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Lasst uns in Frieden (2): Den Kindern zuliebe

Scholochows Antikriegsepos »Ein Menschenschicksal« prägte Generationen im Osten

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 2 Min.

Und da sehe ich eines Tages vor der Imbissstube diesen Jungen sitzen. Am nächsten Tag sehe ich ihn wieder. So ein kleines zerlumptes Kerlchen, das ganze Gesichtchen mit Melonensaft vollgeschmiert und darauf klebt der Staub. Er starrt vor Schmutz und ist struppig, der Kleine, aber Augen hat er, klar wie die Sterne am Himmel nach einem Regen ... Ich frage: »Wo ist denn dein Vater, Wanja?« Er flüstert: »An der Front gefallen.« - »Und deine Mutter?« - »Mutti ist von einer Bombe getötet worden.« - »Und hast du hier gar keine Verwandten?« - »Nein.« - »Wo schläfst du denn?« - »Wo es sich gerade trifft.«

Weiter liest man in der Antikriegsnovelle »Ein Menschenschicksal« von Michail Scholochow: Da überkommt mich ein heißes Mitleid, und mein Entschluss steht fest: Das lass ich nicht zu, dass jeder von uns weiter so elendiglich allein für sich lebt! ... Ich beuge mich zu ihm hinunter und frage leise: »Wanjuscha, weißt du eigentlich, wer ich bin?« Und er, es war wie ein Hauch: »Wer?« Da sage ich zu ihm ebenso leise: »Ich bin dein Vater.« - Der alte, knurrige, gebrandmarkte Soldat Andrej Sokolow, der gegen die deutschen Aggressoren in den Krieg gezogen ist, in Deutschland Zwangsarbeit leisten musste, dessen Frau und Tochter bei einem Bombenangriff starben und dessen Sohn noch am letzten Tag des Großen Vaterländischen Krieges fiel, erwacht zu neuem Leben, als er sich des fremden Kindes annimmt. Die berührende Erzählung des sowjetischen Literaturnobelpreisträgers wurde 1959 von dessen Landsmann Sergeij Bondartschuk verfilmt, der auch die Hauptrolle spielte. Buch und Film begleiteten, prägten im Osten Generationen.

Es sind die Kinder, die am meisten in Kriegen leiden. Sie können nicht verstehen, was nicht zu verstehen ist. Brutalst rausgerissen aus ihrem gewohnten Leben und vertrauter Umgebung, geliebter Menschen und Spielkameraden verlustig, auf der Flucht, von Hunger, Kälte, Einsamkeit gequält. Es ist stets das gleiche Leid, damals wie heute, hie wie dort. In Afghanistan, Irak, Syrien, Jemen, Mali, Sudan - und jetzt in der Ukraine. Viele Kriegskinder werden von dauerhaften Traumata geplagt. Und welch ungeheurer Verlust für die Menschheit, welch Vernichtung von kreativem Potenzial bringt der gewaltsame Tod eines jeden Kindes mit sich! Mindestens zwei Millionen starben in den letzten zehn Jahren in bewaffneten Konflikten.

Es heißt: Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit. Wahr ist: Als erstes sterben Kinderträume. ves

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