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  • Film »Parallele Mütter«

Mehr als nur Geburtsbuddys

Pedro Almodóvars »Parallele Mütter« erzählt von einer besonderen Art der Solidarität zwischen zwei Frauen. Viele halten diesen Film für das politischste Werk des spanischen Regisseurs

  • Von Bahareh Ebrahimi
  • Lesedauer: 5 Min.
Wir sollen alle Feminist*innen sein: Milena Smit (l) als Ana und Penélope Cruz als Janis in einer Szene des Films
Wir sollen alle Feminist*innen sein: Milena Smit (l) als Ana und Penélope Cruz als Janis in einer Szene des Films "Parallele Mütter".

Auf den ersten Blick sieht man ein tränendes Auge in Schwarz-Weiß auf dem roten Filmplakat zu »Parallele Mütter«, dem neuen Werk des spanischen Regisseurs Pedro Almodóvar. Doch bei näherem Hinschauen ist dort anstatt einer Pupille eine milchtropfende Brustwarze zu erkennen. Das Plakat des Grafikdesigners Javier Jaén wurde kurz vor der Weltpremiere des Films bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig 2021 in den sozialen Netzwerken präsentiert. Instagram erklärte jedoch das Plakat zu einem »Verstoß gegen die Richtlinien gegen Nacktheit« und zensierte sofort den Nippel. Es hagelte Proteste. Ist jenes Bild nicht das Natürlichste, das schon jedes Baby kennt? Ist die weibliche Brustwarze an sich pornografisch? Oder ist es die Pornoindustrie, die den Nippel vereinnahmt hat? Tragen nun die Vorgaben mancher sozialer Medien dazu bei, dass die weibliche Brustwarze nicht wie die männliche der Normalität zugehört, damit diese eher der Pornografie dienen kann? Abgesehen von solchen Fragen wurde auch noch die Kunstfreiheit diskutiert.

Kurz danach entschuldigte sich Instagram beziehungsweise sein Mutterunternehmen Facebook bei Almodóvar und Javier Jaén und stellte die Posts mit Nippel-Bildern wieder her: Es sei eine Ausnahme gemacht worden, hieß es, damit Nacktheit unter bestimmten Umständen, unter anderem im künstlerischen Kontext, erlaubt sei.

Das ist nicht frei von Ironie, dass ausgerechnet Pedro Almodóvar, eine der wichtigsten Figuren des postmodernen spanischen Kinos, der Vertreter der Movida Madrileña - jener hedonistischen Kulturbewegung in Madrid, die nach dem Tod des Diktators Francisco Franco endlich alle Freiheiten durchleben wollte -, sich nun mit einem Algorithmus konfrontiert sah, dem »nur« die weibliche Brustwarze pornografisch ist. Franco ist längst weg, nun bestimmen die Algorithmen die Konventionen.

Dabei ist es ein Merkmal des Kinos Almodóvars, das Konventionelle herauszufordern. In seinen Filmen werden der Körper und die Sexualität häufig in den Vordergrund gestellt. Alles, was in der alten Ordnung für »pervers« erklärt wurde, gehört in seinem Kino zur Normalität - vor allem Homosexuelle und Transmenschen. Seine Filme sind oft Bühne für alternative Kulturen. Die spanische Post-Franco-Identität wurde insbesondere in Almodóvars Werk international bekannt.

Doch der wichtigste Aspekt seines Kinos ist eine neue Machtverteilung der Geschlechter. In seinen Filmen spielen normalerweise Frauen die Hauptrollen, sie sind überhaupt diejenigen, die fähig sind, sich eine eigene Ordnung zu schaffen und aktiv zu agieren.

Auch sein neues Drama »Parallele Mütter« erzählt die Geschichte zweier Frauen: Janis (Penélope Cruz) und Ana (Milena Smit) lernen sich - beide hochschwanger - in einem Krankenhaus kennen. Janis ist fast 40, wurde nach dem Sex mit einem Liebhaber zufällig schwanger, bereut nichts und will unbedingt das Baby behalten. Ana ist erst 17, wurde von einer Gruppe von jungen Männern zum Sex gezwungen, weiß gar nicht, wer der Vater des Kindes ist und bringt trotzdem das Baby zur Welt. Sie tauschen Telefonnummern. Später werden sie mehr als nur Geburtsbuddys.

Die beiden Frauen sind nicht nur aus zwei unterschiedlichen Generationen, sondern auch sozialen Schichten. Janis ist ohne Vater aufgewachsen, ihre Hippie-Mutter hat sie nach Janis Joplin benannt. Nun ist auch sie bereit, ihre Tochter allein zu erziehen. Dabei scheint sie, trotz dieses und jenes Problems, alles im Griff zu haben. Ana hingegen ist in einem bürgerlichen Haus aufgewachsen, weiß nicht einmal, wie man Kartoffeln schält. Ihre Eltern sind geschieden; weder Vater noch Mutter will sie unterstützen. Da bietet Janis Hilfe an. Es entsteht eine besondere Art der Solidarität zwischen beiden Frauen. Penélope Cruz wurde für diese Rolle, in der Kategorie Beste Hauptdarstellerin, für einen Oscar nominiert.

Passend zu hybriden Identitäten und unkonventionellen Arten der Liebe, die häufig in seinen Filmen thematisiert werden, hybridisiert Almodóvar gerne auch die Form seiner Werke. Seine Filme sind oftmals bunte Collagen aus Drama, Theater, Video-Clips und Musik-Performances - Pop- und Kitsch-Elemente inklusive.

In »Parallele Mütter« zeigt er sich nun an einem weiteren Aspekt interessiert: die Historie des Landes. Janis will ein Massengrab ausheben lassen, in dem ihr Urgroßvater liegt - er wurde während des Spanischen Bürgerkrieges von Franquisten ermordet -, um ihn dann neben der Urgroßmutter zu begraben. Almodóvar wird in diesem Film in Gestalt von Janis direkt und auffordernd: In einer Szene ärgert sich Janis etwa, dass Ana ihre Landesgeschichte gleichgültig ist. Viele halten »Parallele Mütter« daher für den politischsten Film Almodóvars.

Auf jeden Fall scheint der 72-jährige Regisseur, der vor drei Jahren bei den Filmfestspielen in Venedig mit dem Goldenen Löwen für sein Lebenswerk geehrt wurde, mit »Parallele Mütter« jetzt in ziemlichem Kontrast zu dem zu stehen, was lange sein Kino ausmachte: Das Spielerische, das Unbestimmte, das sich nicht leicht Erklärende, eben das Postmoderne lässt in diesem Werk nach. Er neigt hier eher dazu, mit klaren Aussagen und parolenmäßigen Botschaften zu arbeiten. Und beendet seinen Film sogar mit einem Zitat des uruguayischen Journalisten und Schriftstellers Eduardo Galeano: »Die Geschichte ist niemals stumm. Egal wie sehr sie in Brand gesetzt oder kaputtgemacht wird, egal wie viele Lügen erzählt werden, die menschliche Geschichte weigert sich, den Mund zu halten.«

»Parallele Mütter«: Spanien 2021. Regie und Buch: Pedro Almodóvar. Mit: Penélope Cruz, Milena Smit, Rossy de Palma, Israel Elejalde, Aitana Sánchez Gijón und Julietta Serrano. 123 Minuten. Start: 10. März.

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