Kunst und Kampf

Kommunistische Studierende am Bauhaus gaben eine Zeitschrift heraus - sie zeigte die politischen Widersprüche der berühmten Gestaltungsschule

  • Von Jakob Hayner
  • Lesedauer: 4 Min.
Zwiespältiges Verhältnis zum politischen Engagement: Bauhaus-Gebäude in Dessau
Zwiespältiges Verhältnis zum politischen Engagement: Bauhaus-Gebäude in Dessau

Das Bauhaus, besonders deutlich war das im Jubiläumsjahr 2019 nochmals zu merken, ist in der hiesigen Öffentlichkeit noch immer ein sagenumwobener Mythos. Reduziert auf Stahlrohrmöbel, Wagenfeld-Leuchte und weiß getünchte Kastenarchitektur soll es das glorreiche »Made in Germany« verkörpern und den Beweis antreten, dass modernes Design und Deutschland eine Vergangenheit und somit auch Zukunft haben.

Doch in der historischen Forschung stellt sich das Bild schon weitaus feinkörniger dar. So wurden die irrationalistisch-expressionistischen Tendenzen vor allem der Weimarer Anfangsjahre ebenso wie das Wirken von Künstlern und insbesondere auch Künstlerinnen jenseits der Direktorenstars Walter Gropius und Mies van der Rohe untersucht. Und auch das »rote Bauhaus«, wie es Ursula Mescher im Titel ihrer detailreichen Untersuchung von 2016 nennt, hat eine größere Aufmerksamkeit erhalten. So fanden sich an der berühmten Gestaltungsschule mit ihrer wechselhaften Geschichte und den drei Standorten in Weimar, Dessau und Berlin auch Menschen zusammen, die sich für Kommunismus und die Sowjetunion begeisterten.

Seit den 1920er Jahren gibt es eine Kommunistischen Studentenfraktion (Kostufra), die sich im Frühsommer 1930 mit der eigenen Zeitschrift »Bauhaus« an eine Öffentlichkeit inner- und außerhalb der Hochschule wendet, »Organ der kommunistischen Studierenden am Bauhaus. Monatszeitschrift für alle Bauhausfragen« lautet der Untertitel. Sie wird mit Schreibmaschine getippt - natürlich zeitgenössisch in durchgehender Kleinschreibung, die Aufmachung ist überhaupt recht schmuck- und schnörkellos - und mit einfachem Matrizendruck in geringer Auflage vervielfältigt. Die erste Nummer aus dem Mai 1930 gilt als verschollen, es folgen 15 weitere Ausgaben bis ins Jahr 1932. Dies sind unruhige Zeiten. Es geht um die Armut - auch der Studenten - in der Folge von Wirtschaftskrise und Inflation, die Regierung hangelt sich von Notverordnung zu Notverordnung, der Faschismus wird mächtiger. Für die Kostufra ist klar: Die Widersprüche des Kapitalismus spitzen sich zu, die Herrschenden setzen auf den Krieg.

Das Bauhaus selbst, obwohl von Gropius auf politische Neutralität eingeschworen, wird seit der Gründung von Kulturreaktionären angegriffen. Hannes Meyer, der bis heute am wenigsten bekannte der drei Direktoren, übernimmt in Dessau die Leitung. »Volksbedarf statt Luxusbedarf« proklamiert der Architekt, der vom Schweizer Genossenschaftsbau kommt. Alsbald ist er als Kommunist verschrien und wird auch deshalb als Direktor geschasst. Der Meisterrat, wo er nicht mittat, hält sich raus, die Kostufra prangert dieses Verhalten an und stellt kritische Nachfragen. Studenten gehen in den Streik, manche werden der Schule verwiesen. Als van der Rohe dann das politisch derart befriedete Bauhaus übernimmt, kann er es nur noch zur Schließung führen. Das ist dann wohl die Lehre dieser Episode. In der Zeitschrift der Kostufra werden diese Ereignisse dokumentiert und diskutiert, man wendet sich mit Forderungen an die Meister genannten Dozenten und andere Studenten. Daneben finden sich in der Zeitschrift Polemiken gegen wohlgefällige abstrakte Malerei, eine Kritik des Austromarxismus, Auszüge von Schriften Lenins, aber auch Glossen und Karikaturen. Was nicht die Hochschule selbst betraf, kommt mutmaßlich vor allem aus KPD-Kreisen.

Mit dem von der Bauhaus-Stiftung Dessau betriebenen Digitalisierungsprojekt »Bauhaus im Text« werden nun auch die Ausgaben der Kostufra-Zeitschrift zugänglich gemacht. Seit einigen Jahren arbeitet zudem eine Gruppe um das Berliner Grafikbüro Schroeter & Berger an einer gedruckten Neuveröffentlichung, dafür wurden die alten Ausgaben gemeinschaftlich transkribiert. Und nachdem in der DDR von Forschern wie Gerhard Franke und Wolfgang Paul bereits der Kostufra nachgegangen wurde, beginnt sich nun ein neues Interesse der Forschung zu regen. Diese Woche wurde sich auf Einladung der Dessauer Bauhaus-Stiftung zwei Tage über die Kostufra-Zeitschrift ausgetauscht, die Tagung trugt den Titel »Zwischen ästhetischer und politischer Avantgarde«. Sowohl für die Kommunismusforschung wie die Kunstgeschichte ist die Rote Zelle am Bauaus von Interesse. In der Zeitschrift spiegelt sich das Ende des Bauhaus - vor allem seit Meyers Vertreibung - mit allen inneren und äußeren Widersprüchen. Und so findet man hier einen Ausschnitt der Geschichte des Bauhaus, der bei den Jubiläumsfeierlichkeiten kaum berücksichtigt wurde.

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