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»Ich habe Angst vor dem Hass«

Zum 30. Todestag des PDS-Abgeordneten Gerhard Riege

  • Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 3 Min.
Gerhard Riege
Gerhard Riege

Am Ende ertrug er es nicht mehr. Die Anfeindungen, den Hass. Gerhard Riege, Jurist und Verfassungsrechtler aus Jena sowie Bundestagsabgeordneter der PDS, setzte am 15. Februar 1992 seinem Leben ein Ende. Er wurde 61 Jahre alt.

Riege, ein nachdenklicher, besonnener Mann, hatte da schon erlebt, wie es zuging im vereinigten Deutschland. Seit Jahrzehnten an der Jenaer Universität tätig, wurde er Anfang 1990 zum Rektor gewählt. Doch seine politischen Gegner behaupteten Wahlfälschung; eine erneute Kandidatur bei der Wahlwiederholung wollte er sich nicht zumuten. Bald darauf wurde er, wie es damals hieß, »abgewickelt«. Also: hinausgeworfen. Einer von sehr vielen DDR-Staatsbediensteten, die aus dem Arbeitsleben gedrängt wurden.

Riege wurde in die letzte Volkskammer gewählt, Ende 1990 in den Bundestag. Dort geriet er in eine Atmosphäre der Feindseligkeit. Die linken, ostdeutschen Außenseiter sahen sich einem kalten Verdrängungsdruck ausgesetzt. Die Anwesenheit einer PDS-Gruppe war für die große Mehrheit ein Ausrutscher der Geschichte; man wollte sie schnellstmöglich in der Versenkung verschwinden lassen.

In einem solchen Umfeld wurde Riege unablässig mit der Tatsache konfrontiert, dass er IM der DDR-Staatssicherheit gewesen war. Dass diese sich zwischen 1954 und 1960 abgespielt hatte, also vor mehr als 30 Jahren; dass bei näherem Hinsehen keine Berichte von ihm gefunden wurden, die andere Menschen belastet hätten; dass der oberste Aktenverwalter Joachim Gauck den Vorgang Riege als »eher bedeutungslos« bewertete - all das spielte keine Rolle. Es war nicht die Zeit des Differenzierens; allein der Begriff Stasi, mit einer Person in Verbindung gebracht, war schon ein Schuldspruch.

Riege bekam das zu spüren. Traurig-legendär eine seiner Bundestagsreden, ein paar Minuten nur, unterbrochen durch Zwischenrufe wie im Dauerfeuer: »Was man sich hier von so einem Stasi-Heini anhören muss!« - »Das ist ein Stasi-Bruder!« - »So ein Stasi-Bonze da!«. Schlussbemerkung des Sitzungsleiters: »Herr Dr. Riege, Sie sind eine Minute und 33 Sekunden über der Zeit.«

Wie lange hält ein Mensch das aus? Gerhard Riege fehlte irgendwann »die Kraft zum Kämpfen und zum Leben«, wie er im Abschiedsbrief an seine Frau schrieb. »Ich habe Angst vor der Öffentlichkeit, wie sie von Medien geschaffen wird und gegen die ich mich nicht wehren kann. Ich habe Angst vor dem Hass, der mir im Bundestag entgegenschlägt aus Mündern und Augen und Haltung von Leuten, die vielleicht nicht einmal ahnen, wie unmoralisch und erbarmungslos das System ist.«

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer sagte damals im ND-Interview, die Art und Weise, wie die Stasi-Vergangenheit aufgearbeitet werde, habe »Formen angenommen, die für die Bundesrepublik insgesamt wie für viele Einzelne nicht mehr erträglich sind«. Der Bürgerrechtler Wolfgang Ullmann erzählte, er habe »Herrn Riege schätzen gelernt. Und ich habe keinen Zweifel daran, dass es ihm mit der Demokratisierung, des neuen Deutschland ernst war.« Es gebe keine Mörder von Gerhard Riege, erklärte die PDS-Abgeordnetengruppe, »aber es gibt Schuldige an seinem Tod«.

Thüringens Landtagspräsident von der CDU schrieb Rieges Witwe, man müsse bei der Aufarbeitung der Vergangenheit »gerechter, humaner und politisch klüger verfahren«. Es dauerte, bis sich diese Einsicht wenigstens teilweise durchsetzte. Für Gerhard Riege kam sie zu spät.

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