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Wenn Hetze das Geschäftsmodell ist

Die Stimme der Vernunft: Leo Fischer über eine Mediengesellschaft, die Anschläge wie den von Hanau wahrscheinlich macht

  • Von Leo Fischer
  • Lesedauer: 3 Min.
Erinnerung an die Opfer des Anschlags von Hanau im hessischen Untersuchungsausschuss
Erinnerung an die Opfer des Anschlags von Hanau im hessischen Untersuchungsausschuss

Der Terroranschlag von Hanau ist zwei Jahre her. Geschehen ist seither wenig, ja nichts. Die ungeklärten Fragen zur Tatnacht: unbeantwortet. Die verfügbaren Informationen: undurchsichtig. Mit Müh und Not wurde in Hessen ein Untersuchungsausschuss eingerichtet; in einem Land, in dem NSU-Akten, auch dank der Grünen, jahrzehntelang gesperrt bleiben, darf man mit geringem Erkenntnisgewinn rechnen. Die Anteilnahme bewegt sich auf der rein symbolischen Ebene von Appellen. Diese stammen von Menschen, die in der Lage wären, selbst etwas zu tun; damit sie nichts tun müssen, richten sie Appelle an eine Instanz, die es nicht gibt.

Die Art und Weise, wie über Hanau gesprochen wird, ist verräterisch. Die Sprache bezeugt den subtilen, oft unbewussten Unernst der Appelle. Über Hanau wird nicht gesprochen wie über ein deutsches Terrorattentat, sondern wie über ein Erdbeben in der Türkei. Hanau ist irgendwie weit weg, fand in einem »Milieu« statt, in der fürs weißdeutsche Publikum wohl anrüchigen Welt der »Ausländer«. Nicht bei uns, sondern »nebenan«; auch dieses Wort fällt verdächtig oft. Der Täter wird als »verwirrt« gezeichnet, als irgendwie nicht dazugehörig, ein Ausnahmefall, ein statistischer Ausreißer. Viel ist auch von einer »Tragödie« die Rede, als hätte das alles dramaturgisch so kommen müssen, nach dem Drehbuch der Schicksalsgötter.

Die gesamtgesellschaftliche Lage, die solche Attentate möglich macht, ist freilich dieselbe, wie sie noch vor zwei Jahren war; sie hat sich eher noch verschlechtert. Über die vielfältigen Querdenken-Strukturen gibt es jetzt ein verfestigtes verschwörungstheoretisches Netzwerk, das Ansichten, wie sie auch der Täter von Hanau teilte, jeden Tag auf Dutzenden Telegram-Kanälen verbreitet - oft als gut funktionierendes Geschäftsmodell. Der entstehende Effekt nennt sich stochastischer Terrorismus: Zahllose offizielle und inoffizielle Medien schaffen mit einem Mix aus reißerischen Meldungen, subtilem Rassismus und offener Hetze ein Klima, in dem solche Taten wahrscheinlicher werden. Schuld ist konkret niemand, bessern muss sich deswegen auch niemand.

Trotz großer symbolischer Gesten zu Diversität und Antirassismus ist diese Art Unflat auch eine feste Säule im Geschäftsmodell der großen Sozialen Medien. Nach fast sechs Jahren unermüdlicher Aufklärungsarbeit sind sie immerhin bereit, über die Abschaltung der größten Hetzkanäle mit sich reden zu lassen. Neben dem Springer-Verlag, dessen Flaggschiff »Welt online« nach wie vor eine eigene Themenwelt »Flüchtlinge« unterhält, wo es nach wie vor um »Migrations-Chaos« und den »SOS-Trick der Flugzeugmigranten« geht und 2015 niemals endet, hat sich um die Magazine »Compact« und »Tichys Einblick« ein florierendes rechtes Medienuniversum entwickelt. Im Vergleich dazu wirkt die marode »Bild« wie die »New York Times«. Dass das Gift, das Hanau möglich machte, weiterwirkt, sieht man im User-Bereich unter jedem »Welt«-Kommentar, in dem moderne Herrenmenschen »Grenzschutz ist hart, aber er muss sein« bellen. Der Springer-Chef selbst, ein irrlichternder Milliardär, der überall Verschwörungen wittert und das Attentat von Halle in einen Bezug zu »Ausländergewalt« und ausufernder »Politcal Correctness« gesetzt hatte, wird von der neuen wie der alten Bundesregierung hofiert; im Zeitungsverband, dem er vorsitzt, muss nicht er, sondern einer seiner Kritiker zurücktreten.

Alle sind sich einig: Hetze ist schlimm, Rassismus schlecht, aber Geld will man damit trotzdem irgendwie verdienen, und sei es um drei Ecken. Wie soll in dieser Medienwelt ein zweites Hanau verhindert werden?

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