Willkommen in Peking

Am Freitag beginnen die Olympischen Winterspiele, die bisher kaum Anlass zur Freude boten. Ob sich das ändert?

  • Von Jirka Grahl
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Eröffnungsfeier startet zwar erst am Freitag um 20 Uhr Ortszeit im Pekinger Nationalstadion, doch schon am Donnertag wurde in in Chinas Hauptstadt mit dem Jubeln begonnen: Kanadas Eishockeyspielerinnen konnten sich an den ersten Toren des Olympiaturniers erfreuen und auch eine 49-Jährige aus Berlin wähnte sich bereits im höchsten Olympiaglück: Claudia Pechstein, deutsche Rekordolympionikin, wird bei der Eröffnung gemeinsam mit Bobpilot Francesco Friedrich die deutsche Fahne ins Vogelnest-Stadion tragen: «Das ist ein i-Punkt auf meiner Karriere. Das ist für mich mehr wert als alle meine olympischen Medaillen», behauptete die fünfmalige Olympiasiegerin nach ihrer Wahl zur Fahnenträgerin.

Gute Laune also, selbst dieser Tage, selbst im viel kritisierten China, selbst unter den rigiden Pandemiemaßnahmen - und von Freitag an werden die 24. Olympischen Winterspiele noch mindestens 109 Mal Freude und Glücksgefühle auslösen. So oft sollen in der Hauptstadt des bevölkerungsreichsten Landes olympische Medaillensätze vergeben werden. 2900 Sportlerinnen und Sportler kämpfen bis zum 20. Februar um insgesamt 327 Mal Edelmetall. Die Volksrepublik will davon möglichst viel im Lande behalten, denn neben der Aufmerksamkeit und Bewunderung, die schon eine Ausrichtung Olympischer Spiele verspricht, gilt ein Spitzenplatz im Medaillenspiegel noch immer als Beweis der Leistungsfähigkeit eines Landes.

3,5 Milliarden Dollar hat sich China die Spiele offiziell kosten lassen. Wegen weitreichender Infrastrukturmaßnahmen rund um die Spiele könnte diese Zahl allerdings deutlich höher liegen, wie Eingeweihte vermuten. Demnach könnte das Land bis zu zehn Mal soviel für die drei Olympiawettkampfstätten in Peking (Eröffnung, Eissportarten, Freestyle, Snowboard), Yanqing (Alpin, Bob, Rodeln; Skeleton) und Zhangjiakou (Nordische Skisportarten, Biathlon, Freestyle, Snowboard) ausgegeben haben. Ob die Schätzungen der Kritiker allerdings ein viel realistischeres Bild der Olympiakosten zeichnen als die der Zentralregierung, ist schwer einzuschätzen. Sicher ist hingegen: Olympia bleibt ein ausuferndes Spektakel.

Die 21-Millionen-Stadt Peking, die als erste nach den Sommerspielen (2008) auch Winterolympia ausrichten darf, stand in den vergangenen Monaten im Westen permanent in der Kritik: Wegen der strengen Null-Covid-Politik, wegen der Unterdrückung der Uiguren und der Tibeter durch die Kommunistische Partei, wegen der desolaten Menschrechtslage in der Volksrepublik und wegen der Politik des Staatspräsidenten Xi Jinping, der die Spiele selbstredend nutzt, um sich und sein Handeln im besten Licht dastehen zu lassen. So, wie es schon viele Staatschefs vor ihm taten in der 126-jährigen Geschichte der Spiele.

Doch Xi ficht das nicht an: Zufrieden meldete er sich am Donnerstag per Videobotschaft beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC), das in Peking seine 139. Session abhielt, und versprach «einfache, sichere und aufregende» Winterspiele in Peking. «Wenn die Welt ihre Augen auf China richtet, wird China bereit sein.» Das Megaevent Olympia habe «die regionale Entwicklung, den Umweltschutz, grüne und innovative Lösungen für bessere Lebensbedingungen in China gefördert», lobpries Xi das eigene Wirken.

IOC-Präsident Thomas Bach verwies bei der Session dankend auf die Zahl von 300 Millionen Chinesen, die sich dank Xi nun angeblich für Wintersport interessieren. «China ist jetzt ein Wintersportland», frohlockte der 69-jährige Weltsport-Grande aus Unterfranken. Der Boom in China «werde die globale Wintersportindustrie verändern». Und dieser Boom sei ein Segen für die ausländischen Hersteller von Skiliften, Pistenraupen oder Schneekanonen, wie der einstige Wirtschaftslobbyist mit FDP-Parteibuch jubilierte.

Immerhin hat Bach das Schreckgespenst eines Olympiaboykotts verhindern können, das ihn selbst in seiner Karriere als Fechter um die Olympiateilnahme bei den Spielen 1980 in Moskau gebracht hatte. Nicht abwenden konnte Bach aber einen weitreichenden politischen Boykott der Peking-Spiele: Die USA und andere westliche Länder wie Großbritannien, Kanada, Australien und Dänemark haben wegen Menschenrechtsverletzungen in China offiziell einen diplomatischen Boykott der Pekinger Winterspiele beschlossen.

Andere Länder, darunter Deutschland und Japan, verkündeten keinen diplomatischen Boykott, entsenden aber keine offiziellen Vertreter zur Eröffnungsfeier. Stattdessen hat sich neben vielen asiatischen und afrikanischen Staatsoberhäuptern sowie UN-Generalsekretär António Guterres auch Russlands Präsident Wladimir Putin angekündigt. Er trifft seinen «lieben Freund» Xi zum ersten Mal seit Ausbruch der Coronapandemie wieder in Person.

Putin, Olympiagastgeber 2014 bei den Dopingspielen von Sotschi, kritisierte die Boykotte als «Versuche einer Reihe von Ländern, den Sport für ihre egoistischen Interessen zu politisieren». IOC-Chef Thomas Bach denkt ähnlich. Auch er sieht «dunkle Wolken der wachsenden Politisierung des Sports am Horizont» aufziehen«, wie er am Donnerstag sagte. Den »verbindenden Auftrag« könne Olympia nur erfüllen, »wenn die Spiele jenseits aller Differenzen und politischen Auseinandersetzungen stehen«.

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