinterlassenschaften der Pekinger Spiele anginge. Nachhaltigkeit wird also nicht nur ökologisch interpretiert. Es geht auch darum, neue Sportstätten nach Olympia weiter zu nutzen.

Dabei kann China kaum auf eine Wintersporttradition zurückblicken. In den Jahrzehnten nach dem 1949 mit dem Sieg der Kommunisten endenden Bürgerkrieg war das riesige Land zunächst mit sich selbst beschäftigt. Bei Olympischen Spielen wurde ganz China nur durch das subtropische Taiwan repräsentiert. Nach 1972, als sich Festlandchina durch die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit den USA allmählich auf der internationalen Bühne etablierte, entdeckte die Regierung den Sport - nicht zuletzt als Instrument, um mit Erfolgen für weltweites Ansehen zu sorgen. Allerdings hatte der Wintersport dabei lange keine Priorität.

Das hat sich geändert. Seit dem Jahr 2000 wurden im ganzen Land Hunderte Skigebiete gebaut. 200 Schulen allein in Peking bieten jetzt Wintersportunterricht an, 2,1 Millionen Schülerinnen und Schüler sollen mittlerweile Wintersport betreiben. Dabei schlussfolgerte ein Bericht der Wirtschaftskammer Österreich aus dem vergangenen Jahr, der sich an Unternehmen richtet, die auf den potenziell riesigen chinesischen Markt drängen wollen: »Es gibt noch viel zu tun.«

Zumal unklar ist, inwieweit das Versprechen der Regierung gegenüber dem IOC und der eigenen Bevölkerung, China werde bis 2022 eine Wintersportnation, nun wirklich eingelöst ist. Die Statistik der 346 Millionen nun angeblich Wintersport betreibenden Personen ist zumindest großzügig bemessen worden. Die Umfrage des Nationalen Statistikbüros ergab außerdem, dass nur 40 Prozent der vermeintlichen Wintersportler zumindest einmal im Jahr aktiv gewesen sind. Bloß elf Prozent kommen auf mehr als drei Male Wintersport im Jahr. Fast alle Personen haben den Sport demnach spontan einmal ausprobiert. Dabei geblieben sind offenbar nicht besonders viele.

Auf dieser Grundlage von einer Wintersportnation zu sprechen, ist fragwürdig. Doch es passt ins Bild anderer großer Versprechen. So hat Chinas Staatschef Xi Jinping über die vergangenen Jahre auch in Bezug auf Fußball in Aussicht gestellt, China werde im weltweit beliebtesten Sport bald zur Weltspitze gehören. Zwar hat die Chinese Super League einige Jahre lang für Aufsehen gesorgt, indem mehrere hochkarätige Transfers abgeschlossen wurden. Mittlerweile haben viele Topspieler die Liga aber wieder verlassen. Inmitten hoher Verluste wurden ganze Klubs aus dem Spielbetrieb zurückgezogen.

»Für die nächsten 20 Jahre gibt es für China keine Hoffnung«, sagt Quiang Bay, Spielerberater und Förderer des chinesischen Fußballs. »Es wurde sehr viel Geld investiert. Wir haben sogar Schulen dazu gebracht, Fußballunterricht anzubieten. Aber dann verklagten Eltern die Schulen, weil sich die Kinder im Unterricht verletzt hatten.« Chinas Tradition setze schließlich Bildung an die oberste Stelle. »Wer viel Sport treibt, gilt eher als blöd, weil er sich nicht aufs Lernen konzentriert«, so Quiang Bay. Daher sieht er auch für den Wintersport keine große Zukunft.

Nun ist es möglich, dass die Winterspiele von Peking eine Generation für diverse alpine Disziplinen und Eissportarten begeistern werden. Dass dies nicht von Dauer sein muss, zeigt allerdings das Nachbarland Japan. Die Besucherzahlen in den Skigebieten der einstigen Olympiagastgeberstädte Nagano und Sapporo sinken seit Jahren.

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