Vergessen und verlassen

Tausende ehemalige Ortskräfte sitzen weiterhin in Afghanistan fest

  • Von Cyrus Salimi-Asl
  • Lesedauer: 2 Min.
Die Bundeswehr hat afghanische Ortskräfte aus Kabul evakuiert, wie hier im August 2021, aber noch immer sitzen Tausende in Afghanistan fest und fürchten um ihr Leben.
Die Bundeswehr hat afghanische Ortskräfte aus Kabul evakuiert, wie hier im August 2021, aber noch immer sitzen Tausende in Afghanistan fest und fürchten um ihr Leben.

Noch immer müssen viele Afghan*innen, die mit der Bundeswehr oder Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) zusammengearbeitet haben, in Afghanistan ausharren, oftmals unter Lebensgefahr. Schon länger gibt es Hinweise, dass die Taliban gezielt Häuser durchsuchen auf der Suche nach ehemaligen Regierungsbeamten und Mitarbeitern jener Staaten, deren Soldaten Afghanistan 20 Jahre besetzt hielten. In den letzten Monaten wurden auch Fälle bekannt, wo Hochschuldozenten oder Frauenaktivistinnen einfach »verschwunden« sind. Auf diese Vorfälle hat der ARD-Korrespondent für Südasien, Peter Hornung, schon mehrfach auf Twitter hingewiesen. UN-Generalsekretär António Guterres zufolge gibt es glaubhafte Berichte, dass seit dem 15. August 2021 mehr als 100 sogenannte Ortskräfte getötet wurden, die bis dahin für verschiedene Staaten in Afghanistan gearbeitet haben.

Zwischen Mai und November 2021 gab es laut Tagesschau.de fast 25 000 Aufnahmezusagen von deutschen Behörden. Nach einem Sprecher des Bundesinnenministeriums vom Montag sind bislang 2444 Ortskräfte nach Deutschland eingereist; mit den Familienangehörigen seien es insgesamt 10 628 Personen. Dem Auswärtigen Amt zufolge sind seit August 2021 insgesamt 14 000 Visa ausgestellt worden, davon allein 8000 seit Jahresbeginn. Viele der gefährdeten Helfer*innen sitzen also noch fest in Afghanistan. Und es besteht nicht viel Hoffnung, dass sich das schnell ändern könnte.

Im Gegenteil: In Afghanistan verfolgt man genau – aber ohne Neid –, wie sich die Grenzen ganz schnell und weit öffneten für die Ukrainer*innen, die vor den russischen Bomben fliehen. Wie Privatpersonen Geflüchtete sogar abholen an der Grenze und nach Deutschland holen. An eine ähnlich große Hilfsbereitschaft können sich die Afghan*innen kaum erinnern. Frauenrechtsaktivistin Laleh Osmany, die inzwischen in Deutschland lebt, richtete am Donnerstag unter Tränen einen Appell ans Ausland, die afghanischen Frauen nicht zu vergessen. Hilfsorganisationen beklagen, dass die Aufmerksamkeit der Welt gerade der Ukraine gelte und die Taliban dies ausnutzten, um die Unterdrückung und Verfolgung besonders von Frauen auszuweiten. »Ich war auch ein Reporter der Deutschen Welle in Helmand, Afghanistan«, schrieb Rohullah Elham am Freitag auf Twitter, »aber die Deutsche Welle hat nicht auf meine E-Mail geantwortet und uns verlassen.«

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